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26.10.2011

14:53 Uhr

Kommentar

Die Stunde der schrecklichen Krisen-Vereinfacher

VonBernd Ziesemer

In der Finanzkrise, wenn Banken wackeln und Börsen fallen, wird gerne der sogenannte Zocker als der Schuldige gebrandmarkt. Grund sind die schrecklichen Vereinfachungen durch Politik und Medien.

Bernd Ziesemer. Pablo Castagnola

Bernd Ziesemer.

Der Begriff stammt ursprünglich aus der Sprache der Vaganten und Gauner, dem Rotwelschen. Er fällt so häufig wie kein zweiter, wenn es um Banken, Euro oder Finanzkrise geht. Google liefert allein 860.000 verschiedene Einträge für ihn - und täglich werden es mehr. Dabei vernebelt das neue Wieselwort mehr, als es erklärt.

Die Rede ist natürlich vom Zocker, dem Phänotyp der gegenwärtigen Finanzkrise. Banker und Börsianer, Großkapitalisten und Kleinanleger, ja ganze Staaten wie Griechenland oder Spanien subsumieren seit einiger Zeit im öffentlichen Bewusstsein als einziges großes Heer von Glücksrittern und Vabanquespielern. Dabei ist es in Wahrheit gar nicht so einfach zu definieren, wo ganz normale Kapitalanlage aufhört und das gefährliche Glücksspiel anfängt.

Das gilt auch für die vielgescholtenen Banken. Als gefährliche Zockerbuden gelten heute zum Beispiel alle Geldhäuser, die zu viele Staatsanleihen in ihren Büchern halten. Noch vor ein paar Jahren sah man die gleichen Banken häufig als Musterknaben erzkonservativer Anlagepolitik. Beispiel Portugal: Wer in den letzten Wochen die Staatsanleihen des angeschlagenen Euro-Landes kaufte, schloss praktisch eine Wette gegen die Märkte ab. Er hofft darauf, dass Portugal am Ende einer längeren Zitterpartie nicht den Weg Griechenlands gehen und seine Anleihen zurückzahlen wird. Dann winkt ein hoher Gewinn, der sich aus der Differenz zwischen dem niedrigen Kurs- und hohen Nominalwert der Papiere leicht errechnen lässt.

Aber waren wirklich alle Anleger Glücksspieler, die sich beispielsweise 2006 oder 2007 solche Staatsanleihen ins Depot legten? Oder sind ausgerechnet diejenigen schlimme Zocker, die sich schlicht nicht schnell genug von ihren Portugal-Papieren trennten, als die Verschuldungskrise ins öffentliche Bewusstsein drang? Dann wären umgekehrt diejenigen keine Zocker, die möglichst kurzfristig agieren und ihre Depots häufig umschichten? Die Fragen zu stellen heißt, sie zu beantworten.

Natürlich gibt es viele Finanzprodukte, die man als schlichte Wetten bezeichnen kann. Im Kleingedruckten ihrer finanziellen Beipackzettel müssen die Emittenten sogar darauf hinweisen. Aber Anleihen und Aktien gehören generell nicht in die Kategorie der Zockerprodukte. Auch mit ihnen kann man natürlich Teil- wie Totalausfälle erleiden, wie die jetzigen Monate zeigen. Aber trotzdem ist es ein gewaltiger Unterschied, ob sich Banken am hochkomplexen Derivatemarkt tummeln oder in Staatsanleihen investieren. Doch die schrecklichen Vereinfacher in der Politik und in den Medien, die momentan Oberwasser haben, scheuen die Mühe genauerer Betrachtung.

Für viele von ihnen, die ständig mit dem Wort Zocker um sich werfen, gibt es im Rotwelschen ebenfalls einen schönen Begriff. Sie sind bloße "Wolkenschieber", die ihre Unkenntnis der wirklichen Zusammenhänge mit einem kräftigen Wortgewitter übertönen.

Bernd Ziesemer. Der Autor ist Publizist und war viele Jahre Chefredakteur des Handelsblatts. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

26.10.2011, 15:03 Uhr

Danke für diesen Kommentar.

Das ist mal ein Anfang der Aufklärung.

Account gelöscht!

26.10.2011, 15:16 Uhr

Volle Zustimmung! Daher muß eine mögliche Lösung in Richtung eines Glass-Steagall-Acts gehen, Trennbankensystem, wie bis 1998 in USA. Dann können die "Zockerbuden" (also grob vereinfacht "die mit den Derivaten") pleite gehen ohne Schaden anzurichten. Normale Kreditbanken (im Zweifel "die mit den Staatsanleihen" im Bestand) könnten und sollten im Falle eines Falles dann durchaus gestützt werden. Nur wären hier bei weitem nicht die Summen vonnöten wie heuer.

Investor

26.10.2011, 15:59 Uhr

Aussergewöhnlich gute und sachliche Aufklärung. Mehr davon!
Wenn ich sehe, dass selbst konservative Medien sich nicht genieren, die Banken pauschal als "Verursacher der Krise" zu titulieren (FASZ vom 16.10.) sehe ich noch grossen Aufklärungsbedarf.

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