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03.09.2012

17:18 Uhr

Krisenmanager Schäuble

Viel Lob für Merkels „Europaminister“

VonDietmar Neuerer

ExklusivMit fast 70 Jahren zählt sich Schäuble noch lange nicht zum alten Eisen. 2013 will er wieder in den Bundestag. Für manche klingt das wie eine Drohung. Doch in der Euro-Politik ist sogar die Opposition auf seiner Linie.

Wolfgang Schäuble. dapd

Wolfgang Schäuble.

BerlinWolfgang Schäuble ist nicht nur wegen der Euro- Dauerkrise eine der zentralen Säulen im Kabinett von Kanzlerin Angela Merkel. In der CDU gilt der Finanzminister als Stabilisator der schwarz-gelben Regierung. Der Jurist, seit einem Attentat 1990 querschnittsgelähmt, ist ein Mann eiserner Selbstdisziplin und ein überzeugter Europäer.

Das ist es auch, was selbst die Opposition an dem 69-Jährigen schätzt, wenn sie auch sonst kein gutes Haar an Schäuble lässt. Und auch der Koalitionspartner sieht in Schäuble mehr einen Mr. Europa denn einen tadellosen Haushalts- oder Steuerpolitiker. Schäuble sei einer der „erfahrensten“ Politiker in Europa. „Sein strategisches Geschick und seine Standhaftigkeit sind in der Euro-Krise für Deutschland ein großes Plus“, sagt etwa die Vorsitzende des Bundestags-Finanzausschusses, Birgit Reinemund, Handelsblatt Online. In der Steuerpolitik und beim Thema Haushaltskonsolidierung könne er aber „durchaus ehrgeiziger vorangehen“, auch wenn er dennoch zielstrebig auf das Ziel Nullverschuldung hinarbeite.

Biografie: Was Sie über Schäuble noch nicht wussten

Biografie

Was Sie über Schäuble noch nicht wussten

Bald feiert Wolfgang Schäuble seinen 70. Geburtstag. Dazu hat ein Wegbegleiter eine bemerkenswerte Biografie über den Politiker geschrieben. Mit Neuigkeiten über Kohl, Merkel und das Attentat, das alles veränderte.

Dennoch würdigt Reinemund Schäuble, der in wenigen Tagen 70 Jahre alt wird, als einen „überaus streitbaren Politiker mit einer klaren Linie“, der auch Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg gehe. Das seien „nicht die schlechtesten Eigenschaften für einen Minister“.

Streitbar ist Schäuble allemal. Nach einem derart spannungsgeladenen und auch schicksalhaften Politikerleben ist das auch kein Wunder. Doch auch wenn das Verhältnis zu Merkel als schwer vorbelastet gilt, ist Schäuble ihr gegenüber stets loyal geblieben. Inzwischen ist er ihr wichtigster Verbündeter im Kampf gegen die europäische Schuldenkrise. Und das in einer fachlich wie menschlich herausragende Brillanz. Manchmal ist das Detailwissen Schäubles schon unheimlich. Jedenfalls lässt er sich nicht gerne ein x für ein u vormachen.

Was Sie noch nicht über Wolfgang Schäuble wussten

Rolle des Vaters

Thomas Schäuble beschreibt den Vater als gütigen, weichen Menschen. Nicht mit Druck, sondern mit Argumenten hat der Vater den Söhnen die CDU nahe gebracht. Besonders Sohn Wolfgang sprang darauf an: Schon mit zehn, zwölf Jahren begleitete er den Vater auf seine Veranstaltungen als Landtagsabgeordneter.

Rolle der Mutter

Seine Mutter war stets eine sehr gewissenhafte Frau. So soll sie einmal keine 20 Pfennig für eine Parkuhr gehabt haben und deshalb am nächsten Tag hingefahren sein, um nachzuzahlen.

Kriegstage

Für Wolfgang Schäuble wäre der Krieg fast tödlich ausgegangen. Die alliierten Flieger warfen Brandbomben ab und trafen durch Zufall das Haus, in dem sich die Familie Schäuble versteckte. Das Haus ging in Flammen auf, die Familie flüchtete – alle, bis auf Wolfgang Schäuble. Gerettet wurde der damals Zweieinhalbjährige von seinem Bruder Frieder, der ihn unter brennenden Decken fand – grün und blau angelaufen wegen Atemnot.

Schüler

Thomas Schäuble beschreibt seinen Bruder als „mathematisches Genie“. Wolfgang hatte in der Schule von der Sexta bis zur Oberprima – entspräche heute der fünften bis 13. Klasse – eine Eins in Mathe. Er dachte sogar an ein Mathematikstudium, entschied sich aber dann doch für Jura.

Jura-Studium

Zu Jura kam Wolfgang Schäuble dann wieder durch seinen Vater. Für den wäre eine solches Studium ein Lebenstraum gewesen. Durch juristische Diskussionen hat er diesen Lebenswunsch dann auf seine Kinder übertragen – alle drei studierten später Jura.

