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20.05.2016

13:58 Uhr

Kükentötungen

Wirtschaftsinteressen überwiegen Tierschutz

Kükenbrüter töten jedes Jahr Millionen Embryos aus wirtschaftlichen Interessen. Die umstrittene Praxis verstößt nicht gegen das Tierschutzgesetz, wie ein Oberverwaltungsgericht urteilte. Die wichtigsten Fragen dazu.

Männliche Küken sind für die Eierproduktion unbrauchbar. Daher werden jedes Jahr Millionen von ihnen getötet. dpa

Küken bei einer Landwirtschaftsausstellung

Männliche Küken sind für die Eierproduktion unbrauchbar. Daher werden jedes Jahr Millionen von ihnen getötet.

Die umstrittene Praxis, männliche Küken nach dem Schlüpfen zu töten, verstößt nicht gegen das Tierschutzgesetz. Das hat das Oberverwaltungsgericht Münster am Freitag entschieden. Das OVG bestätigte damit mehrere Urteile von Verwaltungsgerichten in Nordrhein-Westfalen gegen einen Erlass der rot-grünen Landesregierung. Das Tierschutzgesetz erlaube das Töten von Tieren, wenn dafür ein vernünftiger Grund vorliege, teilte der Senat mit. Die Aufzucht der ausgebrüteten männlichen Küken sei für die Brütereien aber mit einem unverhältnismäßig großen Aufwand verbunden, so die Urteilsbegründung. Revision ließ das OVG nicht zu.

Worum ging es in dem Streit?
Im Kern drehte sich die juristische Auseinandersetzung um die Frage, ob wirtschaftliche Interessen von Betrieben, die ihr Geld mit dem Ausbrüten von Küken verdienen, über oder unter dem Tierschutz angesiedelt sind.

Warum werden die männlichen Küken getötet?
Für die Produktion zum Beispiel von Frühstückseiern werden Legehennen gezüchtet. Die dafür bevorzugte Hühnerrasse ist darauf getrimmt, möglichst viele Eier in kurzer Zeit zu legen. Die männlichen Tiere legen aber schwerer Fleisch zu. Anders ist es bei Rassen für die Mast. Diese Tiere sollen möglichst schnell viel Fleisch ansetzen, damit sie als Lebensmittel verkauft werden können. Das Geschlecht erkennen die Kükenbrütereien aber erst nach dem Schlüpfen. Männliche Küken von Legehuhnrassen werden als Eintagsküken getötet.

Gibt es Alternativen?
Ende 2016 soll ein Forschungsprojekt in Leipzig/Dresden abgeschlossen sein, bei dem ein Gerät mit Lasertechnologie ein kleines Loch in das drei Tage bebrütete Ei fräst und dann mit einer „Nah-Infrarot-Raman-Spektroskopie“ das Geschlecht des Embryos bestimmt wird. Anschließend muss das Ei wieder verklebt werden. Diese Schritte dürfen zusammen nur wenige Sekunden dauern. 2017 soll diese Methode dann für die Industrie reif sein. Die Bundesregierung hat über 3 Millionen Euro in das Forschungsprojekt gesteckt.

Was fordern Tierschützer?
Der Deutsche Tierschutzbund will langfristig eine Abkehr vom bisherigen System, etwa durch die Zucht von „Zweinutzungshühnern“, die als Eier- und Fleischproduzenten eingesetzt werden können.

Gibt es neben dem Verwaltungsrecht weitere juristische Möglichkeiten, das Kükentöten anzugreifen?
Tierschützer zeigen Kükenbrütereien immer wieder an und berufen sich dabei auf das Tierschutzgesetz. Zuletzt reagierte die Staatsanwaltschaft in Münster auf eine solche Anzeige und erhob Anklage vor dem Landgericht. Die Klage wurde aber abgewiesen. Begründung: Zwar sehe das Tierschutzgesetz eine Strafe vor, wenn Tiere ohne vernünftigen Grund getötet würden. Dem stehe aber die Tierschutzschlachtverordnung aus dem Jahr 2012 entgegen. Dieser Erlass regele die zulässigen Tötungsformen für Eintagsküken. Außerdem liegt nach Ansicht des Gerichts ein vernünftiger Grund für die Tötung vor.

Was passiert mit den getöteten Tieren?
Zum Teil landen die geschredderten oder vergasten männlichen Küken auf dem Müll. Ein kleiner Teil wird als Tierfutter genutzt.

Von

dpa

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