Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

25.05.2012

12:07 Uhr

Kommentar

Ein Herz und eine Niere

VonDagmar Rosenfeld
Quelle:Zeit Online

12.000 Menschen warten in Deutschland auf eine Organspende. Doch die große Mehrheit hat keinen Spendeausweis. Daran wird sich durch den Brief der Krankenkassen auch wenig ändern.

An der Bereitschaft zur Organspende wird sich auch durch das neue Gesetz wenig ändern. dapd

An der Bereitschaft zur Organspende wird sich auch durch das neue Gesetz wenig ändern.

Hamburg12.000 Menschen warten in Deutschland auf eine Organtransplantation, für die meisten ist es die einzige Chance, zu überleben. 80 Prozent der Deutschengeben ihnen diese Chance nicht. Ich gehöre dazu.

Ich habe keinen Organspendeausweis, so wie Millionen andere in diesem Land. Dabei wäre ich bereit, nach meinem Tod Herz, Niere oder Lunge herzugeben, so wie die große Mehrheit der Millionen.

Trotzdem habe ich mir nie diesen Spendeausweis besorgt. Vielleicht, weil ich eine Auf-später-Verschieberin bin. Vielleicht, weil ich den Tod in meinem Leben gerne außen vor lasse. Einen wirklich konkreten Grund kann ich nicht nennen, wie die meisten der eigentlich Spendewilligen.

Eine Informationsoffensive, die ein fraktionsübergreifender Gesetzentwurf vorsieht, soll nun die Zahl der Organspender steigern: Die Krankenkassen werden Infomaterial samt Spenderausweis an alle Versicherten verschicken und dies in Abständen von zwei Jahren wiederholen.

Wie läuft eine Organspende ab?

Der Hirntod wird festgestellt

Ehe jemand als Spender infrage kommt, müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Dieser tritt ein, sobald im Großhirn, im Kleinhirn und im Hirnstamm keinerlei Aktivität mehr gemessen werden kann. Damit die Organe nicht geschädigt werden, muss der Spender künstlich beatmet werden.

Untersuchung des Spenders

Wenn geklärt ist, dass Organe entnommen werden dürfen, wird der hirntote Spender auf Tumorerkrankungen und Infektionen untersucht. Das soll sicherstellen, dass der Empfänger eines Organs nicht gefährdet wird.

Der Spender wird gemeldet

Die Daten des Spenders werden an die europäische Vermittlungsstelle „Eurotransplant" geschickt. Hier wird auf den Wartelisten nach passenden Empfängern gesucht.

Die Organe werden entnommen

Anschließend werden dem Verstorbenen die Organe entnommen, die er bereit war zu spenden. Der Leichnam wird dann für eine Aufbahrung vorbereitet und kann bestattet werden.

Die Organe werden transportiert

Die Organe werden gekühlt und verpackt und an ihren Bestimmungsort gebracht. Sie werden mit dem Krankenwagen transportiert oder in dringenden Fällen auch per Flugzeug ausgeflogen.

Eine nette Aktion, die allerdings kaum Auswirkung auf die Spenderquote haben dürfte. Schon jetzt sind die Kassen zur Aufklärung verpflichtet, gebracht hat es nichts. Im vergangenen Jahr sind die Spendezahlen sogar zurückgegangen. Zugegeben, die Wahrscheinlichkeit steigt, dass mehr Menschen einen Spenderausweis ausfüllen, wenn sie ihn erst einmal in der Hand halten. Doch Papier ist nicht nur geduldig, es lässt sich auch leicht beiseite legen (um dann in Vergessenheit zu geraten) oder wegschmeißen. Davon auszugehen, jedem liege das Thema Organspende so sehr am Herzen, dass er sich damit beschäftigt und einen Ausweis ausfüllt, wenn er denn nur die nötigen Informationen in der Post hat, ist eine schöne Vorstellung – aber auch eine unrealistische.

Stattdessen könnte die Politik nutzen, dass die Organspende längst gesellschaftlicher Konsens ist. Das schafft die Möglichkeit für eine Gesetzesinitiative, die die bisherige Handhabung umkehrt: Jeder erwachsene Bürger gilt als potenzieller Spender, bis er das Gegenteil erklärt. Nachteile hat er deshalb nicht zu befürchten. Diese Widerspruchsregelung ist in Ländern wie Spanien, Italien oder Österreich Praxis. Und dort ist die Spendenrate deutlich höher als in Deutschland.

