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07.02.2015

05:00 Uhr

Kritik an Yanis Varoufakis

„Athen produziert Gläubigerhass der widerlichsten Art“

VonDietmar Neuerer

ExklusivUnter Anspielung auf die deutsche Geschichte hatte der griechische Finanzminister in Berlin um Unterstützung für sein Land geworben. Doch seine historischen Vergleiche kommen in der deutschen Politik nicht gut an.

Mit historischen Vergleichen buhlt der neue griechische Finanzminister Varoufakis um eine Lockerung der Spar-Auflagen: In Berlin beißt er damit auf Granit. dpa

Griechenlands Finanzminister

Mit historischen Vergleichen buhlt der neue griechische Finanzminister Varoufakis um eine Lockerung der Spar-Auflagen: In Berlin beißt er damit auf Granit.

BerlinMit scharfer Kritik hat der CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus-Peter Willsch darauf reagiert, dass Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis die Forderungen seines Landes mit dem Verweis auf die Hilfe für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg begründet hat. Er stelle sich „einen Merkel-Plan vor, nach dem Vorbild des Marshall-Plans“, hatte Varoufakis im Interview mit der „Zeit“ gesagt.

Willsch warf dem Minister nun vor, sich auf der Suche nach einer Rechtfertigung für weiteres Geld für Griechenland mittlerweile tief in die europäische Geschichte hinein zu graben. „Die historischen Vergleiche sind abstrus und die Rufe Griechenlands nach einem Marshallplan ungehörig“, sagte das Mitglied im Bundestags-Wirtschaftsausschuss dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). „In der Europäischen Union ist bereits ein „Marshallplan“ verankert: Es sind die verschiedenen EU-Strukturfonds.“

Deutschland sei hier seit jeher Nettozahler. Seit der Einführung des Euro-Bargeldes am 1. Januar 2002 habe Deutschland 98,6 Milliarden Euro mehr in die EU einbezahlt, als es später herausbekommen habe. Auf der anderen Seite sei Griechenland mit fast 53 Milliarden Euro seit 2002 der zweitgrößte Nettoempfänger. „Das ist auf die heutige Kaufkraft umgerechnet fünfmal so viel wie der gesamte Marshallplan von 1948.“ Griechenland habe nach dem Krieg im Übrigen auch Marshallplan-Gelder bekommen. Das Programm habe nicht allein auf Deutschland gezielt.

Das Dilemma Griechenlands in Zahlen und Fakten

Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit liegt bei 25,5 Prozent. Bei den unter 25-jährigen Erwerbspersonen ist sogar fast jeder zweite ohne Job. Nach jüngsten Erhebungen liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 48,4 Prozent.

Staatsschulden

Griechenland hat insgesamt Schulden in Höhe von rund 320 Milliarden Euro (Stand September 2014). Das sind fast 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die EU und der Internationale Währungsfonds haben dem Land mit Darlehen in Höhe von rund 240 Milliarden Euro unter die Arme gegriffen.

Einkommen

Nach übereinstimmenden Angaben von Regierung und Gewerkschaften mussten die Menschen in Griechenland seit 2009 im Durchschnitt Einkommenseinbußen von 30 Prozent hinnehmen. Im öffentlichen Dienst wurden Urlaubs- und Weihnachtsgeld gestrichen. Auch Renten wurden massiv gekürzt.

Öffentlicher Dienst

Nach jüngsten Zahlen arbeiten derzeit 675 000 Menschen im öffentlichen Dienst. Das sind rund 277 000 weniger als noch 2009. Allein im Jahr 2014 wurden 9500 Staatsbedienstete entlassen. Zudem wurden viele Stellen nach altersbedingtem Ausscheiden von Angestellten nicht nachbesetzt. Die Regierung Tsipras steuerte der Entwicklung jedoch gegen – und stellte per Gesetz rund 4000 zuvor entlassene Staatsdiener wieder ein.

Wirtschaftswachstum

Erstmals nach vielen Rezessionsjahren wuchs die Wirtschaft 2014 nach vorläufigen Zahlen um 0,7 Prozent. Für 2015 erwartet die EU-Kommission einen Zuwachs von nur 0,5 Prozent.

Athen macht vor allem Deutschland für harte Sparauflagen verantwortlich, die Griechenland wegen der Euro-Krise erfüllen soll. Varoufakis hatte daher am Mittwoch von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) eine Art Wiederaufbauplan gefordert, wie ihn die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Marshallplan aufgelegt hatten. Zugleich versicherte er mehrfach, dass sein Land nicht zur Schuldenpolitik früherer Jahre zurückkehren wolle.

Kommentare (6)

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Herr Alex Vinckier

07.02.2015, 07:59 Uhr

Vollig einverstanden

Herr Friedhelm Franz

07.02.2015, 08:39 Uhr

Ein Blick auf die Fakten wäre doch interessant: Griechenland hat aus dem Marshallplan damals ebenfalls Hilfe bekommen und zwar pro Kopf etwa das vierfache wie Deutschland. Der Unterschied: die deutschen Unternehmen, die hieraus Kredite erhalten haben diese mehrheitlich brav zurückgezahlt. Aus 1,5 Milliarden Dollar wurden so 14 Milliarden Euro Sondervermögen, das die KfW verwaltet. Wenn unsere Politiker nur ansatzweise ihre Hausarbeiten machten, würden sie die Griechen a) darauf hinweisen, dass sie bereits ihren Marshallplan hatten und b) fragen, was daraus wurden.

Herr Günter Behrens

07.02.2015, 08:41 Uhr

sehr zu begrüßen, dass endlich auf diese ständigen, seit Jahren stattfindenden "Schläge unter die Gürtellinie" eingegangen wird. "Gläubigerhass" ist noch vorsichtig formuliert, seit Jahren wird von Tsipras/ Kammenos und einer großen Anzahl von Journalisten in vielen Zeitungen, im Fernsehen sowie in vielen Blogs systematisch versucht, ein Bild des "bosen Deutschen" zu zeichnen und unters Volk zu bringen, der nichts anderes im Sinn habe, als Europa zu dominieren und zu seinem Nutzen auszuquetschen. Es wird gehetzt und Öl ins Feuer geschüttet an allen Ecken und Enden. Einige Griechen erkennen den Versuch, das Volk einer Art Gehirnwäsche unterzeihen zu wollen, viele fallen dennoch drauf rein. Es soll abgelenkt werden von den eigentlich Schuldigen dieser fürchterlichen Krise, nämlich der Oligarchie der eigentlich Reichen. Fast schon triumphiernend wird nun der Tod des ehemaligen Siemens- Managers ausgeschlachtet. Hinter jedem korrupten Griechen stehe ein Deutscher, der ihn mit allen Mitteln zu bestechen versuche, um seinen Gewinn zu maximieren, koste es was es wolle.

Man kann nur hoffen, dass unser Duo Merkel/ Schäuble irgendwann eine Entschuldigung für diese Beschimpfungen der übelsten Art einfordert. Zugeständnisse von Seiten der deutschen Regierung würden wohl nicht nur in GR sondern ebenso in Spanien, Portugal, Irland, Italien und Frankreich als eine Art Schuldeingeständnis verstanden werden, was den Hass auf die "deutschen Wucherer = tokoglyfoi" nur noch verstärken würde.

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