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04.06.2015

08:33 Uhr

Kommentar zum Kita-Streik

Arbeit am Menschen aufwerten – auch bei der Bezahlung

VonFrank Specht

Die gute Nachricht für die Eltern: Die Streiks in den Kitas enden. Die schlechte: Niemand weiß, ob sie nicht wieder aufgenommen werden. Denn inhaltlich sind sich Gewerkschaften und Arbeitgeber keinen Deut näher gekommen.

Streik beendet

Kitas haben ab Montag wieder auf

Streik beendet: Kitas haben ab Montag wieder auf

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BerlinMehr Geld für Erzieherinnen, die Sonderaufgaben wie die musische Früherziehung oder Inklusion übernehmen – das reicht Verdi, GEW und Beamtenbund nicht. Ohne eine Aufwertung der gesamten Palette der Sozial- und Erziehungsberufe wollen sie im Tarifstreit nicht klein beigeben. Dabei können sie auch nach fast vier Wochen Streik immer noch auf breiten gesellschaftlichen Rückhalt zählen.

Bei ihren nächtlichen Verhandlungen in Berlin werden die Gewerkschaften aufmerksam registriert haben, dass nach einer neuen Umfrage immer noch 69 Prozent der Bundesbürger den Kita-Streik für gerechtfertigt halten, immerhin 53 Prozent wünschen ihnen auch eine bessere Bezahlung.

Frank Specht berichtet für das Handelsblatt aus Berlin über die Themen Arbeitsmarkt und Gewerkschaften.

Der Autor

Frank Specht berichtet für das Handelsblatt aus Berlin über die Themen Arbeitsmarkt und Gewerkschaften.

Auch die Politik, die sich sonst aus Tarifverhandlungen aus gutem Grund heraushält, hat dieses Mal kräftig mitgemischt: Vizekanzler Sigmar Gabriel oder Familienministerin Manuela Schwesig (beide SPD) waren nur die prominentesten Fürsprecher einer Aufwertung des Sozial- und Erziehungsdienstes.

Allerdings haben die Gewerkschaften auch gemerkt, dass die Eltern an ihrer Belastungsgrenze angekommen sind. Für ein paar Streiktage lässt sich mit der Oma oder befreundeten Eltern noch Ersatz für die Kita-Betreuung organisieren. Wenn aber der Jahresurlaub geopfert werden muss, um sich um die eigenen Kinder kümmern zu können, schwindet das Verständnis sehr schnell. Mit jedem weiteren Streiktag liefen Verdi und Co. Gefahr, dass die Stimmung zu ihren Ungunsten kippt.

Zumal ja auch die Argumente der Arbeitgeber etwas für sich haben. Geben sie nach, müssten sie Feuerwehrleuten oder Verwaltungsangestellten erklären, warum Erzieherinnen nun im Schnitt zehn Prozent mehr Geld bekommen sollen und sie selbst trotz vergleichbarer Ausbildung leer ausgehen. Immerhin 41 Prozent der Deutschen halten die Bezahlung in den Kitas für angemessen. Etwas mehr Geld für Erzieherinnen geben die kommunalen Kassen angesichts sprudelnder Steuereinnahmen sicher noch her.

Doch das Tarifgefüge des öffentlichen Dienstes würde ins Wanken geraten, sollten sich die Gewerkschaften hier auf ganzer Linie durchsetzen. Die Schlichter, die nun zum Einsatz kommen, stehen vor der schwierigen Aufgabe, diese unverrückbaren Gegensätze zu einem Kompromiss zu bringen.

Reaktionen auf Kita-Streik

„Es geht einfach nicht mehr“

Reaktionen auf Kita-Streik: „Es geht einfach nicht mehr“

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Ein Gutes haben die Streiks – trotz allen Ärgers für die Betroffenen – aber schon gebracht. In Deutschland wird wieder so intensiv über den Wert von Arbeit diskutiert, wie schon lange nicht mehr. Die Arbeit mit und am Menschen wird immer wichtiger werden. Digitalisierung und Automatisierung werden die Rolle der Industrie als Jobmotor zunehmend in Frage stellen. Bei der Kinderbetreuung, aber auch in der Altenpflege fehlt dagegen schon heute Personal.

Erzieher: Kita-Streik endet – Tarifstreit geht weiter

Erzieher

Kita-Streik endet – Tarifstreit geht weiter

Eltern atmen auf: Die Kitas öffnen wieder. Und das, obwohl es im Tarifstreit keine Einigung gibt: So endeten nach zähen Runden die Verhandlungen für Erzieher und Sozialarbeiter. Nun heißt es Schlichtung statt Streik.

