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22.04.2015

12:34 Uhr

Kommentar zum Arbeitskampf

Warum der Kita-Streik die Falschen trifft

VonTina Halberschmidt

Ja, die Erzieher und Erzieherinnen verdienen eine bessere Entlohnung. Sie leisten wertvolle Arbeit. Der aktuelle Streik der Gewerkschaft Verdi trifft aber vor allem die Eltern. Und damit die Falschen. Ein Kommentar.

Der Kita-Streik, den Verdi vorantreibt, geht in erster Linie nicht zu Lasten der öffentlichen Arbeitgeber. Er geht zu Lasten der Eltern und der Unternehmen, für die diese arbeiten. dpa

Der Kita-Streik, den Verdi vorantreibt, geht in erster Linie nicht zu Lasten der öffentlichen Arbeitgeber. Er geht zu Lasten der Eltern und der Unternehmen, für die diese arbeiten.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich liebe unsere Kita! Ich schätze die tägliche Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher vor Ort. Wie liebevoll sie dort mit den Kindern umgehen, wie kreativ sie mit den Kleinen basteln und ihnen geduldig immer wieder das gleiche Buch vorlesen – Respekt!

Und ja, ginge es nach mir, dann würde jede einzelne Mitarbeiterin mehr verdienen als das, was am Ende des Monats tatsächlich auf ihrem Konto landet. Die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher in den (nicht nur städtischen) Kindertagesstätten ist unglaublich wertvoll – dass sie nun versuchen, mit Streiks darauf aufmerksam zu machen, was sie leisten und wie schlecht sie dafür entlohnt werden, dafür habe ich Verständnis.
Ich habe deswegen auch immer freundlich genickt, wenn wir (inzwischen drei Mal!) darüber informiert wurden, dass „morgen wieder Streik“ sei, wir also selbst für die Betreuung unserer Tochter sorgen müssen. Zum Glück gibt es in unserer Familie eine Oma, die – auch kurzfristig – einspringen kann. Und wenn die Oma selbst mal Termine hat, können Papa oder Mama einen Tag zu Hause bleiben, ohne dass der Arbeitgeber gleich nervös wird.
Ich weiß: Viele andere berufstätige Eltern haben dieses Privileg nicht. Und auch bei uns könnte es problematisch werden, wenn der Nachwuchs mehrere Tage hintereinander zu Hause bleiben müsste. Mir wird deswegen ganz anders, wenn ich höre, dass Verdi-Chef Bsirske mit „unbefristeten Kita-Streiks“ droht. Denn dieser Streik – so berechtigt er auch sein mag – er geht allein zu Lasten der Eltern.

Tina Halberschmidt ist Social-Media-Redakteurin des Handelsblatt hat eine kleine Tochter. Frank Beer für Handelsblatt

Die Autorin

Tina Halberschmidt ist Social-Media-Redakteurin des Handelsblatt hat eine kleine Tochter.

Und das in mehrfacher Hinsicht: Eltern, die ihre Kinder in städtischen Kitas untergebracht haben, haben nicht nur das Problem, die Tage (oder gar Wochen?) überbrücken zu müssen, in denen die Kita bestreikt wird. Sie bezahlen auch für eine Leistung, die sie nicht erhalten. Und das nicht zu knapp: In vielen Städten und Gemeinden kostet gerade die U-3-Betreuung jeden Monat eine schöne Stange Geld. Geld, das die die Eltern in den allermeisten Fällen nicht zurückbekommen, denn Streik ist „höhere Gewalt“, wie mir ein Sprecher der Stadt Düsseldorf bestätigte.
Für viele Eltern könnte ein unbefristeter Streik also richtig teuer werden. Vor allem für jene, die für die Streiktage kurzfristig eine Tagesmutter engagieren müssen, um die Betreuungslücke zu schließen.
Die Städte und Gemeinden als kommunale Träger der Kindergärten hingegen sparen, je länger ein Kita-Streik dauert. Das ist das eigentlich Perfide: Jeder Tag, an dem sich das Kita-Personal im Ausstand befindet, wird aus der Streikkasse der Gewerkschaft finanziert. Die öffentlichen Arbeitgeber kürzen das Gehalt entsprechend. Am Ende des Monats müssen sie ihren Angestellten weniger überweisen als sonst. Unter dem Strich heißt das: Die Städte verdienen an den Streiks sogar. Schließlich haben die Eltern bezahlt.
Der Kita-Streik, den Verdi vorantreibt, geht also in erster Linie nicht zu Lasten der öffentlichen Arbeitgeber, die er eigentlich treffen sollte. Er geht zu Lasten der Eltern und der Unternehmen, für die diese arbeiten. Das ist ungerecht – und trägt sicher nicht dazu bei, dass die betroffenen Eltern weiterhin freundlich nicken, wenn ihnen wieder ein neuer Streik angekündigt wird. Die Gewerkschaften sind daher am Zug: Sie sollten den Eltern Möglichkeiten aufzeigen, wie sie sich mit den Erzieherinnen solidarisieren können. Nur so trifft es am Ende tatsächlich die Richtigen.

Kommentare (6)

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Herr Werner Wilhelm

20.04.2015, 14:50 Uhr

Typisch deutscher Michel. Streik: na ja ... aber er darf _mir_ nicht weh tun.

Herr Jordache Gehrli

20.04.2015, 15:45 Uhr

HÄ? Wenn die Bahn oder Lufthansa streikt, dann trifft es die RICHTIGEN?
Ein Streik trifft immer den Falschen! Merkwürdiger Kommentar....

Herr Niccolo Machiavelli

21.04.2015, 07:56 Uhr

"Der Kita-Streik, den Verdi vorantreibt, geht also in erster Linie nicht zu Lasten der öffentlichen Arbeitgeber. Er geht zu Lasten der Eltern und der Unternehmen, für die diese arbeiten. Das ist ungerecht – und trägt sicher nicht dazu bei, dass die betroffenen Eltern weiterhin freundlich nicken, wenn ihnen wieder ein neuer Streik angekündigt wird."

Und der Kita-Besuch, den die Politik vorantreibt, geht finanziell in erster Linie nicht zu Lasten der Eltern, sondern der öffentlichen Haushalte. Er geht in erster Linie zu Lasten der Steuerzahler, die für die Kita-Kosten arbeiten dürfen. Das ist ungerecht-und trägt sicher nicht dazu bei, dass die betroffenen Steuerzahler weitehrin freundlich nicken, wenn ihnen wieder Tariferhöhungen angekündigt werden.

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