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23.08.2016

09:41 Uhr

Krieg in Syrien

„Was sich in Aleppo zuträgt, ist grauenvoll“

Die Lage der Bewohner im geteilten syrischen Aleppo ist unmenschlich. Trotzdem gehen die Bombardements unvermittelt weiter. Nun schaltet sich die Kanzlerin ein – und kritisiert Assad und Putin.

In Aleppo, Syrien gibt es keine intakten Häuser mehr. Reuters

Völlig zerstört

In Aleppo, Syrien gibt es keine intakten Häuser mehr.

PassauBundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich entsetzt über die Lage in der umkämpften syrischen Großstadt Aleppo gezeigt und das Vorgehen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad und Russland scharf kritisiert. „Was sich in Aleppo zuträgt, ist grauenvoll, eine humanitäre Katastrophe“, sagte Merkel der „Passauer Neuen Presse“ von Dienstag. „Die Hilferufe, die die wenigen verbliebenen Ärzte von dort aussenden, sind zutiefst erschütternd.“

Die von Assad und seinem Verbündeten Russland angebotenen drei Stunden Feuerpause am Tag seien „auf keinen Fall ausreichend, sie sind zynisch angesichts allen Leids der Menschen“, sagte die Kanzlerin. „Jede internationale Hilfsorganisation erklärt, dass diese Zeit nicht ausreicht, um die nötige Versorgung der leidenden Menschen aufzubauen.“ Dafür seien laut Uno mindestens 48 Stunden wöchentlich erforderlich.

Syrien – Land im Bürgerkrieg

Name

Arabische Republik Syrien

Hauptstadt

Damaskus

Bevölkerung bis zum Krieg

ca. 22 Millionen (2011)

Flüchtlinge

Über 11 Millionen Syrer sind im Land und außerhalb des Landes auf der Flucht (Uno-Angaben)

Kriegstote

bis zu 400.000 (Uno-Angaben 2016)

Armut

13,5 Millionen Syrer brauchen nach Uno-Schätzungen humanitäre Hilfe

Sprache

Arabisch

Staatsoberhaupt

seit 2000 Präsident Baschar al-Assad; davor sein Vater Hafis al-Assad (von 1971 bis 2000)

Auch dies sei „nur ein allererster kleiner Schritt, den Russland und die syrische Führung gewährleisten müssen“, betonte die Kanzlerin. Russland hatte am vergangenen Dienstag angesichts der verzweifelten Lage seine Bereitschaft erklärt, ab dieser Woche eine wöchentliche 48-stündige Feuerpause in der nordsyrischen Großstadt einzuhalten. So sollen Hilfslieferungen für die belagerte Bevölkerung ermöglicht werden.

Aleppo ist seit vier Jahren zwischen den Regierungstruppen im Westen und den islamistischen Rebellen im Osten geteilt. In den Vierteln unter Kontrolle der Rebellen leben rund 250.000 Menschen, in den von der Regierung gehaltenen Stadtteilen sind es etwa 1,2 Millionen. Die syrische und die russische Luftwaffe greifen immer wieder von der Opposition gehaltene Wohngebiete an.

Uno-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien hat alle Konfliktparteien im umkämpften Aleppo zu einer 48-stündigen Feuerpause gedrängt, um Zivilisten dort dringend benötigte Hilfe zukommen zu lassen. Ansonsten drohe eine „humanitäre Katastrophe“, die in nun fünf Jahren des Blutvergießens in Syrien ihresgleichen suchen werde, warnte O'Brien vor dem Uno-Sicherheitsrat in New York. Tagtäglich werde Aleppo bombardiert. Die Stadt sei zum „Gipfel des Horrors“ in „der größten Krise unserer Zeit“ geworden. Allein am Montag habe es ein Dutzend neuer Angriffe gegeben.

Wer in Syrien und im Irak gegen den IS kämpft

Das Anti-IS-Bündnis

Im September 2014 gab US-Präsident Barack Obama die Gründung eines Bündnisses bekannt mit dem Ziel, den IS „endgültig zu zerstören“. Mehr als 60 Staaten und internationale Organisationen beteiligen sich am Kampf gegen die Terrormiliz sowohl in Syrien als auch im benachbarten Irak. Neben Ländern der Europäischen Union (EU) wie Deutschland, Italien, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden gehören der Koalition auch Australien sowie mehrere arabische Länder an.

Luftangriffe

Nur wenige Staaten fliegen neben den USA Luftangriffe gegen die Terrormiliz. Im Irak sind daran zum Beispiel Frankreich, Australien und Großbritannien beteiligt. In Syrien sind es neben Frankreich auch arabische Staaten wie Saudi-Arabien, Bahrain, Katar und Jordanien. Die Türkei, Syriens Nachbar im Norden, hatte 2015 nach langem Zögern die Nutzung seiner Luftwaffenbasis Incirlik für Luftschläge – auch der USA – gegen den IS erlaubt.

