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08.12.2016

18:35 Uhr

Kriminalität von Flüchtlingen

Experten fordern sachliche Debatte

Die Debatte um Verbrechen, die von Flüchtlingen begangen werden, ist schwierig. Experten warnen davor, real existierende Probleme unter den Tisch zu kehren. Rassistische Verschwörungstheoretiker haben so leichtes Spiel.

Ein Trauerengel liegt in Gedenken an die ermordete Studentin an der Dreisam bei Freiburg an einem Baum. Experten fordern über die Kriminalität von Flüchtlingen sachlich zu diskutieren. dpa

Mord an Studentin in Freiburg

Ein Trauerengel liegt in Gedenken an die ermordete Studentin an der Dreisam bei Freiburg an einem Baum. Experten fordern über die Kriminalität von Flüchtlingen sachlich zu diskutieren.

BerlinDie Aufregungswelle verläuft immer gleich. Begeht ein Flüchtling ein Verbrechen, ruft die AfD: Wir haben Euch ja gewarnt, viele Flüchtlinge sind Verbrecher. Politiker der Bundestagsparteien empören sich daraufhin über diese Art von Verallgemeinerung.

Das war nach der Axt-Attacke eines jugendlichen Afghanen im vergangenen Juli so. Und das ist jetzt nicht anders, nachdem in Freiburg ein Flüchtling als Tatverdächtiger nach einem Sexualmord festgenommen wurde. Im nächsten Jahr stehen Bundestagswahlen an. Das macht den Ton noch einmal schriller. Polizisten, Migrationsforscher und andere Experten wünschen sich eine sachlichere Debatte. Doch das Thema ist angstbesetzt und hat deshalb das Potenzial, die Gesellschaft noch weiter zu spalten.

Auftakt zum Wahlkampf

Angela Merkel rudert in der Flüchtlingspolitik zurück

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Die AfD-Politikerin Alice Weidel argumentiert bei „Sandra Maischberger“ ganz schlicht. Sie sagt, wenn ein Flüchtling, der von der Politik der offenen Grenzen profitiert hat, einen Menschen tötet, dann sei Bundeskanzlerin Angela Merkel als Befürworterin der liberalen Flüchtlingspolitik von 2015 dafür „indirekt“ mit verantwortlich. Der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen identifiziert „Hunderttausende junger Männer aus patriarchalisch-islamischen Kulturkreisen“ als Risikofaktor.

Die Befürworter der „Willkommenskultur“ halten mit Fakten dagegen. Sie weisen darauf hin, dass die Kriminalitätsrate unter jugendlichen Migranten in den vergangenen Jahren gesunken sei. Modern denkende Zuwanderer müssen als Beispiele dafür herhalten, dass nicht jeder türkische Familienvater ein Mädchenunterdrücker und nicht jeder Araber ein potenzieller Vergewaltiger ist.

Wieso fliehen junge Afghanen nach Europa – und wie radikal sind sie?

Der Attentäter besaß eine IS-Flagge. Ist der IS verbreitet in Afghanistan?

Den IS gibt es in Afghanistan erst seit Anfang 2015, und sein Wachstum ist auch wegen blutiger Rivalitäten mit den Taliben stark gebremst. Seine Kämpfer – angeblich derzeit rund 2500 – sind in nur ein bis zwei der 34 afghanischen Provinzen aktiv. US-Drohnen fliegen derzeit mehrmals wöchentlich Luftangriffe auf ihre Stellungen.

Wieso fliehen junge Afghanen aus ihrem Land?

Afghanistan ist immer noch eins der ärmsten Länder der Welt. Die Arbeitslosenrate wird auf etwa 40 Prozent geschätzt. Gleichzeitig verschlechtert sich die Sicherheitslage. Seit dem Ende der Nato-Kampfmission im Dezember 2014 fühlen sich die Taliban in vielen Provinzen ermutigt. 31 von 34 Provinzen waren nach Uno-Angaben in 2015 von Gewalt betroffen. Vor allem junge Menschen und solche mit Schulbildung sehen keine Zukunft in Afghanistan.

Sind unter den Flüchtlingen viele Extremisten?

Das ist schwer festzustellen. Viele der jungen Flüchtlinge gehören zur dünnen Mittelschicht. Sie haben Schul- und manchmal auch Universitätsbildung. Das Interesse der großen Mehrheit scheint nicht der Dschihad, sondern ein besseres Leben zu sein. Allerdings nimmt dem Rechercheinstitut Afghanistan Analysts Network zufolge die Radikalisierung auch an Afghanistans Universitäten zu.

