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13.05.2011

08:50 Uhr

Krisen-Talk bei Illner

„Griechenland wäre die richtige Grabstätte für den Euro“

VonGabriela M. Keller

Neue EU-Finanzhilfen für Griechenland sorgen auch im ZDF-Talk bei Maybrit Illner für Dramatik pur. Die Sendung lieferte eine besorgniserregende Nachlese einer finanzpolitischen Tragikomödie.

Blick in die Illner-Runde zum Thema „Wird der Euro in Griechenland begraben?“ (v.li.): Schauspieler Hermes Hodolides, Gastgeberin Maybrit Illner, der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesfinanzminister, Steffen Kampeter (CDU), Finanzexperte Dirk Müller und Fondsmanager Karsten Schröder. Quelle: Screenshot ZDF

Blick in die Illner-Runde zum Thema „Wird der Euro in Griechenland begraben?“ (v.li.): Schauspieler Hermes Hodolides, Gastgeberin Maybrit Illner, der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesfinanzminister, Steffen Kampeter (CDU), Finanzexperte Dirk Müller und Fondsmanager Karsten Schröder.

BerlinDas, was sich derzeit in Griechenland abspielt, erinnert eher an eine postmarxistische Farce als an eine antike Tragödie: Bei Aischylos und Sophokles ging es um die schicksalhaften Verstrickungen von Helden, die in eine so ausweglose Lage geraten, dass sie durch jedwedes Handeln nur schuldig werden können. Griechenland dagegen hat so viele Schulden angehäuft, dass jedwedes Handeln dem Land immer weitere EU-Milliardenkredite einbrockt.

Es ist nun ziemlich genau ein Jahr her, dass die EU-Finanzminister den Euro-Rettungsschirm über Griechenland aufgespannt haben. Heute steht das Land tiefer in der Kreide als je zuvor: Das eiserne Sparprogramm hat die Rezession verschärft, die Steuereinnahmen sinken, das Defizit schwillt weiter an. Neue Finanzhilfen scheinen unvermeidlich.

Und wieder einmal musste Steffen Kampeter, Staatssekretär beim Finanzminister, antreten und die Dramaturgie eines Stückes erklären, dass der deutsche Steuerzahler immer weniger versteht. Im Mai 2010 saß er bei Anne Will, in einer Sendung unter dem Motto "Griechenland ist pleite - jetzt zahlen wir." Und nun, im Mai 2011, fragte ihn Maybrit Illner: "Wird in Griechenland der Euro begraben?" Seinen Text zumindest hatte der CDU-Politiker sorgfältig gelernt, und zwar so sorgfältig, dass er zum Teil die exakt selben vorgestanzten Phrasen benutzte wie vor einem Jahr in der ARD. So rezitierte er zum Beispiel: "Griechenland ist nicht pleite, es bedient seine Schulden."

Folgen einer Staatspleite für Gläubiger

Wie hoch waren die Verluste privater Gläubiger bei Staatspleiten?

Die Rating-Agentur Moody's hat 13 staatliche Zahlungsausfälle zwischen 1998 und 2008 untersucht. Danach mussten die Gläubiger 30 Tage nach dem Zahlungsverzug einen durchschnittlichen Abschlag von rund 50 Prozent hinnehmen.

Der Zahlungsausfall schwankte in den einzelnen Ländern aber stark. Gläubiger der Dominikanischen Republik kamen mit einem Minus von fünf Prozent noch glimpflich davon. Für Zeichner russischer Anleihen lag der Verlust mit 82 Prozent um ein Vielfaches höher.

Wurden ausländische Gläubiger benachteiligt?

Grundsätzlich werden ausländische Investoren nicht schlechter behandelt als einheimische Gläubiger. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Allerdings gibt es auch hier keine Regeln ohne Ausnahmen: Sowohl die Ukraine als auch Russland räumten den einheimischen Investoren „deutlich bessere Deals“ ein.

Wie schnell erholen sich Länder von einer Staatspleite?