Bundeswehr

Die Bundeswehr unterstützt den Kampf gegen den IS unter anderem mit „Tornado“-Aufklärungsjets. Die Maschinen bombardieren die IS-Stellungen aber nicht selbst. Teil des deutschen Beitrags sind auch ein Tankflugzeug und zeitweise eine Fregatte. Diese sicherte zusammen mit Kriegsschiffen aus Frankreich, Belgien und Großbritannien den französischen Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ im Persischen Golf. Die „Augsburg“ war seit Dezember 2015 dafür rund vier Monate unterwegs. Vom einzigen Flugzeugträger der französischen Marine starteten Jagdbomber zu ihren Einsätzen.

Training und Waffen

Im Norden Syriens unterstützen US-Spezialkräfte zudem kurdische Kämpfer. Das US-Militär und seine Verbündeten bilden im Irak außerdem das irakische Militär sowie kurdische Peschmerga-Kämpfer aus. Auch rund 130 Bundeswehrsoldaten schulen im Nordirak Peschmerga-Einheiten. Darüberhinaus beliefert Deutschland die irakischen Kurden mit Waffen.

Russland

Moskau ist nicht Teil des von den USA gegründeten Bündnisses. Russische Truppen greifen seit September 2015 unabhängig davon Ziele in Syrien an. Allerdings nicht nur Stellungen des IS. Russische Attacken richten sich auch gegen Rebellen, die mit der Terrormiliz verfeindet sind. So starten die Jets vom russischen Luftwaffenstützpunkt Hamaimim nahe Latakia im Nordwesten Syriens. Zudem wurden Marschflugkörper von Kriegsschiffen im Mittelmeer abgefeuert.

O'Brien zufolge ist der von der syrischen Opposition kontrollierte Osten Aleppos seit mehr als einem Monat fast vollständig von Grundgütern wie Lebensmittel, Wasser, Medizin und Strom abgeschnitten. Auch der Zugang zu den schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen im von der syrischen Regierung dominierten Westen der Stadt bleibe „extrem schwierig“, sagte er.

Die Uno hätten im August darum gebeten, fast eine Million Syrer in belagerten und schwer zugänglichen Gegenden Aleppos zu versorgen. Doch habe die Führung von Präsident Baschar al-Assad weniger als 50 Prozent der Anfragen gebilligt. Bisher sei jedoch wegen den Kämpfen, der Unsicherheit und bürokratischen Hürden noch kein einziger Konvoi bewegt worden, sagte O'Brien.

Der Nothilfekoordinator nahm den in der Syrien-Frage tief gespaltenen Sicherheitsrat in die Pflicht. „Sie haben die Macht, mit einem Stift – einem simplen Federstrich – Lebensmittel zu Menschen durchzulassen, mahnte O'Brien die Gremiumsmitglieder.

Moskaus Militäreinsatz in Syrien

September 2015

Assads Verbündeter Russland beginnt Luftangriffe in Syrien. Neben Bombern und Kampfjets werden Hubschrauber und Marschflugkörper von Kriegsschiffen eingesetzt. Damit soll nach Kreml-Angaben die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekämpft werden. Ein Großteil der Angriffe richtet sich jedoch, wie Kritiker immer wieder herausstellen, gegen Rebellen, die mit den Dschihadisten des IS verfeindet sind.

Oktober 2015

Das syrische Regime beginnt mit russischer Luftunterstützung eine Bodenoffensive gegen Rebellengruppen. Assads Einheiten erzielen in mehreren Provinzen Geländegewinne.

November 2015

In Wien einigen sich die Teilnehmer einer Syrien-Konferenz, darunter Russland, auf einen Friedensfahrplan. Er sieht auch eine Übergangsregierung vor.

November 2015

Die Türkei schießt ein russisches Kriegsflugzeug im Grenzgebiet zu Syrien ab. Der Pilot stirbt. Manche fürchten eine Eskalation des Konfliktes zwischen dem Nato-Mitglied Türkei und Moskau. Als Vergeltung erlässt Präsident Wladimir Putin Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei.

Februar 2016

Die angesehene Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte macht Russland für Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser verantwortlich. Dabei sollen rund 50 Menschen getötet worden sein. Syriens Botschafter in Moskau hatte zuvor erklärt, US-Kampfflugzeuge hätten eine Klinik zerstört.

März 2016

Mit russischer Luftunterstützung erobert Assads Armee die antike Oasenstadt Palmyra vom IS zurück. Wladimir Putin befiehlt militärische Veränderungen, die Rede ist von einem Teilabzug. Nach Ansicht von Beobachtern nimmt die Zahl russischer Waffen und Soldaten zunächst aber kaum ab.

Mai 2016

Mit dem Konzert eines Symphonie-Orchesters aus St. Petersburg im Amphitheater von Palmyra zeigt Syriens enger Partner Russland demonstrativ seine starke Rolle im Bürgerkrieg.

Von

afp

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