Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.01.2012

19:07 Uhr

Kredit-Berichterstattung

Wulff soll sogar Friede Springer angerufen haben

Um zu verhindern, dass Details zu seinem Hauskredit bekannt werden, soll der Bundespräsident nicht nur den Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, sondern auch die Springer-Mehrheitsaktionärin Friede Springer angerufen haben.

Auch ein angeblicher Anruf bei Springer-Mehrheitsaktionärin Friede Springer half Wulff nicht. dapd

Auch ein angeblicher Anruf bei Springer-Mehrheitsaktionärin Friede Springer half Wulff nicht.

BerlinUm eine Berichterstattung über seinen zinsgünstigen privaten Immobilienkredit zu verhindern, hat Christian Wulff wohl nichts unversucht gelassen. Auch bei der Springer-Mehrheitsaktionärin Friede Springer soll er angerufen haben, berichtet das Online-Magazin Cicero Online. Dieser Anruf soll für Wulff jedoch nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt haben. Das Telefonat mit Friede Springer soll vielmehr mit ihrer kühlen Auskunft geendet haben, dass die Witwe des Verlagsgründers keinen Einfluss auf ihre Chefredakteure zu nehmen pflege.

Wulffs Anruf bei „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, über den zuvor mehrere Medien berichtet hatten, hat die „Bild“-Zeitung inzwischen bestätigt. Wie die „Bild“ (Dienstag) berichtet, hatte Wulff versucht, Diekmann direkt zu erreichen. „Als das nicht gelang, hinterließ der Bundespräsident eine längere Nachricht auf der Handy-Mailbox des Chefredakteurs.“ Der Bundespräsident habe sich „empört über die Recherchen zu dem Hauskredit“ gezeigt und mit strafrechtlichen Konsequenzen für den verantwortlichen „Bild“-Redakteur gedroht, schreibt die Zeitung. Wenige Tage später habe Wulff Diekmann in einem Telefonat persönlich um Entschuldigung für Ton und Inhalt seiner Mailbox-Nachricht gebeten. „Deshalb hat die „Bild'-Zeitung nach breiter redaktioneller Debatte davon abgesehen, eigens über den Vorfall zu berichten“, hieß es weiter.

Chronologie: Wulffs Kredit-Affäre

25. Oktober 2008

Christian Wulff, damals Ministerpräsident von Niedersachsen, bekommt von der Unternehmergattin Edith Geerkens einen Privatkredit über 500.000 Euro zum Kauf eines Hauses in Burgwedel bei Hannover.

18. Februar 2010

Die Grünen im niedersächsischen Landtag wollen vom damaligen Ministerpräsidenten Wulff unter anderem wissen, welche Spenden beziehungsweise Sponsoringleistungen er oder die CDU in den vergangenen zehn Jahren vom Unternehmer Egon Geerkens erhalten haben und ob es geschäftliche Beziehungen zu Geerkens gab. Wulff verneint dies.

21. März 2010

Die im Dezember 2009 aufgenommenen Gespräche mit der Stuttgarter BW-Bank führen zur Unterzeichnung eines kurzfristigen günstigen Geldmarktdarlehens, mit dem Wulff das Geerkens-Darlehen ablöst. Der Zinssatz beträgt 2,1 Prozent. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ vermutet Ende 2011 einen Zusammenhang zwischen dem sehr günstigen Darlehen und dem Einsatz Wulffs als niedersächsischer Ministerpräsident für den Einstieg des VW-Konzerns bei Porsche.

17. August 2011

Der Bundesgerichtshof (BGH) entscheidet, dass Journalisten das Grundbuch von Wulffs Haus einsehen dürfen, wenn dies für eine journalistische Recherche erforderlich ist. Mehrere Medien recherchieren zu dem Fall.

12. Dezember 2011

Bundespräsident Wulff besucht die Golfregion und versucht Medienberichten zufolge, den „Bild“-Chefredakteur Kai Dieckmann zu erreichen, um auf die anstehende Berichterstattung über seinen Privatkredit Einfluss zu nehmen. Er spricht Diekmann auf die Mailbox und droht den „endgültigen Bruch“ mit dem Springer-Verlag für den Fall an, dass diese „unglaubliche“ Geschichte tatsächlich erscheine.

