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02.05.2017

14:39 Uhr

Kommentar

Ein Ladenhüter namens Leitkultur

VonPeter Thelen

Innenminister de Maizière hat ein Thema aufgewärmt, dass zu Beginn des Jahrtausends schon mal für Furore gesorgt hat: die deutsche Leitkultur. Doch das ist überflüssig. Kultur eignet sich nicht als Integrations-Keule.

Der Vorstoß von Bundesinnenminister Thomas de Maizière ist überflüssig wie ein Kropf. dpa

Thomas de Maiziere

Der Vorstoß von Bundesinnenminister Thomas de Maizière ist überflüssig wie ein Kropf.

BerlinDie Debatte über die deutsche Leitkultur ist zurück. Innenminister de Maizière präsentiert per Medien einen Zehn-Punktekatalog. Als Reaktion schlägt ihm massive Kritik entgegen – aus allen politischen Lagern außer dem eigenen. FDP-Chef Christian Lindner dürfte mit seiner Einschätzung ziemlich nah bei der Wahrheit liegen. Er unterstellt dem Bundesinnenminister zwei Motive für seinen aktuellen Vorstoß in Sachen deutsche Leitkultur: Thomas de Maizière wolle ablenken von der chaotischen Zuwanderungspolitik der CDU und er fürchte um seinen Job angesichts des möglichen Wechsels des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann nach Berlin.

Herrmann soll nach dem Willen seines Parteichefs Horst Seehofer CSU-Spitzenkandidat der Bayern bei der Bundestagswahl werden und könnte ihm folglich nach einem Wahlerfolg der CSU den Ministerjob streitig machen. Aber Kritik gibt es auch von SPD und Grünen. Der frühere Umweltminister Jürgen Trittin nannte es gar „pure rechte Stimmungsmache“.

In der Tat ist dieser Vorstoß in der Sache überflüssig wie ein Kropf. Die zehn Eigenschaften, die de Maizière zur deutschen Leitkultur zählt, vom Handschlag als Ausdruck der Höflichkeit (statt Burka) bis zu den christlichen Feiertagen und dem Lob der deutschen Konsensdemokratie und deutscher Rechtsstaatlichkeit, stehen in der Tat allesamt für Sachverhalte und Werthaltungen, die unsere Gesellschaft auszeichnen. Das gilt auch für den aufgeklärten „Verfassungspatriotismus“, dem der Innenminister das Wort redet.

De Maizières Thesen zur Leitkultur

Erstens

„Wir legen Wert auf einige soziale Gewohnheiten (...): Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand. (...) Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka.“

Zweitens

„Wir sehen Bildung und Erziehung als Wert und nicht allein als Instrument. (...) Allgemeinbildung hat einen Wert für sich.“

Drittens

„Wir sehen Leistung als etwas an, auf das jeder Einzelne stolz sein kann. (...) Wir fordern Leistung. (...) Wir leisten auch Hilfe, haben soziale Sicherungssysteme und bieten Menschen, die Hilfe brauchen, die Hilfe der Gesellschaft an.“

Viertens

„Wir sind Erben unserer Geschichte, mit all ihren Höhen und Tiefen. Unsere Vergangenheit prägt unsere Gegenwart und unsere Kultur. (...) Dazu gehört auch ein besonderes Verhältnis zum Existenzrecht Israels.“

Fünftens

„Wir sind Kulturnation. Kaum ein Land ist so geprägt von Kultur und Philosophie wie Deutschland.“

Sechstens

„In unserem Land ist Religion Kitt und nicht Keil der Gesellschaft. (...) Ein solcher Kitt für unsere Gesellschaft entsteht in der christlichen Kirche, in der Synagoge und in der Moschee. (...) Kirchliche Feiertage prägen den Rhythmus unserer Jahre. Kirchtürme prägen unsere Landschaft. Unser Land ist christlich geprägt.“

Siebtens

„Zum Mehrheitsprinzip gehört der Minderheitenschutz. (...) Für uns sind Respekt und Toleranz wichtig. Wir akzeptieren unterschiedliche Lebensformen und wer dies ablehnt, stellt sich außerhalb eines großen Konsenses. Gewalt wird weder bei Demonstrationen noch an anderer Stelle gesellschaftlich akzeptiert. Wir verknüpfen Vorstellungen von Ehre nicht mit Gewalt.“