Was man über Organspenden wissen sollte

Zustimmung zur Organspende

Wer in Deutschland nach dem Hirntod seine Organe spenden möchte, muss einer Entnahme ausdrücklich zustimmen. Das ist am einfachsten mit einem Organspendeausweis möglich. Darin kann jeder festlegen, ob er generell mit einer Organ- und Gewebespende einverstanden ist oder auch nicht. Die Bereitschaft lässt sich aber auch einschränken: Wer etwa nicht möchte, dass sein Herz entnommen wird, kann dies auf dem Ausweis vermerken.

Der Hirntod wird festgestellt

Ehe jemand als Spender infrage kommt, müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Dieser tritt ein, sobald im Großhirn, im Kleinhirn und im Hirnstamm keinerlei Aktivität mehr gemessen werden kann. Damit die Organe nicht geschädigt werden, muss der Spender künstlich beatmet werden.

Zustimmung der Verwandten bei hirntoten Spendern

Wenn ein möglicher Spender zu Lebzeiten nichts verfügt hat, wird nach seinem Tod mit den Angehörigen gesprochen und gefragt, ob sie einer Spende zustimmen.

Gewebespende

Das Gewebegesetz ergänzt das Transplantationsgesetz und regelt unter anderem die Entnahme von Knochen, Knorpeln, Augenhornhäuten und Herzklappen.

Lebendspende

In Deutschland regelt seit 1997 das Transplantationsgesetz die Organspende sowohl für Spenden während des Lebens als auch nach dem Tod. Wer zeitlebens etwa eine Niere spenden will, muss volljährig sein und über alle Risiken aufgeklärt werden. Ein Organ kann allerdings nur Verwandten, Ehegatten, Lebenspartnern oder engen Freunden gespendet werden.

Auswahl der Empfänger

Organe dürfen nur in den deutschlandweit gut 40 Transplantationszentren übertragen werden. Wer als Empfänger infrage kommt, ist auf einer Warteliste vermerkt. Bei jedem Organ wird geprüft, wer es am dringendsten benötigt und bei wem die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung am größten erscheinen. Dabei ist es unabhängig, ob eine Person arm oder reich, berühmt oder der Öffentlichkeit unbekannt ist.

Organhandel

Der Handel mit Organen ist nach dem Gesetz verboten und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Abgeschwächte Strafen gelten für den Verkauf und Erwerb von Produkten, die aus Gewebe und Organen hergestellt worden sind.

Widerspruchsregelung

In Österreich und Belgien gilt eine Widerspruchslösung: Hier zählt jeder von Geburt an als Organspender. Wer gegen eine Entnahme von Gewebe und Organen ist, muss dies ausdrücklich erklären. Allerdings wird auch in diesen Ländern immer auch mit den Angehörigen gesprochen und geklärt, ob Einwände gegen die Spende bestehen.

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Organhaendler

25.05.2012, 13:03 Uhr

Ich werde auf keinen Fall Organspender. Das Vertrauen in den Staat und in das Gesundheitswesen ist rapide am sinken. In einigen Jahren erleidet man vielleicht einen "Unfall", weil man ein Organ hat, dass ein Politiker oder Wirtschaftsboss benötigt.

Account gelöscht!

25.05.2012, 13:09 Uhr

Mr. Ockham, gut dass es Sie gibt, der anderen verbietet sich zu äussern, wenn ihm der Inhalt missfällt, aber selbst keine inhaltliche Gegendarstellung bietet.

dw-seneca

25.05.2012, 13:11 Uhr

ich bin kein Mediziner, aber so unlogisch klingt das nicht, was Say geschrieben hat. Immerhin müssen Organe m.W. möglichst "frisch" gewonnen werden. Also müssen Ärzte wohl auch sehr zeitnah lebenswichtige Entscheidungen treffen.

Im übrigen gibt es recht zahlreiche Berichte über Organentnehmen am lebenden Menschen, und zwar aus reiner Profitgier. Eine Profitgier, die auch bei unseren Ärzten weit verbreitet ist. Viele Eingriffe der Mediziner dienen einzig und alleine deren Geldbeuteln.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×