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13.04.2011

13:23 Uhr

Kosten des Atomausstiegs

Schwarz-gelbe Energiewende wird zur Kostenfalle

Exklusiv Die Energiewende soll kommen - doch wann, wie und zu welchem Preis, das steht noch in den Sternen. Experten warnen bereits davor, den Atomausstieg zu schnell in Angriff zu nehmen - aus Sorge vor einer Wirtschaftsdelle.

Atomkraftgegner fordern: "Energiewende jetzt!" (Archivbild, März 2011). Quelle: dapd

Atomkraftgegner fordern: "Energiewende jetzt!" (Archivbild, März 2011).

Düsseldorf/BerlinDer Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, hat vor den ökonomischen Folgen eines zu schnellen Umbaus der Energieversorgung in Deutschland gewarnt. "Mit einem beschleunigtem Ausstieg aus der Kernenergie kann man nicht so leicht auf einen Kostendegressionseffekt bei den erneuerbaren Energien setzen", sagte Hüther Handelsblatt Online. "Damit dürfte eine Kostensteigerung unausweichlich sein, mit all den Folgen für Wertschöpfung und Beschäftigung in Deutschland. Es sei denn, der Staat greift tief in die Subventionstasche." Ordnungspolitisch begründbar sei das aber nicht, es konterkariere vielmehr die Sparbemühungen.

Der IW-Chef gab zu bedenken, dass die Stromerzeugung aus Atomenergie nach wie vor mit niedrigsten laufenden Kosten - 50 US-Dollar je Megawattstunde - verbunden sei. "Derzeit würde also ein Umstieg auf erneuerbare Energien die Kosten erhöhen", fügte Hüther unter Hinweis auf Daten der Internationalen Energieagentur IEA hinzu. Offshore-Windenergie liege demnach bei 138 US-Dollar je Megawattstunde, Solarenergie bei über 300 US-Dollar. Es komm daher nun sehr darauf an, in welcher Geschwindigkeit der Atomausstieg organisiert werden soll und welche Bereitschaft bestehe, Strom zu importieren.

"Da wir seit Mitte März nach dem Abschalten der sieben Atommeiler Nettoimporteur von Strom sind, kann man sich damit herauswinden, dass man Deutschland zum Exportland für Strom erklärt", sagte Hüther. Der bisherige Stromexport-Überschuss resultiere aus dem Zuwachs der erneuerbaren Energien. Wenn hier besonders viel eingespeist wird, werde überschüssiger Strom exportiert. "Allerdings reicht der bisherige Exportüberschuss keinesfalls zur Kompensation der Kernkraftwerke aus und macht gerade einmal gut ein Siebtel des AKW-Stroms aus", erklärte der IW-Chef.

Nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) wird der beschleunigte Umbau der Energiesystems für die deutsche Energiewirtschaft ein teure Angelegenheit. "Der Investitionsbedarf liegt bei maximal 200 Milliarden Euro in den kommenden zehn Jahren", sagte DIW-Energie-Expertin Claudia Kemfert der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post". Dennoch werde sich der Strompreis für Verbraucher und Industrie "nur leicht erhöhen, da es genauso viele preissteigernde wie preissenkende Wirkungen gibt", sagte Kemfert. Die Investitionen würden Strom tendenziell verteuern. "Doch die Importe wirken preissenkend, da der Strom aus dem Ausland billiger ist. Auch die Zunahme des Wettbewerbs könnte sich senkend auf den Preis auswirken", sagte Kemfert.

Kommentare (2)

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Pauli

13.04.2011, 14:35 Uhr

"Experten warnen bereits davor, den Atomausstieg zu schnell in Angriff zu nehmen - aus Sorge vor einer Wirtschaftsdelle."

Sie haben da einen Tippfehler. Sie haben statt "Atomlobbyisten" "Experten" geschrieben.

Sauer

13.04.2011, 14:53 Uhr

„Ordnungspolitisch begründbar sei das aber nicht“.

Ordnungspolitisch nicht begründbar sind die Subventionen für die Atomindustrie. Sie

- hat 200 Milliarden an Subventionen erhalten,
- hat die Kosten der Beseitigung des Brüters in Hamm und die 6 Milliarden teure Sanierung von Asse auf den Steuerzahler abgewälzt,
- hat jahrzehntelang keine Steuern auf ihren Brennstoff gezahlt, während der Steuerzahler brav seine Steuern auf Kohle, Gas und Öl entrichtet hat,
- hat mit Rückstellungen für die Endlagerung Milliardenbeträge an Steuern gespart,
- wird, wenn sich diese Rückstellungen eines Tages als nicht ausreichend erweisen, die Kosten der Endlagerung ebenfalls auf den Steuerzahler abwälzen,
- wird sich noch nicht einmal in Höhe dieser Rückstellungen an den Kosten der Endlagerung beteiligen, wenn nach einem schweren Unfall in einem AKW mit Kontaminierung weiter Landstriche der Betreiber insolvent wird und die Rückstellungen futsch sind,
- hat die Risiken eines solchen schweren Unfalls auf den Steuerzahler abgewälzt, indem sie für eine Schadenshöhe, die für das Bundeswirtschaftsministerium auf 5000 - 10000 Milliarden Euro geschätzt wurde, eine Haftpflichtversicherung mit einer Deckungssumme von lächerlichen 0,25 Milliarden Euro vorhält.

Die Brennstoffsteuer muss daher auf einen angemessenen Betrag erhöht werden, d.h. zumindest verdreifacht werden. Die Deckungssumme der Schadenshaftpflichtversicherung muss schrittweise um den Faktor eintausend angehoben werden. Da der Steuerzahler selbst bei dieser erhöhten Deckungssumme noch 97,5% der Kosten eines schweren Unfalls zahlt, sind für die Übernahme dieses Risikos Ausgleichszahlungen von jährlich mindestens 5 Milliarden Euro in den Bundeshalt zu leisten. Und die Rückstellungen für die Endlagerung müssen aus den Atomunternehmen herausgenommen und in einen externen Fonds überführt werden, damit die Mittel im Fall einer Insolvenz geschützt sind. Gleichzeitig Ausstieg aus dieser Hochrisikotechnik bis 2017.

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