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18.11.2015

09:36 Uhr

Kommentar zur Spielabsage

1:0 für den Terror

VonRüdiger Scheidges

Kein vernünftiger Mensch hätte das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande den Schutzvorkehrungen übergeordnet. Und dennoch: Die Absage des Spiels ist eine Niederlage für unsere freien Gesellschaften.

Statt zu einer Demonstration für Frieden und Freiheit wurde das Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden abgesagt. ap

Arena in Hannover

Statt zu einer Demonstration für Frieden und Freiheit wurde das Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden abgesagt.

Es kann keinen Zweifel geben: Unter der Bedrohung von abertausenden von Opfern in Hannover mussten die Verantwortlichen das Fußball-Spiel absagen. Kein vernünftiger Mensch hätte das Fußballspiel, obwohl es symbolisch so aufgewertet war und die Unbeugsamkeit der freien Gesellschaften und der Wille zur Freiheit demonstrieren sollte, den Schutzvorkehrungen übergeordnet.

Und dennoch: Die Absage des Spiels ist eine Niederlage für unsere freien Gesellschaften. Der Terror, ja sogar alleine schon die Bedrohung durch den Terror siegte über die Normalität und die Selbstverständlichkeit, sich öffentlich zu versammeln.

Genau dies ist der Zweck der Bedrohung: die Einschüchterung der freien Welt, der brachiale Zwang, die Ungezwungenheit des freien Lebens der Angst vor dem Terror und der Furcht vor allgemeiner Unsicherheit unter zu ordnen. Es steht, so ungerne man dies einräumt, 1:0 für den Terror.

Rüdiger Scheidges ist Handelsblatt-Korrespondent in Berlin.

Rüdiger Scheidges ist Handelsblatt-Korrespondent in Berlin.

Doch diese Niederlage war unvermeidlich. Denn auch sie beweist den Respekt vor dem Leben, den freie Gesellschaften auszeichnet und der unabdingbar für jegliche freie Sozietät ist. Gesellschaften, die die Hochachtung vor dem Leben der vielen Einzelnen symbolischen Handlungen, auch wenn diese noch so zwingend erscheinen, unterordnen, haben sich dem Terror und dessen Unmenschlichkeit unfreiwillig und weit stärker ausgeliefert als es ihnen jemals lieb sein kann. Das sehr wohl hehre Prinzip des „Wir lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen!“ wird zutiefst unmenschlich, wenn der Staat dieses Prinzip seinem ureigentlichen Sinn, dem Schutz seiner Bürger, vorzieht.

Denn dadurch würde sich der Staat, jeglicher Staat, gerade jenen Terrorregimen annähern, denen er mit Menschenrechten, dem Schutz des Lebens und anderen hohen Werten Paroli bieten will und muss. Das ist der viel größere Sieg in der dagegen kleinen Niederlage.

So gesehen ist das verlorene Fußballspiel eine Opfergabe auf dem Altar der freien Gesellschaft. Es war notwendig alleine, weil der brachiale Gegner als Strategie und Taktik allein Mord und Totschlag aufzubieten hat und sonst gar nichts.

Eine ganz andere, aber nicht weniger zwingende Frage ist natürlich der Umstand, dass die Attentatsdrohung offenbar ein Sicherheitsvakuum bloßgelegt hat: Vor dem Spiel wurde von den Sicherheitsbehörden versichert, das heikle Spiel fände unter den größtmöglichen Sicherheitsvorkehrungen statt. So groß sie gewesen sein mögen: Offenkundig misstrauten die Behörden ihren eigenen Versicherungen so sehr, dass das Vorhaben sehr rasch abgeblasen werden musste.

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Die Begründung des deutschen Innenministers für seine Weigerung, Ross und Reiter bei der Benennung und Konkretisierung der Bedrohung zu nennen, passt leider in dieses Bild der staatlichen Verunsicherung. Zu behaupten, eine konkrete, also wahrheitsgemäße Benennung der Gefahren würde „die Bürger verunsichern“, zeugt nicht von jener unbeirrbaren Souveränität des für die innere Sicherheit des Landes zuständigen Regierungsmitgliedes, die sich besorgte oder eingeschüchterte Bürger wünschen.

Kommentare (107)

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Herr Wilfried Runft

18.11.2015, 09:47 Uhr

Die asymmetrische Kriegsführung hat uns erreicht: Eine Bombenattrappe und ein Anruf genügen anscheinend, um das öffentliche Leben nachhaltig zu stören! Bezeichnend dabei ist, dass diejenigen, die der Bevölkerung vorbeten, man solle sich vom Terror nicht beeinflussen lassen, am schnellsten vor Angst davonlaufen! Der Bundestag hat die vordringliche Aufgabe, eine gesetzliche Regelung zu schaffen, die bei terroristischer Gefährdung Inhaftierungen ermöglichen, bevor eine Straftat begangen wurde. Der Sumpf, der Gewalt gebirt, muss schleunigst ausgetrocknet werden.

Account gelöscht!

18.11.2015, 09:49 Uhr

Der Deutsche Staat ist nicht mehr in der Lage für die Sicherheit in Deutschland zu sorgen. Der Deutsche Staat hat die Lage nicht im Griff und die Hosen gestrichen voll.
Ganz anders die Engländer und die Franzosen. Die gehen in die Offensive. Haben schon längst ihre Grenzen geschlossen und zum Gegenschlag ausgeholt. Und mit dem Fußballspiel Frankreich gegen England in London einen Mut zum Risiko und gegen den Terror unter Beweis gestellt. Dies alles können wir von unserer "Predigenden" Nächstenliebe und Menschrechtskanzlerin Merkel einer Grün-Sozialistischen Selbstmord Ideologie nicht erwarten.
Merkel hat noch nie Führungsstärke bewiesen. Sie hat immer andere vorgeschickt. Und wenn die Merkel eine Entscheidung getroffen hat, dann immer nur zum Schaden der Gesellschaft. Stichwort Energiewende, EURO und Asylpolitik.
Die wahren Führer in Europa sind Frankreich, England und Russland. Und selbst die Osteuropäer führen mit der Sicherung der EU Außengrenzen mehr als diese Kanzlerin Merkel mit ihrem Grün-Sozialistischen Hofstaat

Herr Tom Schmidt

18.11.2015, 09:51 Uhr

Die Analyse ist im Wesentlichen richtig. Es stellt sich nur die Frage, ob es wirklich eine Niederlage der freien aufgeklärten Gesellschaft ist, oder nur der gedankenlosen Spaßgesellschaft und der "zeichen-setzenden Selbstdarstellerei".

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