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14.02.2016

22:22 Uhr

Kritik an Flüchtlingspolitik

Grüner Bürgermeister ärgert Parteimitglieder

Der grüne Bürgermeister Boris Palmer plädiert dafür, die EU-Außengrenzen mit Zäunen und bewaffneten Grenzern zu sichern. Parteikollegen antworten darauf mit scharfer Kritik. Er spiele „rechten Hetzern“ in die Hände.

Boris Palmer auf der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen im Jahr 2010 (Archivbild):  „Es ist möglich, Ordnung herzustellen, ohne zu schießen.“ dapd

Umstrittener Bürgermeister

Boris Palmer auf der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen im Jahr 2010 (Archivbild): „Es ist möglich, Ordnung herzustellen, ohne zu schießen.“

BerlinBei den Grünen nimmt der Streit über die Flüchtlingspolitik an Schärfe zu. Parteichefin Simone Peter warf ihrem Parteifreund und Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer am Sonntag vor, er spiele „rechten Hetzern“ in die Hände. „Verantwortungsvolle Politik kümmert sich um eine humane Flüchtlingsaufnahme und gute Integration und wirbt für die Chancen einer vielfältigen, weltoffenen Gesellschaft“, sagte Peter dem „Tagesspiegel“ laut Vorabbericht vom Sonntag. „Wer Zäune und Mauern zur Begrenzung der Einwanderung von Flüchtlingen fordert, spielt in erster Linie rechten Hetzern in die Hände.“ Auch Co-Parteichef Cem Özdemir ging auf Distanz. „Boris Palmer ist ein guter OB in Tübingen, aber in dieser Frage spricht er weder für Landes- noch für Bundespartei“, schrieb Özdemir per Twitter.

In einem „Spiegel“-Interview hatte Palmer dafür plädiert, die EU-Außengrenzen mit einem Zaun und bewaffneten Grenzern zu sichern, um mehr Flüchtlinge abzuweisen. „Wenn jeder, der über die Grenze will, an einer Kontrolle vorbei muss, wird sich die Zahl der Flüchtlinge deutlich reduzieren“, sagte Palmer. „Es ist möglich, Ordnung herzustellen, ohne zu schießen.“ Es sei ihm zu einseitig, „nur die Sonnenseiten“ der Zuwanderung zu sehen, sagte Palmer: „Wir haben die Probleme lange unterschätzt, wie ich aus meiner praktischen Erfahrung sagen kann.“

Asylsuchende in Deutschland

Asylanträge

Die beim Bamf eingegangenen Asylgesuche bilden die einzige gesicherte Zahl. Im Gesamtjahr 2015 waren das 476.649 und damit rund 273.800 oder 135 Prozent mehr als 2014. Die bisherige Rekordzahl liegt 23 Jahre zurück: Unter anderem als Folge der Balkan-Kriege gab es 1992 438.200 Asylanträge.
Hauptherkunftsländer der Antragsteller waren 2015 Syrien (162.510), Albanien (54.762), Kosovo (37.095), Afghanistan (31.902) und Irak (31.379). Nimmt man noch Serbien (26.945) und Mazedonien (14.131) hinzu, kamen rund 133.000 Asylanträge aus vier der sechs Westbalkan-Länder, die 2014 und 2015 zu sicheren Herkunftsländern erklärt wurden.

Easy-Zahlen

Eingereist sind 2015 weitaus mehr Flüchtlinge und Asylbewerber. Das zeigt die Datenbasis zur Erstverteilung von Asylsuchenden (Easy), in der Schutzsuchende registriert werden, um nach einem festgelegten Schlüssel auf die einzelnen Bundesländer verteilt zu werden. Dort wurden laut Innenministerium 2015 rund 1,092 Millionen Zugänge registriert. Darunter waren rund 428.500 Syrer (rund 40 Prozent). Während die Neuzugänge bis November jeden Monat deutlich stiegen, gingen sie im Dezember zurück auf 127.300 nach 206.100 im Vormonat.
Die Easy-Zahl übersteigt die Asylanträge, weil viele Asylsuchende schon vor dem Asylantrag von den Ländern an die Kommunen weitergeleitet werden, da die Kapazitäten der Erstaufnahmeeinrichtungen erschöpft sind. Der formale Asylantrag kann sich daher um Wochen verzögern. Eine unbekannte Zahl der bei Easy Registrierten nutzt Deutschland auch nur als Durchgangsstation etwa auf der Reise nach Skandinavien.

