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04.06.2013

16:14 Uhr

Kritik der Umweltverbände

Merkel in der Hochwasser-Falle

VonDietmar Neuerer

Merkels Einsatz für die Flutopfer hat einen unangenehmen Nebeneffekt. Umweltverbände halten der Kanzlerin indirekt vor, die Katastrophe mit befördert zu haben, weil sie Maßnahmen zum Hochwasserschutz stets abblockte.

Beim Überflug mit dem Hubschrauber nimmt Merkel das ganze Ausmaß des Hochwassers in Bayern wahr. dpa

Beim Überflug mit dem Hubschrauber nimmt Merkel das ganze Ausmaß des Hochwassers in Bayern wahr.

BerlinHochwasser ist für Betroffene eine Katastrophe, für Politiker kann es die Rettung sein. Dass Gerhard Schröder 2002 das Kanzleramt behaupten konnte, messen viele ein gutes Stück weit seinen Besuchen bei den Menschen in den damals überschwemmten Gebieten Ostdeutschlands zu. Schröder stapfte in Gummistiefeln und Regenjacke durch die Fluten, sprach Mut zu und kündigte Hilfe an. Weder senkte sich dadurch der Pegelstand, noch machten Elbe oder Mulde einen Bogen um Städte wie Dresden und Grimma. Aber der Kanzler, dessen rot-grüne Regierungsbilanz sich wenig wahlversprechend ausnahm, bekam Sympathiepunkte. Überraschend gewann Rot-Grün die Bundestagswahl.

An diesem Dienstag hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an die Wasserfront nach Passau begeben. Ob es für sie genauso rund läuft wie einst für Schröder? Die Kanzlerin versucht den Flutopfern Mut zu machen und verspricht schnelle Hilfe. 100 Millionen Euro sollen sofort bereitgestellt werden. Merkel kündigte diese Summe als schnelle Unterstützung für sämtliche betroffenen Regionen in Deutschland an. Was auf den ersten Blick wie eine großzügige Geste wirkt, verpufft nach einem nochmaligen Hinsehen. Zumindest ist das die Einschätzung mehrerer Umweltorganisationen, die in Anbetracht der Hochwasserkatastrophe schwere Vorwürfe gegen die Bundesregierung erheben.

Es sei zwar richtig, den vom Hochwasser betroffenen Menschen jetzt schnell zu helfen. „Allerdings war ausreichend Zeit, in den Hochwasserschutz zu investieren. Die Politik hat wenig gelernt“, sagte der Vorsitzende des Naturschutzbundes Deutschland (NABU), Olaf Tschimpke, Handelsblatt Online. „Die Regierungskoalition in Berlin hat sich im Koalitionsvertrag zum Ziel gesetzt, natürliche Auen zu reaktivieren und Flusstäler zu renaturieren, hier ist nicht viel passiert.“

Überschwemmungsgefahr in Deutschland

Wie groß ist die Gefahr von massiven Überschwemmungen?

Das hängt von drei Faktoren ab: der Niederschlagsmenge vor Ort, dem Wasser der Schneeschmelze aus dem Süden sowie der Geschwindigkeit, mit der dieses Wasser durch die Flüsse abfließt.

Regen und Schmelzwasser – was lässt die Pegel steigen?

0,1 Kubikmeter schmelzender Schnee entsprechen etwa der Wassermenge von 20 bis 30 Milliliter Regen. Doch vor Ort getauter Schnee ändert die Hochwasserlage dort nicht.

Welche Gebiete sind besonders vom Hochwasser bedroht?

Orte, wo flussnah gebaut wurde. Köln kann etwa weniger Hochwasser verkraften als die Anlieger weiter nördlich am Rhein.

Wie wird eine Hochwasser-Prognose erstellt?

Statistische Werte aus vorangegangenen Überschwemmungen, die Bodenbeschaffenheit (wie viel kann der Boden aufnehmen?) sowie die Menge an Wasser, die pro Sekunde durch den Rhein fließt (bei Dormagen sind es etwa 14.000 Kubikmeter), gehen in die Prognose ein. Auch das Schadenspotenzial spielt eine Rolle, also etwa, ob im „Hinterland“ nur Äcker überschwemmt würden oder ein Krankenhaus oder eine Schule betroffen wäre.