13. Dezember 2011

Die „Bild“-Zeitung berichtet erstmals über das Darlehen und fragt, ob Wulff das Landesparlament getäuscht habe. Sein Sprecher Olaf Glaeseker teilt mit, Wulff habe die damalige Anfrage korrekt beantwortet. Es habe keine geschäftlichen Beziehungen zu Egon Geerkens gegeben und gebe sie nicht.

15. Dezember 2011

Der Bundespräsident bedauert in einer schriftlichen Mitteilung, den Kredit von Edith Geerkens vor dem niedersächsischen Landtag nicht erwähnt zu haben. Zudem teilt er mit, er habe das Geldmarktdarlehen in ein langfristiges Bankdarlehen umgewandelt und er wolle Einsicht in Vertragsunterlagen gewähren.

16. Dezember 2011

„Der Spiegel“ berichtet, dass offenbar doch Egon Geerkens der Kreditgeber war. „Ich habe mit Wulff verhandelt“ und „Ich habe mir überlegt, wie das Geschäft abgewickelt werden könnte“, zitiert das Nachrichtenmagazin den Unternehmer.

21. Dezember 2011

Sechs Tage nach dieser Erklärung unterschreibt Wulff den Vertrag zur Umwandlung seines Darlehens. Das Dokument war nach Angaben der BW-Bank am 12. Dezember an Wulff geschickt worden.

22. Dezember 2011

Wulff tritt erstmals persönlich in der Affäre an die Öffentlichkeit und entschuldigt sich für seinen Umgang mit den Vorwürfen. Er bekräftigt jedoch, im Amt bleiben zu wollen. „Ich habe zu keinem Zeitpunkt in einem meiner öffentlichen Ämter jemandem einen unberechtigten Vorteil gewährt“, versichert das Staatsoberhaupt. Kurz vor seiner Erklärung im Schloss Bellevue entlässt Wulff seinen langjährigen Sprecher Olaf Glaeseker ohne Angabe von Gründen.

27. Dezember 2011

Der von Wulff unterschriebene Vertrag geht bei der BW-Bank ein. Die Laufzeit des Darlehens beginnt am 16. Januar 2012.

2. Januar 2012

Der Deutsche Journalistenverband (DJV) kritisiert den angeblichen Versuch Wulffs, Einfluss auf die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung zu nehmen. Zuvor hatten Medien erstmals über den Anruf Wulffs vom 12. Dezember 2011 bei Diekmann berichtet. (Quelle: dapd, dpa)

4. Januar 2012

Der Bundespräsident bricht sein Schweigen. In einem Fernseh-Interview zur besten Sendezeit beantwortet Christian Wulff Fragen zur Kredit-Affäre. Im Gespräch mit ARD und ZDF räumte Wulff ein, dass der Drohanruf bei „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann „ein schwerer Fehler“ gewesen sei, der mit seinem eigenen Amtsverständnis nicht vereinbar sei. Der Fehler tue ihm leid und er habe sich auch entschuldigt. Zugleich betonte Wulff, er wolle nicht Präsident in einem Land sein, in dem man sich kein Geld von Freunden leihen könne. Ungeachtet des anhaltenden Drucks in der Kredit- und Medienaffäre machte der Bundespräsident in dem Interview auch klar, dass er nicht zurücktreten wolle. „Ich nehme meine Verantwortung gerne wahr“, sagte Wulff. Mit Blick auf das Darlehen der BW Bank sagte er, es handele sich um normale und übliche Konditionen. Das gesamte Risiko der Zinsentwicklung liege bei ihm, so Wulff. Er habe keine Vorteile genossen, es handele sich um ein Angebot wie für andere auch.

5. Januar 2012

Der Bundespräsident bleibt auch nach seinem TV-Auftritt unter Druck. Die Opposition hält Wulffs Erklärungen für unzureichend, die „Bild“-Zeitung widerspricht zentralen Aussagen und einer Umfrage zufolge verliert Wulff in der Bevölkerung an Unterstützung.