Fliehen weniger Afghanen, seit die Balkanroute geschlossen ist?

Es sieht so aus – aber gestoppt ist die Fluchtbewegung damit nicht. Einer der vielen Menschenschmuggler in Kabul sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass er im vergangenen Jahr täglich bis zu 25 bis 30 „Kunden“ außer Landes geschafft habe. Nun seien es zehn bis zwölf.

Wie sind die Reaktionen in Afghanistan?

Afghanische Medien berichten am Dienstag über die Tat. In der Hauptstadt Kabul sind die Menschen schockiert. Von hier sind Tausende Flüchtlinge nach Europa aufgebrochen, viele Menschen haben nun Verwandte und Freunde in Deutschland. Sie hoffen, dass dass nicht alle Afghanen wegen der Tat eines Einzelnen verurteilt werden. Das müsse „ein Psycho“ gewesen sein, sagt ein Wirtschaftsstudent, Said Taufik Jakin, 26. Aber man müsse auch bedenken, was ihn möglicherweise zu seiner Tat getrieben habe: „Ich höre von meinen Freunden in Deutschland, dass afghanische Flüchtlinge dort eine Menge Probleme haben.“

Was bei dieser schrillen Debatte oft zu kurz kommt, ist ein kritischer Blick auf die realen Probleme, die sich eineinhalb Jahre nach dem Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise stellen. Da geht es um Gewalterfahrungen, die viele Flüchtlinge mitbringen - die meisten als Opfer, einige aber auch als Täter. Und um einen Kulturschock, den nicht alle von ihnen schnell überwinden. Das betrifft auch die unterschiedliche Art und Weise, wie Frauen und Männer im Herkunftsland und in Deutschland miteinander umgehen.

Natürlich würden die Menschen in verschiedenen Staaten unterschiedlich sozialisiert, sagt die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD). Auch einige Einwanderer aus der Türkei hätten schließlich die Freiheiten, die Frauen in Deutschland oder Skandinavien haben, anfangs nicht richtig interpretiert, „aber das heißt ja nicht, dass jeder, der kommt und der so etwas redet, sich auch an einer Frau vergreift“. In der öffentlichen Darstellung werde auch das Phänomen der Gewalt in der Ehe bei türkischstämmigen Frauen in Deutschland stark übertrieben, auch wenn es teilweise „mit Erziehung, mit familiären Strukturen, zu tun hat, warum diese Frauen überhaupt Gewalt erfahren“.

Nach Freiburger Mordfall: CSU fordert Änderung des Pressekodex

Nach Freiburger Mordfall

CSU fordert Änderung des Pressekodex

CSU-Generalsekretär Scheuer fordert eine Änderung des Pressekodex. Die Herkunft von Tätern und Opfern müsse grundsätzlich genannt werden. Es gehe darum, nach dem Freiburg-Fall wilden Spekulationen Einhalt zu gebieten.

Der Psychologe Jan Ilhan Kizilhan kümmert sich in Baden-Württemberg um Jesidinnen, die von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verschleppt worden waren. Es ist eine sehr belastende Tätigkeit. Er sagt: „Die arabische oder die türkische Kultur ist natürlich nicht irgendwie aggressiv, angriffslustig oder menschenverachtend.“ Trotzdem warnt er davor, die Herkunftskultur bei der Gewaltprävention zu vernachlässigen. Für ihn beginnt „die Verteidigung unserer Werte, der Gleichberechtigung, der Emanzipation und der Demokratie“ nicht erst im Integrationskurs, sondern „in Mossul, in Al-Rakka und in Istanbul“. Dass sein Aufruf an die Muslime, lauter zu sagen, dass sie Kinderehen, Vergewaltigung und andere Grausamkeiten ablehnen, politisch instrumentalisiert wird, will er unbedingt vermeiden. Kizilhan betont: „Ich will nicht für die AfD hier sprechen.“

Auch die Berliner Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates hält es für falsch, Gewaltprobleme unter den Tisch zu kehren, nur damit Rechtspopulisten kein Futter haben. Sie sagt, man müsse „das Kulturelle auf jeden Fall herausarbeiten“, dürfe „gleichzeitig aber nicht vergessen, dass wir über eine Situation sprechen, die zeitverschoben ist“. Schließlich seien die ersten Frauenhäuser in Deutschland nicht für Einwanderinnen gegründet worden.

Von

dpa

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