Rolle in der Familie

Wenn Gertrud Schäuble in der Kur war, nahm Wolfgang die Rolle der Hausfrau und strengen Mutter ein: Er konnte kochen wie eine erstklassige Hausfrau, besonders Linsen und Spätzle.

Ehrgeiz

Unter den Brüdern zeigte Wolfgang Schäuble den größten Ehrgeiz. Er habe stets der Beste sein wollen, berichtet Thomas Schäuble. Anderen zuzusehen und zuzuhören, die nicht so gut waren, sei seinem Bruder stets schwer gefallen.

Führungsstärke

Schon beim Doppel mit seinem Bruder wollte Wolfgang Schäuble stets die Führungsrolle übernehmen – obwohl Thomas der bessere Spieler war. Auf dem Platz haben sie sich ständig angemacht: „Was macht du denn jetzt schon wieder?“ Danach vermieden die Brüder, miteinander Doppel zu spielen.

Folgen des Attentats

Thomas Schäuble bezeichnet seinen Bruder seit dem Attentat „zugänglicher“ als früher. Das liege daran, dass er sich unheimlich darüber gefreut habe, dass seine große Familie zu ihm stand, als er das Leben im Rollstuhl lernen musste. Andere wiederum sagen, er sei härter geworden.

Verhältnis zur Politik

Wolfgang Schäuble ist fasziniert von der Politik. Sein Bruder bezeichnet ihn gar als „politikbesessen“.

Verhältnis zu IWF-Chefin Christine Lagarde

In seinem politischen Wirken schätzt Wolfgang Schäuble besonders IWF-Chefin Christine Lagarde. Vor ihr sei er unglaublich beeindruckt, sagt sein Bruder. Zudem sei sie die einzige Frau, die ihn im Rollstuhl schieben darf – außer seiner Ehefrau.

Verhältnis zu Helmut Kohl

Bekannt ist, dass Wolfgang Schäuble ein loyaler Begleiter Helmut Kohls war – bis zur Spendenaffäre. Doch schon davor hat der heutige Finanzminister dem damaligen Kanzler die Meinung gesagt. Als 1998 klar wurde, dass es für Kohl nicht zu einer fünften Amtszeit reichen würde, war es Schäuble, der zu ihm sagte: „Helmut, du schaffst es nicht mehr.“ Diese Offenheit hat Kohl ihm allerdings übel genommen.

Kapitalismuskritik

Der Finanzminister hat seine Sicht auf den Kapitalismus verändert. „Je älter ich werde, und je mehr ich als Finanzminister sehe, desto größer wird meine Skepsis gegenüber dem Kapitalismus“, hat Wolfgang Schäuble einmal zu seinem Bruder gesagt. Er sehe den Kapitalismus wesentlich skeptischer als früher.

Das lässt der Minister auch schon mal Journalisten spüren. Das Handelsblatt konfrontierte ihn vor wenigen Monaten damit, dass er, Schäuble, gesagt habe, der Rettungsschirm EFSF (später dann der ESM) werde den deutschen Steuerzahler nie mehr als 210 Milliarden Euro kosten. Tatsächlich habe aber die Realität gezeigt, dass eben nicht Schluss sei. Liege also darin nicht ein Wortbruch gegenüber dem Steuerzahler? Schäuble fackelte nicht lange und bügelte die Frage kurzerhand ab. „Sie sollten einen Kommentar schreiben. Dann müssen Sie auch niemanden interviewen, das macht es leichter“, sagte er und versicherte. „Es bleibt bei der klaren Deckelung beider Schirme. Und diese laufen für eine einjährige Übergangszeit parallel.“

Kommentare (8)

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herzlichen5

03.09.2012, 17:40 Uhr

Von wem kommt denn das Lob für Schäuble, vom Deutschen Steuerzahler sicherlich nicht. Schwäbische Tugenden besitzt der Mann keine. Rücktritt bringt nichts, die ihn ersetzende Pöstchenschiebermasse hat noch weniger Niveau. Soll er bleiben, die Qualität der politischen Klasse ist "alternativlos" mangelhaft.

Leopold

03.09.2012, 17:49 Uhr

Viel Lob? Für was? Dass er uns Märchen erzählt? Ob bewusst oder ob er wirklich nicht mehr besser kann will ich nicht beurteilen. Aber meine Brieftasche würde ich ihm nicht anvertrauen!

Thomas-Melber-Stuttgart

03.09.2012, 19:08 Uhr

Herr Schäuble hat seinen Amtseid "auf Deutschland" geleistet und von uns wird er bezahlt. Es ist an der Zeit, daß er sich darauf besinnt, wem er eigentlich letztendlich verpflichtet ist. Sollte es da einen Interessenkonflikt geben - honi soit qui mal y pense sollte Herr Schäuble die Courage haben, dies offen zu legen, und von seinem Amt zurückzutreten.

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