Entschiedene Asylanträge

Das Bundesamt für Migration entscheidet zwar über mehr Anträge als im vorigen Jahr. Doch mit dem raschen Zustrom der Flüchtlinge hält es nicht Schritt. Laut Bilanz für 2015 wurden 282.726 Entscheidungen getroffen, mehr als doppelt so viele wie 2014. Davon erhielten 48,5 Prozent den Flüchtlingsstatus laut Genfer Konvention zuerkannt und dürfen damit in Deutschland bleiben. Davon wiederum wurden 2029 (0,7 Prozent aller Entscheidungen) als Asylberechtigte nach Artikel 16a des Grundgesetzes anerkannt. Von den entschiedenen syrischen Anträgen wurden 95,8 Prozent als Flüchtlinge anerkannt. Für Albaner, Kosovaren und Serben lag die Quote bei null Prozent.

Nicht entschiedene Anträge

Die Zahl der noch nicht entschiedenen Anträge stieg bis Ende 2015 auf 364.664. Hinzu kommt eine nicht bezifferbare Zahl von Flüchtlingen, die bereits registriert sind, deren Asylantrag aber noch nicht erfasst wurde. Der Antragsrückstau ist eines der größten Probleme. Das Bamf hat daher für 2016 4000 weitere Stellen bewilligt bekommen, wodurch die Mitarbeiterzahl auf etwa 7300 steigt. Bamf-Chef Frank-Jürgen Weise, der auch Chef der Bundesagentur für Arbeit ist, zeigte sich am Dienstag zuversichtlich, dass die 4000 neuen Beschäftigten „im besten Fall bis Mitte des Jahres qualifiziert im Einsatz“ seien.

Verfahrensdauer

Als ersten Erfolg werten das Bamf und das Innenministerium, dass sich die Verfahrensdauer für Syrer verkürzt hat. Sie stieg nach Angaben des Innenministeriums von 3,5 Monaten (Januar 2015) zunächst auf 4,3 Monate (Juni), sank bis Dezember aber auf 2,5 Monate. Für Antragssteller, die seit Jahresbeginn 2016 eingereist sind, könnte es wieder länger dauern: Für sie gilt wieder die Einzelfallprüfung mit persönlicher Anhörung durch den sogenannten Entscheider.

Palmer hatte in den vergangenen Monaten wiederholt eine Begrenzung des Flüchtlingsstroms gefordert und damit scharfe Kritik aus der Bundespartei auf sich gezogen. Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner erklärte auf Twitter zu den Palmer-Äußerungen: „Grüne stemmen sich dem Rechtsruck in der Gesellschaft entgegen und sollten ihm nicht hinterherlaufen.“ In Palmers Bundesland Baden-Württemberg kämpfen die Grünen unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei der Landtagswahl am 13. März um ihren Verbleib an der Regierungsmacht.

Im „Spiegel“-Interview warb Palmer dafür, in der Flüchtlingspolitik „zugleich hart und großzügig“ zu sein. „Ich will, dass wir so vielen Menschen helfen, wie wir können. Dass wir mehr Flüchtlinge aufnehmen als alle anderen Länder in Europa“, sagte der Oberbürgermeister, dessen Stadt nach seinen Worten 1300 Flüchtlinge untergebracht hat. In der Bevölkerung schwinde die Akzeptanz von Tag zu Tag: „Spätestens seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln kommen selbst grüne Professoren zu mir, die sagen: Ich habe zwei blonde Töchter, ich sorge mich, wenn jetzt 60 arabische Männer in 200 Meter Entfernung wohnen.“

Von

rtr

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