Wie viel Wasser können Überschwemmungsflächen aufnehmen?

Überschwemmungsflächen, die sich in den Hochwasserschutzgebieten befinden, können unterschiedlich viel Wasser aufnehmen. Das hängt von der Bodenbeschaffenheit ab und davon, wie hoch die Fläche liegt. Am Mittel- und Oberrhein werden solche Flächen bei Hochwasser geöffnet, am Niederrhein laufen diese Flächen vor den Deichen bei Hochwasser automatisch voll. Eine solche Fläche, die das Überschwemmungswasser aufnimmt, senkt den Pegelstand um 20 bis 30 Zentimeter.

Ähnlich äußerte sich der Chef des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger. „Leider ist es so, dass die Politik zwar regelmäßig Krisen managt, der Vorsorge vor Krisen aber zu wenig Gewicht beimisst“, sagte Weiger Handelsblatt Online. Das betreffe den Hochwasserschutz, aber auch die Klima- oder die Finanzkrise. „Die jetzigen Hochwasserschäden hätten zumindest gemildert werden können, wenn einige zehntausend Hektar, die 2002 nach der Jahrhundertflut von Experten als mögliche Flächen für Auen-Renaturierungen und Deich-Rückverlegungen identifiziert wurden, dem ökologischen Hochwasserschutz zur Verfügung gestellt worden wären“, unterstrich Weiger. „Hier müssen Bund und Länder energischer handeln.“ Angesichts des Klimawandels und einer Zunahme extremer Wetterereignisse benötigten die Flüsse mehr Raum.

Der Bundesvorsitzende der Naturfreunde Deutschlands, Michael Müller, warf Merkel vor, das Thema Hochwasserschutz als „Randthema“ zu behandeln. Merkel habe zu keiner Zeit „pro Hochwasserschutz Position bezogen“, sagte Müller Handelsblatt Online. Bis heute gebe es Widerstände und Blockaden. „Was wird erst sein, wenn - wie erwartet - der Starkregen klimabedingt weiter zunimmt?“, fragte der frühere SPD-Umweltstaatssekretär. Kritisch sieht Müller auch die von Merkel zugesagte Millionen-Fluthilfe. Beim Jahrhundert-Hochwasser im Jahr 2002 habe die rot-grüne Bundesregierung fast 9 Milliarden Euro für die Sanierung und Schadensbeseitigung ausgegeben. „Nichts gegen die 100 Millionen Euro von Frau Merkel, aber es geht um sehr viel mehr.“

Kommentare (24)

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Account gelöscht!

04.06.2013, 16:43 Uhr

Ich kann diese "entschlossenen und betroffenen" Politkerfeigen nicht mehr sehen.

Das ist genau das gleiche Geschwür wie die Gaffer bei einem schlimmen Unfall. Da heißt es schon in der Verkehrserziehung und bei der Rotkreuzausbildung: "Wer nicht aktiv helfen kann, muß entweder a. fähige Leute zu Hilfe rufen, falls diese noch nicht da sind oder b. sofern schon Helfer da sind, die sich auskennen, sich schnellstmöglich vom Acker machen, um den Helfern nicht im Weg rumzustehen.

Politiker mit Gummistiefeln in den Fluten watend braucht man so notwendig wie einen eitrigen Pickel.

Und wenn sie schon meinen, sich sehen lassen zu müssen, dann würde ich gerne mal einen Innenminister Friedrich oder eine Kanzlerin Merkel ein paar richtig schwere Sandsäcke schleppen sehen. Dann hätten sie wenigstens einen halben Tag lang endlich mal was Sinnvolles gemacht.

gerlinde

04.06.2013, 16:59 Uhr

"Ich kann diese "entschlossenen und betroffenen" Politkerfeigen nicht mehr sehen. " Musst ja nicht hinschauen.

Relativ

04.06.2013, 17:49 Uhr

Merkel macht "Hochwasser Tourismus".

Bringt bestimmt so nebenbei auch noch Wähler Stimmen.
Schließlich hat der Wahlkampf bereits begonnen.

Übrigens: Alles ist relativ !
Auch das Hochwasser.
Und natürlich die Themen für den Wahlkampf.


Nicht wahr Frau Merkel.


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