Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.08.2015

15:56 Uhr

Kommentar zur Flüchtlingspolitik

Neuankömmlinge sind ein Geschenk des Himmels

VonMichael Wolffsohn

Flüchtlingswellen sind eine feste Größe in der Menschheitsgeschichte und waren stets ein globales Problem, meint Historiker Michael Wolffsohn. Um zu sehen, was kommt, muss man kein Prophet sein. 14 Zukunftsthesen.

Weiterfahrt: Flüchtlinge aus Syrien verlassen die griechische Insel Kos. AFP

Flüchtlinge aus Syrien

Weiterfahrt: Flüchtlinge aus Syrien verlassen die griechische Insel Kos.

1. Flüchtlingswellen sind wie der Klimawandel. Man kann sie abschwächen und verzögern, nicht aber verhindern. Der Klimawandel ist eine feste Größe der Erd- und Menschheitsgeschichte. Politisch, klimatisch, wirtschaftlich oder militärisch bedingte Migration beziehungsweise Flüchtlingswellen und Völkerwanderungen sind eine Konstante der Menschheitsgeschichte (zum Thema Klima- und Menschheitsgeschichte empfehle ich nachdrücklich Josef Reichholfs wunderbares und jedermann verständliches Buch „Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends“).

Wer nur sich selbst und sein eigenes Heute sieht, hält Klimawandel und Migration für (s)eine Gegenwart oder Zukunft.

Der Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn schreibt für das Handelsblatt Gastbeiträge als Professor Tacheles.

Professor Tacheles

Der Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn schreibt für das Handelsblatt Gastbeiträge als Professor Tacheles.

2. Keine Migrationswelle der Menschheitsgeschichte war ein lokal oder regional begrenztes Ereignis. Oft wirkte sie global – auch bevor man von „Globalisierung“ sprach. Jede Migrationswelle dauerte relativ lang und bewirkte in der freiwillig oder unfreiwillig aufnehmenden Gesellschaft fundamentale Veränderungen.

3. Alle Migrationswellen glichen, im wörtlichen Sinne, einer Revolution, indem sie die bestehenden Verhältnisse vollkommen umkehrten. Man denke an die beiden Indoeuropäischen Völkerwanderungen ab ca. 2.000 und 1.200 v. Chr. Ein anderes Beispiel sind die Hunnen. Sie wurden im 4. Jahrhundert von den Chinesen vertrieben und vertrieben ihrerseits die Germanen. Diese „wanderten“ vom 4. bis 6. Jahrhundert west- und südwärts. Die Einwandernden vertrieben oder vernichteten dabei die Einheimischen. Seltener vermischten sie sich friedlich mit den bereits Ansässigen. Nicht viel anders verlief die Slawische Völkerwanderung vom 5. bis 7. Jahrhundert.

4. So gesehen haben nicht nur „die Deutschen“ Angst vor dem oder den Fremden. Diese Angst ist eine Menschheitsangst. Sie basiert auf eigener oder tradierter Erfahrung. Oft schlägt sie aber, ganz und gar unnötig, in Hysterie um. Nicht jede Flüchtlings- oder Zuzugswelle war oder ist nämlich ein Tsunami oder auch nur andeutungsweise eine Bedrohung.

Fakten zur Flüchtlingsdebatte

Flüchtlingszahlen steigen

Stellten im Juni 2012 rund 4.900 Personen einen Asylantrag in Deutschland, waren es drei Jahre später mit 35.400 mehr als siebenmal so viele.

Herkunftsländer

Die wichtigsten Herkunftsländer waren im Juni 2015 Syrien mit 7.600 Personen, Albanien mit 5.900 und Serbien mit 2.200. Insgesamt entfiel auf die sechs Westbalkanstaaten Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien mit 12.600 rund ein Drittel der Asylanträge.

Kaum Chance auf Asyl

Diese Flüchtlinge haben allerdings kaum eine Chance auf Anerkennung in Deutschland: Nur 65 der 22.200 Entscheidungen über Asylverfahren von Westbalkanflüchtlingen waren im zweiten Quartal 2015 positiv.

„Sichere Herkunftsländer“

Tatsächlich wurden Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Serbien bereits zum 6. November 2014 in die Liste „sicherer Herkunftsstaaten“ aufgenommen. Das heißt: Asylanträge von Personen aus diesen Ländern können direkt abgelehnt werden, wenn der Bewerber nicht nachweisen kann, dass ihm im Herkunftsland tatsächlich politische Verfolgung droht.

Immer mehr Anträge

Eigentlich sollte diese Eingruppierung dazu führen, dass die Zahl der laufenden Asylverfahren deutlich zurückgeht. Jedoch ist die Zahl der am Monatsende anhängigen Verfahren von Personen aus den drei genannten Ländern weiter angestiegen und lag mit 41.000 im April 2015 deutlich über dem April 2014 (24.700 Verfahren). Insgesamt waren Ende April 2015 knapp 275.000 Asylverfahren anhängig, wovon mehr als 87.000 auf Westbalkan-Flüchtlinge entfielen.