Achtens

„Wir sind aufgeklärte Patrioten. Ein aufgeklärter Patriot liebt sein Land und hasst nicht andere.“

Neuntens

„Wir sind Teil des Westens. Kulturell, geistig und politisch. Die NATO schützt unsere Freiheit. Sie verbindet uns mit den USA, unserem wichtigsten außereuropäischen Freund und Partner. Als Deutsche sind wir immer auch Europäer.“

Zehntens

„Wir haben ein gemeinsames kollektives Gedächtnis für Orte und Erinnerungen.“

Nur ist „Leitkultur“ nicht der passende Oberbegriff für diese Eigenschaften. Das war er schon nicht, als der CDU-Politiker Friedrich Merz um die Jahrtausendwende als Erster die Unterordnung von Zuwanderern unter eine „deutsche Leitkultur“ forderte. Denn wer die deutsche Kultur zur Integrations-Keule macht, verkennt nicht nur, dass sie für viele Flüchtlinge gerade der Grund war, warum sie vor Krieg und Verfolgung ausgerechnet nach Deutschland geflohen sind.

Er nimmt ihr auch ihre Strahlkraft. Es geht in der Tat darum, Zuwanderer für unsere Kultur zu gewinnen. Sie sollen hier Erfahrungen machen, die sie motivieren, von sich aus ein vollwertiger Teil der Gesellschaft zu werden. Auch hier fand Lindner treffende Worte: Grundlage dafür sei das liberale, bunte und weltoffene Grundgesetz – und eben keine dumpfe Leitkultur.

Kommentare (23)

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Herr Marc Hofmann

02.05.2017, 14:53 Uhr

Die einzige Partei in Deutschland, die auch die Deutschen Bürger Interessen vertritt, ist und bleibt die AfD!
Was will jetzt also dieser Innenminister von der CDU da noch anmelden...der wird eh von seiner Grün-Sozialistischen Merkel Führung wieder zurückgepfiffen.

Herr Clemens Keil

02.05.2017, 15:05 Uhr

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Clemens Keil

02.05.2017, 15:07 Uhr

Und wie verträgt sich De Maziere's Leitkultur mit der bayerischen Kultur light der Schwesterpartei CSU?
Bayerische Leitkultur! Kultur light? Gilt das eigentlich auch für Einheimische?
Versuch einer Annäherung.
Entsprechend dem "Senegalesen-Gleichnis" muß man wohl auch die mit geschürzten Lippen dahergebetete und frömmelnd wie eine Monstranz vor sich hergetragene "bayerische Integration" als das nehmen, was Scheuer und seine CSU darunter verstehen: CSU-amtliche Heuchelei unter dem Deckmantel bayerischer Leitkultur = lt. CSU:
Schweinsbraten, Christkindl-Märkte, Handschlag, keine Kopftücher,...
Ihr geschichtsvergessene CSU-Brut! Habt ihr schon abgeschrieben
- den Dorfbäcker? Dorfmetzger? Dorfapotheker? Dorfpolizist?
- den Dorfpfarrer? Dorfdepp?
- den Dorfladen? das Dorfwirtshaus?
- die Zwergschulen?
- den Bauernmarkt?
- den Saustall? die Kuhweide? den Hühnerhof? den Misthaufen?
- das Kirchenglockengeläut? die Prozessionen/Wallfahrten?
- die freie Fahrt auf freien Straßen?
- den Speckgürtel? den Halbstoadterer?
- den Schützenverein? den Schützenkönig?
- die Staatspartei? den Alpenbayatolla?

Und was außer einer Maß Bier und Semmelnknödeln soll bitte zum Schweinsbraten gegessen und getrunken werden? Und was, wenn nicht Dirndl und Lederhose getragen werden? Und was, wenn nicht Dialekt gesprochen wird?
Offen ist, ob Ichlinge, denen charakterliche Schwächen und ein Hang zu Schmutzeleien gewissermaßen "notariell" bescheinigt wird, den Ansprüchen der bayerischen Leitkultur gerecht werden. Was, wenn nicht?

Postfaktische Welt?
http://youtu.be/QqoSPmtOYc8

Wiesn-Hit?
- Einzug: http://youtu.be/mLt-5TNLN98
- Durchzug: http://youtu.be/K9osM5UDUoc
- Auszug: http://youtu.be/ne8KYPOf__o

Viel Spaß und neue Erkenntnisse beim Anhören!

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