Wenn wir anerkennen, dass diese Jobs mindestens ebenso wichtig sind wie der eines Industriearbeiters, dann werden wir um eine Aufwertung nicht herumkommen – auch bei der Bezahlung. Klar ist aber auch, dass die Lasten nicht allein den Kommunen aufgebürdet werden dürfen. Wer frühkindliche Bildung oder ein Altern in Würde als gesamtgesellschaftliche Aufgaben begreift, wie Gabriel und Schwesig deutlich gemacht haben, darf sich vor der Finanzierung nicht drücken.

Kommentare (6)

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Herr Heinz Keizer

04.06.2015, 11:37 Uhr

es ist populistisch den Wert der Arbeit in verschiedenen Branchen zu vergleichen und auch unmöglich. Es kann immer nur eine subjektive Wertung sein. Wenn aber die Gewerkschaften um so viel höhere Bezüge wollen, können sie das nur, weil nicht die Empfänger der Dienstleistung zahlen müssen, sondern die Allgemeinheit. Es gäbe eine einfache Lösung: Die Kosten für die Kita werden von den Eltern getragen. Die Subvention erfolgt direkt bei bedürftigen Eltern oder Alleinerziehenden. Dann kann jeder überlegen, ob er seine Kleinstkinder selber betreut oder in die Kita schickt (schicken muß). Betreuungsgeld entfällt dann auch. Die Betreuer(innen) müßten auch deutlich schneller ausgebildet werden und dann auch entsprechend früher Geld verdienen. Wenn die Zahlen in den Medien stimmen, kommt die Ausbildungszeit ja schon fast an ein Medizienstudium.

Herr Günther Schemutat

04.06.2015, 12:19 Uhr

Die Anforderunger aus der Politik an Erzieherinnen erfordern eine 4 bis 5 jährige Ausbildung
zum Erzieher(in , aber Wirklichkeit und Lüge klaffen weit auseinander. Würde man vor Wahlen streiken, wäre der Streit schon längst zuende. Nun hofft die Politik darauf, dass Eltern irgendwann auf die Erzieher/innen losgehen.

Die Abschaffung von Kitagebühren bezahlen die Erzieher/innen mit Überlastung und
Kitas können nur noch Aufbewahrungsanstalten sein . Dahin soll es wohl gehen. Schlisslich sind noch 4 Millionen Hartz 4 Empfänger unterzubringen.

Herr Hendrik Hustert

04.06.2015, 12:20 Uhr

Arbeit aufwerten durch bessere Bezahlung? Das hat noch nie funktioniert und wird auch nie funktionieren.
Die Forderung nach mehr Geld paßt nicht zu den von den Erzieherinnen und Erziehern beschriebenen Problemen der Überlastung, höherer Anforderungen und mehr Betreuungsaufwand. Wenn die Forderung heißen würde: "Mehr Perosonal!", "Bessere Schulungen!" oder "Durchdachte Betreuungskonzepte, statt immer nur Rumgewurschtel!" würde ich den Streik verstehen. Mehr Geld löst aber nicht eins der so oft beschriebenen Probleme. Warum also auf der einen Seite wahrscheinlich berechtigte Beschwerden und auf der anderen Seite eine unverständliche aber in den Gewerkschaftstenor passende Forderung nach höherer Bezahlung. Liegt es vielleicht daran, dass die Gewerkschaftsbeiträge an die Gehälter gekoppelt sind? Wir eine höhere Einstufung nicht letztenendes dazu führen, das die Personalzustände weiter verschärft werden? Wir haben diese Prozesse ja auch schon in vielen Industriebereichen durchgemacht. Auch dort hat es zu mehr Druck auf den einzelnen Mitarbeiter geführt.

Wenn die Mitarbeiter und Mitarbeitereínnen in den Kita's mehr Anerkennung wollen, hätten Sie die Solidarität mit den Eltern und last but not least mit den Unternehmen nicht aufkündigen sollen. Viele Familien können jetzt nicht mehr in den Urlaub fahren, weil der Jahresurlaub für die Betreuung verwendet werden mußte. Der nächste Betreuungsnotstand ist schon vorprogrammiert, wenn die Kita's planmäßig in den Ferien schließen. Viele Mitarbeiter haben schlicht und ergreifend keinen Urlaub mehr.

Der Streik in dem durchgeführten Ausmaß wird die Personalprobleme in den Kita's verschärfen und bei vielen Menschen zu mittelfristigen Problemen führen. Dafür haben sich die Erzieherinnen und Erzeiher zumindest von mir keine Achtung verdient.

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