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04.01.2012

19:53 Uhr

Oliver Stock

Oliver Stock, stellvertretender Chefredakteur des Handelsblatts

Dieser Mann hat Nehmerqualitäten. Obwohl Christian Wulff einen Fehler nach dem anderen gemacht hat, obwohl ihm der Wind der veröffentlichten Meinung ins Gesicht bläst wie nie zuvor und obwohl selbst die Kanzlerin eine Erklärung vom Bundespräsidenten forderte und damit ein unausgesprochenes „sonst“ wie eine Drohung nachschwingen lässt, will Wulff im Amt bleiben.

Er kämpft um seine nächste Chance mit fast schon abenteuerlicher Logik, wenn er im Interview erklärt, dass sein Verhalten gegenüber der Bild-Zeitung „nicht vereinbar mit seinem eigenen Amtsverständnis“ gewesen sei. Nur leise klingt sein Widerspruch, wenn er seine Reisen zu Freunden aus der Industrie, die ihn freigehalten haben, verteidigt. Laut dagegen schlägt er sich auf die Brust und beklagt die eigenen Fehler.

Wenn er nun bleiben will, verhält er sich nach dem Motto all jener Politiker von Guttenberg bis Westerwelle, die denken: „Wenn sich meine Politik von gestern nicht bewährt, dann mache ich eben morgen eine andere.“ Wulff erweist sich damit als ähnlich wachsweich wie jener Klebstoff, der ihn offenbar an seinen Amtsessel bindet. Er tut sich und uns damit keinen Gefallen. Sich nicht, weil er kein glücklicher Präsident mehr werden kann. Welche Worte will er noch finden, die nicht vor dem Hintergrund dessen, was in dieser Affäre alles geschehen ist, hohl klingen? Wo will er in Deutschland noch auftreten, ohne dass sich nicht jeder Zuschauer an diese Tage um den Jahreswechsel erinnert?

Und uns nicht, weil wir einen Bundespräsidenten wollen, der den Kompass mit sich trägt. Dessen Haltung von innerer Überzeugung geprägt ist und nicht nur vom Wunsch in einem Amt zu bleiben, das er selbst schwer beschädigt hat. Dieser Präsident hat bisher wenig zu sagen gehabt. Künftig müssen wir uns überlegen, ob wir ihm überhaupt noch zuhören wollen.

Kommentare (24)

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Pro-D

04.01.2012, 20:28 Uhr

Ich finde auch J. Gauck, der schon damals frei in den Westen reisen konnte, wann immer ihm danach war, passt besser als braver und aalglatter Bundespräsident.

Joachim Gauck hatte im Gegensatz zu den meisten, die er später mit den Stasi-Akten (ob echt oder gefälscht und manipuliert) belasten ließ, auch schon vor 1989 das Privileg, das nur sehr wenigen auserwählten DDR-Kadern zustand, jederzeit nach Westdeutschland und in andere westliche Länder reisen zu dürfen, ausgestattet mit Staatsgeldern der von ihm angeblich schon damals so gehassten DDR.

ber seine West-Reisen und West-Besuche berichtete er auch treu und brav den DDR-Oberen und letztlich auch dem Staatssicherheitsdienst. Er konnte unbegrenzt West-Kontakte pflegen, jeden West-Besuch empfangen, West-Pakete und West-Geldspenden entgegennehmen und dergleichen mehr. Solche Privilegien hatten nicht einmal hohe Staats- und Parteifunktionäre der DDR!

catweezle

04.01.2012, 20:49 Uhr

Sehr geehrter Herr Stock, wenn ich an ihren gestrigen Kommentar denke, weiß ich nicht mehr ob sie im heutigen Kommentar nicht vor allem über sich selbst gesprochen haben.
Glaubwürdigkeit?? heute so morgen so?? Ich weiß nicht ob ich in Zukunft noch Kommentare von Ihnen lesen soll? Aber die Ansprüche die man an einen Chef-Redakteur stellt sollte man vielleicht auch nicht allzu hoch hängen. Ich schätze die Arbeit von allen redlichen Journalisten!

W.Giesebrecht

04.01.2012, 20:55 Uhr

Vielen Dank ob des sachkompetenden Artikels "Nehmerqualitäten"
und möge dieser billige Politikspuk,
der durchaus an bestes italienisches Schmierentheater erinnert, durch eine schnelle Neubesetzung des ersten Mannes im deutschen Staate dann doch noch eine würdevolle Versöhnung erfahren...

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