Wulff war in dem Fernseh-Interview gefragt worden, ob es nicht für einen Bundespräsidenten tabu sein müsse, unliebsame Berichterstattung verhindern zu wollen. „Ich habe nicht versucht, sie zu verhindern. Ich habe darum gebeten, einen Tag abzuwarten“, sagte er dazu. Nikolaus Blome, Leiter des Hauptstadt-Büros der „Bild“-Zeitung, reagiert: „Das haben wir damals deutlich anders wahrgenommen. Es war ein Anruf, der ganz klar das Ziel hatte, diese Berichterstattung zu unterbinden.“

„Bild“ berichtet weiter, dem Bundespräsidenten sei vor Veröffentlichung des Artikels Gelegenheit zu einer ausführlichen Stellungnahme gegeben worden. Wulff habe diese zunächst abgegeben, aber am 12. Dezember kurz vor Redaktionsschluss zurückgezogen. Zwei Tage nachdem der Artikel über den umstrittenen Privatkredit dann am 13. Dezember in der Zeitung erschienen sei, habe Wulff erneut Diekmann angerufen und um Entschuldigung für Ton und Inhalt seiner Äußerungen auf der Handy-Mailbox gebeten.

Nach übereinstimmenden Medienberichten hatte Wulff persönlich bei der „Bild“-Zeitung versucht, die erste Veröffentlichung von Recherchen zur Finanzierung seines Privathauses zu verhindern. Dies berichtete zunächst die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) widmet sich dem Vorgang in ihrer Montag-Ausgabe noch ausführlicher. Demnach drohte Wulff am 12. Dezember dem „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann den „endgültigen Bruch“ mit dem Springer-Verlag an - für den Fall, dass diese „unglaubliche“ Geschichte tatsächlich erscheine. Dies war einen Tag bevor „Bild“ den ersten Bericht zur umstrittenen Hauskauf-Finanzierung durch das befreundete Unternehmer-Ehepaar Geerkens veröffentlichte.

Nach SZ-Informationen rief der Bundespräsident Diekmann aus Kuwait an, erreichte den Chefredakteur aber nicht, weil dieser in New York weilte. Er habe um ein Gespräch mit Diekmann gebeten. Dabei sei auch die Formulierung „Krieg führen“ gefallen.

Offiziell äußerte sich der Springer-Verlag bisher nicht zu dem Vorgang. „Bild“ ließ sich von der Veröffentlichung der Recherchen nicht abbringen, wonach der damalige niedersächsische Ministerpräsident Wulff 500 000 Euro bei den Geerkens' geliehen hatte. Über die versuchte Einflussnahme des Bundespräsidenten im Dezember berichtete das Blatt nicht. Laut SZ bedauerte Wulff in einem weiteren Anruf bei Diekmann seine früheren Äußerungen.

Kommentare (79)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Niedersachse

02.01.2012, 16:45 Uhr

Angesichts der hölzernen Ungeschicktheit, mit der Wulff durch die Krise laviert, darf man wohl vom Schaf im Wulffspelz sprechen. Ich wünsche ihm und uns allen einen friedvollen und gesegneten Rücktritt!

pappalapapp

02.01.2012, 16:51 Uhr

Herzerfrischend wie unsere gute, alte Bildzeitung den Fehlgeleiteten Feuer unter dem Ar... machen kann. Wird doch wohl nicht was bezweckt?

teflon

02.01.2012, 16:59 Uhr

Erstaunlich ist dabei, wie naiv oder dämlich oder von dieser Welt entrückt unser Bundesgrüßaugust ist. Die BILD wird den so ganz langsam bei kleiner Flamme rösten, bis er das Handtusch schmeisst...oder von der Angie geworfen bekommt. Bei der EU haben die sicher noch ein gut dotiertes Pöstchen als "Schweine- und Vogelgrippenkommissar" zu vergeben- weg mit dem Hampelmann

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×