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23.02.2016

14:57 Uhr

Küken-Schreddern

Hannover will Massentötung von Eintagsküken verbieten

VonKevin Knitterscheidt

Landwirtschaftsminister Christian Schmidt will das sogenannte „Küken-Schreddern“ bis 2017 eindämmen. Sein grüner Kollege aus Niedersachsen, Christian Meyer, prescht schon einmal voran – und bringt ein Verbot ins Spiel.

Vom Ei in den Schredder: Jedes Jahr werden rund 50 Millionen männliche Küken getötet, weil sie für die Geflügel- und Eiproduktion nicht nutzbar sind. dpa

Hühner-Küken

Vom Ei in den Schredder: Jedes Jahr werden rund 50 Millionen männliche Küken getötet, weil sie für die Geflügel- und Eiproduktion nicht nutzbar sind.

DüsseldorfSie schlüpfen, sie fiepen – und landen nur wenige Stunden später im Häcksler. Nach Schätzungen der Tierschutz-Organisation Peta werden allein in deutschen Brütereien pro Jahr 50 Millionen männliche Küken kurz nach ihrer Geburt getötet. Meist werden die sogenannten „Eintagsküken“ geschreddert oder vergast. Denn anders als ihre weiblichen Artgenossen legen sie keine Eier, setzen nur langsam Fleisch an – und sind damit für die Geflügelproduktion weitgehend nutzlos.

Die Bundesregierung hat angekündigt, dem sogenannten Küken-Schreddern bis 2017 ein Ende bereiten zu wollen. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) wollte zwar bisher noch keinen konkreten Termin für einen endgültigen Ausstieg nennen, hat aber bereits die Entwicklung eines Verfahrens angestoßen, mit dem sich das Geschlecht des Kükens noch in der Brutphase bestimmen lassen soll.

Die Hoffnung: Könnten die Brütereien männliche Küken noch vor dem Schlüpfen aussortieren, entfiele das Massensterben. Denn die Eintagsküken würden so gar nicht erst geboren, sondern noch im Ei entsorgt oder anderweitig verwendet.

Fragen und Antworten zum Kükenschreddern

Wie funktioniert die Kükenauswahl bisher?

Im Moment werden die Küken in den Brütereien nach dem Schlüpfen von Hand sortiert. Qualifizierte Mitarbeiter können die Geschlechter anhand von Farbe, Federn und Kloaken unterscheiden und sortieren die männlichen Tiere aus, wie der Zentralverband Deutsche Geflügelwirtschaft erklärt. Die Minihennen werden aufgezogen. Die männlichen Tiere werden laut Verband fast ausschließlich mit Kohlendioxid vergast. Zudem sei das Zerkleinern im Häcksler erlaubt.

Wie funktioniert das neue Verfahren?

Statt nach dem Schlüpfen nach 21 Tagen können die Forscher der Universität Leipzig schon nach drei Tagen das Geschlecht im Ei bestimmen. Dazu fräst ein Laser ein Loch von etwa einem Zentimeter Durchmesser in die Kalkhülle. Für die spektroskopische Analyse müsse keine Probe entnommen werden, erklärt die Teamleiterin Prof. Maria Krautwald-Junghanns. Stattdessen werde die molekulare Struktur im Blut sichtbar gemacht, das bei Vögeln DNA-Informationen enthält. Binnen Sekunden wirft die Technik einen Kurvenverlauf aus, der das Geschlecht verrät. Nur die Eier mit weiblichen Küken werden mit Pflastern versehen und ausgebrütet.

Was ist der größte Unterschied?

Der Deutsche Tierschutzbund stellt fest, dass Hühner-Embryos nach heutiger Kenntnis erst ab dem zehnten Bruttag Schmerzen empfinden, also die drei Tage alten Embryos bei der Spektroskopie nichts spüren. Beim Schreddern oder Vergasen haben die Küken dagegen 21 Tage Bebrütung hinter sich und sind voll schmerzempfindlich. Die aussortierten, nur kurz bebrüteten Eier können zudem als Proteinlieferanten eingesetzt werden, etwa als Fischfutter.

