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24.05.2013

10:51 Uhr

Krankenversicherung der Zukunft

Leider bürgerversichert?

VonMaike Freund, Jens Hagen

Ärzte und Privatpatienten mögen die Einheitsversicherung nicht, für die Rot-Grün kämpft. Jetzt ist auch die Wirtschaft alarmiert. Eine exklusive Studie nennt den Grund: Die Lohnnebenkosten würden massiv steigen.

Im Einsatz für die Mediziner: Frank-Ulrich Montgomery, Präsident des Marburger Bundes, bei einer Demonstration auf dem Ärztetag. ap

Im Einsatz für die Mediziner: Frank-Ulrich Montgomery, Präsident des Marburger Bundes, bei einer Demonstration auf dem Ärztetag.

DüsseldorfDer Eingang zum Krankenhaus im noblen Taunus-Städtchen Bad Soden ist zweigeteilt. Rechts gehen die Kassenpatienten hinein, vorbei am Kaffeeautomaten, vor dem Patienten im gestreiften Bademantel eine kleine Schlange gebildet haben. Hinten ist der Warteraum zur Aufnahme, im Treppenhaus künden Bohrlöcher und helle Stellen an der Wand davon, dass hier einmal Bilder gehangen haben. Der linke Eingang ist für Privatpatienten, ein Portier empfängt sie, geleitet sie zum Ledersofa und fragt, ob es vielleicht ein Tässchen Kaffee sein darf. Die Vermutung, dass nicht nur der Kaffee, sondern auch die medizinische Behandlung besser ist, lassen die Ärzte, die die Patienten hinter dem linken Eingang empfangen, unwidersprochen. Deutschland hat eine Zwei-Klassen-Medizin. Damit allerdings soll Schluss sein.

So will es jedenfalls die Opposition. Rot-Grün plant die Bürgerversicherung. Schwarz-Gelb lehnt sie strikt ab. Das Thema könnte noch ein Wahlkampfschlager werden. Nächste Woche, beim Bundesärztetag in Hannover steht es schon ganz oben auf der Tagesordnung.

Das Konzept der Bürgerversicherung sieht in groben Zügen vor, die Versicherten von gesetzlichen Kassen und privaten Versicherern in einem System zu vereinen. Das provoziert die Vertreter der Gesundheitsindustrie. „Wir halten die Bürgerversicherung für eine absolute Fehlentwicklung“, erklärt der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery schon vor dem Ärzte-Treffen. Diese würde sich rasch zu einem „Turbolader in die Zwei-Klassen-Medizin“ erweisen, glaubt er, wobei er nicht hinzufügt, dass es die schon jetzt gibt, siehe Bad Soden.

Wer es sich leisten könne, werde künftig neben der Bürgerversicherung Zusatzversicherungen abschließen, glaubt Montgomery. Er sieht, dass sich das Problem dadurch weiter verschärft. Eine Einheitsversicherung würde zehntausende Arbeitsplätze vernichten und der Krankenversorgung Geld in Milliardenhöhe entziehen. Vorsorglich legten die Ärzte ein alternatives Finanzierungskonzept vor, welches die Trennung zwischen gesetzlicher und privater Krankenkasse beibehält. „Gäbe es die Trennung nicht, gäbe es keinen Qualitäts- und Leistungsdruck in der gesetzlichen Krankenversicherung“, sagt Montgomery.

Pro & Contra Private Krankenversicherung

Pro: Günstige Beiträge

Viele Tarife sind beim Abschluss des Vertrages deutlich günstiger als die Beiträge bei gesetzlichen Kassen.

Leistungsschutz

Einmal vertraglich zugesicherte Leistungen bleiben erhalten. Die Politik mischt sich nicht in den Leistungskatalog ein. Zum Vergleich: Bei der GKV können Leistungen gestrichen werden, wie etwa die Zuzahlung für eine Brille.

Individuelle Auswahl

Versicherte können ihren Leistungskatalog individuell zusammenstellen. Nicht nur Einbettzimmer, Chefarztbehandlung oder Zuzahlungen für Zahnbehandlung lassen sich optional absichern.

Leistungen reduzieren

Der Leistungskatalog kann bei steigenden Kosten auf Wunsch des Versicherten verringert werden, um die Prämie zu senken.

Rückzahlungen möglich

Wenn der Versicherer gut gewirtschaftet hat, können Beitragsrückerstattungen anfallen.

Vorsorge

Altersrückstellungen können die steigenden Kosten im Alter zumindest zu einem Teil auffangen. Trotzdem bleiben steigende Beiträge das Hauptproblem der PKV. Wie stark die Sätze steigen hängt stark an der Qualität des Tarifes.

Geringere Solidarität

Die Solidargemeinschaft unter den Versicherten greift nicht so stark wie in der GKV. Zumindest theoretisch spart jeder Versicherte einen Teil der Beiträge für sich selbst an.

Schlechte Tarife vergreisen

PKV-Versicherte hängen an der Entwicklung aller in ihrem Tarif Versicherten. Wird der Tarif geschlossen für junge, gesunde Neuzugänge, überaltert die ganze Tarifgruppe und es wird teurer.

Steigende Beiträge

Das Hauptproblem für Privatversicherte: Die Beiträge für zunächst günstige Einstiegstarife können schnell steigen. Im Neugeschäft verteuerten sich die Tarife in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt um fünf Prozent per anno.

Vorkasse

Versicherte müssen die Abrechnungen selber bezahlen und bei der Versicherung einfordern.