„Sowohl die russische als auch die argentinische Wirtschaft konnten die Krise relativ schnell überwinden, profitierten dabei aber von außergewöhnlich günstigen Rahmenbedingungen“, heißt es in einer Commerzbank-Studie. In Russland brach die Wirtschaftsleistung im Krisenjahr 1998 um rund 5,5 Prozent ein, ehe sie in den Folgejahren wegen des Rohstoffbooms um durchschnittlich etwa sieben Prozent wuchs.

Auch Argentinien erholte sich dank der steigenden Rohstoffnachfrage rasch. „Anleger sollten diese Erfolge daher nicht bedenkenlos auf andere Länder übertragen“, warnen die Experten der Commerzbank.

Sind Hilfen des IWF eine Garantie gegen Staatspleiten?

Neben den Euro-Ländern hilft auch der IWF mit Geldern aus: Sowohl in Griechenland als auch in Irland ist der erfahrende Krisenhelfer mit im Boot. Aber auch IWF-Hilfen waren in der Vergangenheit keine Garantie gegen Staatspleiten, wie das Beispiel Russland zeigt.

IWF und Weltbank sagten dem vor dem finanziellen Kollaps stehenden Land im Krisenjahr 1998 Hilfen von 22,6 Milliarden Dollar zu. Dennoch bediente der Staat ab August 1998 seine Schulden nicht mehr.

Was passiert, wenn IWF-Auflagen missachtet werden?

Bedingung für IWF-Hilfen sind strenge Auflagen, die aber nicht immer eingehalten werden. Der IWF schnürte 2000/2001 mehrere Hilfspakete für Argentinien - er erhöhte die Kreditlinien, organisierte Kreditzusagen der Weltbank und der spanischen Regierung.

Die Regierung aber sparte nicht wie vereinbart, sondern fuhr ihre Ausgaben im Kampf gegen die Wirtschaftskrise sogar hoch. Argentinien verfehlte damit die mit dem IWF vereinbarten Haushaltsziele.

Der Fonds setzte deshalb im Dezember 2001 die Zahlungen aus. Am 3. Januar 2002 konnte Argentinien seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen.

Das sieht Dirk Müller, der "Mister Dax" genannte Börsenhändler, ganz anders. Die Griechen, so diagnostizierte er, seien nämlich längst nicht mehr in der Lage, sich aus der Schuldenfalle zu befreien: "Wir zwängen die Griechen in ein Sparpaket hinein, das sie überhaupt nicht stemmen können." 750 Millionen Euro brächte das Reformprogramm - gegenüber 60 Milliarden, die nun neu dazukommen sollen. So werde es Griechenland wohl nicht gelingen, die Kredite zurückzuzahlen. Stattdessen würge der drakonische Sparkurs die Wirtschaft ab und heize den Volkszorn an. "Wenn wir dieses Sparpaket weiter aufrecht erhalten", sagte Müller, "kommen wir in Teufels Küche".

Kommentare (40)

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Dirk

13.05.2011, 08:57 Uhr

Das größte Problem scheint mir zu sein, dass die europäische Bevölkerung langsam aber sicher einfach keinen Bock mehr auf den Euro hat.

Rolf

13.05.2011, 09:10 Uhr

Die Sendung hat eine erstklassige sachliche Analyse der Ursachen für die Griechenlandkrise geliefert. Ich bin der Meinung, dass die Politik aus einem falsch verstandenen Machtanspruch heraus die wirtschaftlichen Tatsachen ignoriert. Ich erwarte auch, dass die EU letztlich an dem Realitätsverlust der Politik scheitern wird, was ich persönlich sehr bedauere.

Otto

13.05.2011, 09:11 Uhr

Was ist die Triebfeder für die deutschen Politiker? Haben sie aus Stuttgart 21 und der Atomverlängerung nicht gelernt? Die Bevölkerung will die Hilfen nicht, die Bevölkerung will den Euro nicht. Warum immer gegen das Volk regieren? In BW kam für die Schwarz/Gelben die Strafe. Ich befürchte spätestens 2013, wenn die Kosten für die Bevölkerung deutlich werden, kommt für alle derzeitigen Parteien die Strafe

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