Kosovo

Im Kosovo hat man damit begonnen, die Menschen darüber zu informieren, unter welchen Voraussetzungen sie in Deutschland als Flüchtlinge anerkannt werden – die Antragszahlen von Personen aus dem Kosovo hatten im März 2015 mit 11.700 einen historischen Höchststand erreicht, bis Juni sind sie nun auf 1.600 zurückgegangen.

5. Die Angst ist dumm. Nämlich die Angst von Einheimischen (nicht nur der deutschen) vor friedlich kommenden, Schutz oder nur ein besseres Leben suchenden Ein- oder Zuwandernden war historisch und ist auch heute nur hysterisch, dumm und ihre Vertreibung immer ebenso unmoralisch, wie im eigenen Interesse, schädlich. So war beispielsweise die jüdische und hugenottische beziehungsweise protestantische Zuwanderung für jede aufnehmende Gesellschaft ein Gewinn, ihre Vertreibung oder Vernichtung sowohl mörderisch als auch selbstmörderisch.

Eine andere Form der Migration war vorgestern der „Import“ von versklavten Schwarzafrikanern nach Amerika. Er brachte damals den Sklavenhaltern wirtschaftliche Vorteile. Die Nachfahren der Sklaven und Sklavenhalter müssen seit gestern und bis heute und morgen die Folgeprobleme tragen. Enorm ist die gesellschaftliche Sprengkraft. Daran kann nicht einmal ein schwarzer Präsident in den USA Grundlegendes ändern.

6. In Anbetracht all dessen geht es uns gut. Den Klimawandel können wir (noch) verlangsamen. Die Migrationswelle ist, trotz aller immensen kurzfristigen Probleme und Ängste, langfristig so etwas wie ein Geschenk des Himmels. Wer, wie die überalterten Deutschen und andere Westeuropäer, weder Inder noch Kinder, also demografisches Gleichgewicht sowie Wohlstand, will oder bekommt, braucht Zuwanderer. Seien es Flüchtlinge oder anderer Menschen-„Nachschub“.

Folgen der Flüchtlingskrise: Europa der Zäune

Folgen der Flüchtlingskrise

Premium Europa der Zäune

Europa ohne Grenzen? Von wegen! Die bisher grenzenlose Freizügigkeit ist bedroht angesichts der desolaten Flüchtlingspolitik. Der Kontinent droht zu zerbrechen – mit unabsehbaren Folgen. Sofortmaßnahmen sind nötig.

Deshalb gilt: Wer heute stöhnt, wird morgen verwöhnt – erfährt jedoch spätestens übermorgen kulturelle, religiöse, rassische, also fundamentale gesellschaftliche Verwerfungen. Sie können friedlich verlaufen. Garantiert ist das nicht.

7. Umgekehrt gilt folgende Aussage bezogen auf Staaten, in denen Menschen ermordet, aus ihnen vertrieben werden, fliehen oder nur des besseren Lebens willen auswandern: Heute vertreiben oder verlieren sie die meist besser Qualifizierten. Morgen und erst recht übermorgen werden sie deshalb noch größere Überlebensprobleme haben.

Kommentare (161)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Vitto Queri

19.08.2015, 16:10 Uhr

>> Nach der Vertreibung von Libyens Diktator Gaddafi ließen sich Sarkozy und Cameron als Befreier feiern, in Mali inszenierte Hollande diese Peinlichkeit. Gebessert hat sich nichts. Wer draufhaut, ohne zu denken, verschlimmert nur Schlimmes – und fördert Flucht und Vertreibung, also (aus unserer Perspektive) den künftigen Flüchtlingsstrom. >>

Die sollten auch die Rechnung bezahlen !

Account gelöscht!

19.08.2015, 16:18 Uhr

Flüchtlingswellen in diesen Ausmaße, wie wir Sie heute in EU-Deutschland erleben sind kein Segen des Himmels sondern eine Belastung für unser bestehendes Sozialsystem. Diese Flüchtlingswellen bringen neben der Belastung unseres Sozialsystem auch die Regeln ihrer Kulturen und Systeme mit sich und unterwandern somit unsere bestehenden Kultur-Regeln. Desweitern haben diese Flüchtlingskulturen ein leichtes Spiel mit unserer schwachen Rechtskultur, die durch die Jahrzehnte lange Schwächung durch die grün-sozialistische Politik immer weniger an Durchsetzungsvermögen darstellt. Willkommen sind nicht mehr unsere eigenen Gesetze und Kulturen, sondern die der Flüchtlinge und das birgt extrem schweren sozialen Sprengstoff in sich.
Ein Rechtsstaat der keiner mehr ist und die soziale Verrohung durch die Willkür einer Willkommenskultur durch die Grün-Sozialistische Ideologiepolitik.

Herr peter gramm

19.08.2015, 16:23 Uhr

der herr prof. redet klug daher. offensichtlich hat sich seine these bis zu seinen glaubensbrüdern und schwestern in nahost noch nicht herumgesprochen. die bauen nämlich 8 meter hohe mauern (noch dazu auf gestohlenem land) um sich abzuschotten für ein großisrael. prfessorales geschwafel ohne bezug zu den ralitäten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×