Wie praxistauglich ist das Verfahren?

Die Geflügelwirtschaft begrüßt prinzipiell die Methode der Geschlechterbestimmung im Ei. Eine Herausforderung sei die große Öffnung in den Eiern, durch die im Brutprozess mehr Keime in das Ei gelangen könnten. Die Forscher wollen das Verfahren weiter verfeinern, sagte Wissenschaftler Gerald Steiner.

Werden die Eier teurer?

Seriöse Abschätzungen zu den Kosten der Geschlechterbestimmung im Ei gibt es laut Branchenverband noch nicht, da die Automatisierung noch in der Entwicklung ist. Rudolf Preisinger, Geschäftsführer eines führenden deutschen Geflügelzüchters, der mit den Forschern zusammenarbeitet, rechnet mit einem geringen Mehrpreis für die Eier. Er schätzt, dass auf jede Brüterei etwa Mehrkosten von einer halben Million Euro zukommen.

Was ist mit der ausländischen Konkurrenz?

Geflügelzüchter fordern ebenso wie der Agrarminister europaweite Lösungen. Ein nationaler Alleingang könnte zur Verlagerung der Produktion ins Ausland führen. Die niedersächsische Geflügelwirtschaft fordert laut einem Bericht der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ für den Ausstieg aus der Kükentötung Finanzhilfen von Bund und Ländern. Sonst könnten vor allem kleine Brütereien die Anschaffung nicht finanzieren.

Was sagen die Tierschützer?

Die akzeptieren die neue Technik bestenfalls als Zwischenlösung. Langfristig müsse das Zweinutzungshuhn gefördert werden, also der Einsatz von Hühnern als Eierproduzenten und Fleischlieferanten. Diese Hühner sind robuster und gesünder, legen aber weniger Eier und wiegen weniger als Hochleistungstiere. Die Verbraucher müssten also bereit sein, den Preis für eine tierschutzfreundliche Lösung zu zahlen.

Tierschützer betrachten Schmidts Pläne dennoch skeptisch und wünschen sich ein generelles Verbot. Bisher ist die Massentötung von Küken etwa in Niedersachsen nach einer Ausnahmeregelung erlaubt, wenn die Überreste als Ganzes hinterher beispielsweise als Tierfutter im Zoo oder als Biogas weiterverwendet werden. In anderen Bundesländern sind teilweise Verfahren anhängig, um die Rechtslage zu klären.

Zuletzt verklagte etwa die Staatsanwaltschaft Münster auf Betreiben von Peta eine Brüterei im nordrhein-westfälischen Senden, weil deren Tötungspraxis – in dem Fall ging es um vergaste Küken – gegen den Tierschutz verstoße. Doch schon kurz darauf ließ das zuständige Landgericht im Zwischenverfahren durchblicken, dass es vielleicht gar nicht erst zur Verhandlung kommen könnte – woraufhin die Staatsanwaltschaft ankündigte, notfalls bis vor den Bundesgerichtshof zu ziehen. Noch läuft das Verfahren.

Auch in Niedersachsen, dem Bundesland mit der größten Kükenproduktion, regt sich inzwischen Widerstand gegen die Massentötungen – und zwar auf Regierungsebene. Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) prescht mit einem Verbot der Praxis voran und setzt damit seinen Bundeskollegen Schmidt unter Druck.

Meyer will die Ausnahmegenehmigung für Eintagsküken, die nach ihrem Tod weiterverwendet werden, aufheben lassen. Laut „Neuer Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) hat er die niedersächsischen Justizbehörden gebeten, die Regelung zeitnah zu beenden. Gegenüber der NOZ kritisierte er Schmidts Vorgehensweise: „Bundesagrarminister Schmidt kündigt viel an, es kommt aber wenig dabei herum.“ Er dagegen werde bald ein definitives Ausstiegsdatum benennen, so Meyer. „Spätestens 2017 ist Schluss.“

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