Streitpotenzial

Ärger mit Ärzten oder Kliniken, falls die aus Sicht der Versicherung überhöhte Rechnungen stellen.

Gesundheitsprüfung

Wer nicht kerngesund ist, muss je nach früherer oder akuter Krankheit sofort höhere Beiträge zahlen oder wird abgelehnt.

Soziale Unsicherheit

Keine Solidargemeinschaft unter den Versicherten – wer die Beiträge nicht mehr finanzieren kann, muss in den abgespeckten Basistarif seines Anbieters wechseln und seinen Ärzten jedes Mal erklären, dass er zwar privat versichert ist, der Arzt aber nur sehr begrenzt abrechnen kann.

Kinder kosten

Kinder und nicht berufstätige Ehefrauen sind nicht wie in der GKV automatisch und kostenlos mitversichert.

Aufpreis für Standard-Leistungen

Viele Leistungen aus dem GKV-Katalog sind für PKV-Versicherte nicht ohne höheren Beitrag zu bekommen. Dazu zählen unter anderem Haushaltshilfen in Notfällen, spezielle Leistungen für Kinder oder Mutter-Kind-Kuren.

Untersuchungsmarathon

PKV-Versicherte gelten oft als überversorgt, weil zwecks Honorarabrechnung mehr Untersuchungen an ihnen praktiziert werden, als medizinisch nötig sind.

Quelle: wiwo.de

Der Verband der privaten Krankenversicherer nutzt diesen Rückenwind. Vor dem Hintergrund der Umfrage eines Wirtschaftsmagazins, nachdem 87 Prozent der niedergelassenen Ärzte den Umbau des Gesundheitssystems ablehnen, warnt der Verband der privaten Krankenversicherer bereits vor Leistungskürzungen. „Eine Einheitskasse brächte massive Einschnitte in die Berufs- und Therapiefreiheit der Ärzte“, sagt Reinhold Schulte, Vorsitzender des Verbands der Privaten Krankenversicherung (PKV). „Zwangsläufige Folgen wären längere Wartezeiten, Praxisschließungen, eine schlechtere medizinische Versorgung, weniger Innovation und schließlich echte Zwei-Klassen-Medizin“.

Es sind jedoch nicht nur die Ärzte und Versicherer, die ihre Argumente schärfen. Auch die Wirtschaft warnt. Eine Studie im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), zu der auch die um ihre Existenz kämpfenden privaten Krankenkassen gehören, liegt Handelsblatt Online exklusiv vor. Die Autoren monieren darin Unsicherheiten bei der langfristigen Finanzierung der gesetzlichen Krankenkassen, schlechtere medizinische Infrastruktur sowie vor allem: höhere Kosten für Versicherte und Arbeitgeber, die die Bürgerversicherung den Versicherten beschert.

„Die Bürgerversicherung ist eine schlechte Versicherung für die Bürger,“ sagt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer des vbw. „Sie führt dazu, dass sich die Kosten dort erhöhen, wo wir stark sind – in den Wirtschaftsbereichen, in denen geforscht und entwickelt wird und die Löhne hoch sind“. Die Wettbewerbsfähigkeit und der Wohlstand seien bedroht.

Kommentare (62)

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RDA

24.05.2013, 11:17 Uhr

Die Lohnnebenkosten sind doch kein Problem, sondern ein Kampfbegriff aus den 90ern, als es darum ging, den Sozialstaat weiter zu demontieren. Dass Lohnnebenkosten damals stiegen, weil die Sozialkassen zur Finanzierung der Wiedervereinigung missbraucht wurden, wurde dabei verschwiegen.
Die Bürgerversicherung ist richtig, wenn es ergänzende private Zusatzversicherungen gibt. Dann aber bitte auch einen Kontrahierungszwang und eine Risikozuschlagsbegrenzung, wie das für Beamte bei fast allen PKV üblich ist.

Die GKV könnte die PKV auch auf andere Art ausbooten: ÜBer eine Kopfpauschale. Hier wäre die PKV schlagartig nicht mehr konkurrenzfähig (außer bei jungen und gesunden Singles).

JEB

24.05.2013, 11:25 Uhr

"Die Vermutung, dass nicht nur der Kaffee, sondern auch die medizinische Behandlung besser ist, lassen die Ärzte, die die Patienten hinter dem linken Eingang empfangen, unwidersprochen."

Wer mehr zahlt bekommt auch "ein Tässchen Kaffee".

Allerding habe ich als privat Versicherter eine solche Vorzugsbehandlung weder in Krankenhäusern noch in einer Arztpraxis erlebt.

Ich warte im Wartezimmer einer Arztpraxis genau so, wie die vor mir Erschienenen Patienten.

Der einzige Unterschied: ich erhalte eine "Behandlung", die von meiner PKV auch bezahlt wird.

Hier findet keine Budgetierung statt, die die Ärzte zwingt, mich nach Ausschöpfung des Budgets für nix weiterzubehandeln oder mich ins nächste Quartal verweisen.

Horst

24.05.2013, 11:35 Uhr

Es ist komplett unsachlich, zu behaupten, dass die Lohnnebnenkosten steigen müßten. Ich bin der gegenteiligen Meinung, die Gesamtksoten müßten eben zumindest in der jetzigen Höhe festgeschrieben werden, besser noch einige Leistungen streichen. Die Behauptung der steigenden Lohnnebenkosten ist reiner Lobbyismus. Der Durchschgnittsverdiener würde ganz im Gegenteiul sogar entlastet.

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