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09.06.2014

16:35 Uhr

Kundgebung gegen Rechts

Gauck ruft zu gegenseitigem Respekt auf

Vor zehn Jahren wurden 22 Menschen beim Kölner Nagelbombenanschlag verletzt. Auf einer Kundgebung zum Jahrestag rief Bundespräsident Joachim Gauck zu gegenseitigem Respekt auf. Grünen-Parteichef Cem Özdemir übte Kritik.

Bundespräsident Joachim Gauck fordert gemeinsames Eintreten gegen Hass und Gewalt. dpa

Bundespräsident Joachim Gauck fordert gemeinsames Eintreten gegen Hass und Gewalt.

Köln Am zehnten Jahrestag des Nagelbombenanschlags von Rechtsterroristen in Köln hat Bundespräsident Joachim Gauck alle Bürger zu gegenseitigem Respekt und zu gemeinsamem Eintreten gegen Hass und Gewalt aufgerufen. „Euer Hass ist unser Ansporn“, sagte Gauck laut Redetext am Montag auf einer Großkundgebung in der Domstadt an die Adresse „rechtsextremer Verächter der Demokratie“. Den Opfern des Terrors und ihren Angehörigen sprach der Präsident sein Mitgefühl aus.

„Wir denken heute auch daran, wie viele Betroffene sich später allein gelassen oder sogar als Verdächtige behandelt fühlen mussten, wie viel Misstrauen damals gesät wurde“, sagte Gauck auf der Kundgebung, die unter dem Motto „Birlikte“ (türkisch: „Zusammenstehen“) stattfand.

Gauck zufolge hat der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) mit seinen Morden und dem Bombenanschlag wie in der Kölner Keupstraße „zu zerstören versucht, was uns in Deutschland wertvoll ist: das selbstverständliche Miteinander der Verschiedenen“.

Die Angeklagten im NSU-Prozess

Beate Zschäpe

Die 38-Jährige tauchte 1998 gemeinsam mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt unter, um einer drohenden Festnahme zu entgehen. Die drei Neonazis aus dem thüringischen Jena gründeten eine Terrorgruppe und nannten sich spätestens von 2001 an „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Zeugen beschreiben Zschäpe als gleichberechtigtes Mitglied; unter anderem soll sie das Geld verwaltet haben. Nach dem Tod ihrer Kumpane am 4. November 2011 setzte Zschäpe die gemeinsame Wohnung im sächsischen Zwickau in Brand und verschickte die Bekennervideos mit dem „Paulchen Panther“-Motiv. Am 8. November stellte sie sich der Polizei in Jena. Seitdem sitzt sie in Untersuchungshaft, mittlerweile in München – und schweigt.

Ralf Wohlleben

Der ehemalige Thüringer NPD-Funktionär mit Kontakten zur militanten Kameradschaftsszene soll Waffen für das Trio organisiert haben. Der 38-Jährige wurde am 29. November 2011 verhaftet und sitzt in U-Haft. Nach Ansicht der Ermittler wusste er von den Verbrechen – er ist wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.

Carsten S.

Der 33-Jährige hat gestanden, den Untergetauchten eine Pistole mit Schalldämpfer geliefert zu haben. Dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um die „Ceska“, die bei den Morden verwendet wurde. Er löste sich kurz darauf aus der Szene, lebte ab 2001 in Nordrhein-Westfalen und legte nach seiner Verhaftung im Februar 2012 ein umfangreiches Geständnis ab. Ende Mai kam er wieder auf freien Fuß. Er ist wie Wohlleben wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.

André E.

Der gelernte Maurer (33) war seit dem Untertauchen 1998 einer der wichtigsten Vertrauten des Trios und soll die mutmaßlichen Rechtsterroristen zusammen mit seiner Frau regelmäßig besucht haben. Die Ermittler hielten ihn zunächst für den Ersteller des Bekenner-Videos. Als Zweifel daran aufkamen, ordnete der Bundesgerichtshof im Juni seine Freilassung an. E. ist als mutmaßlicher Unterstützer der Gruppe angeklagt.

Holger G.

Der 38-Jährige gehörte wie Wohlleben und die drei Untergetauchten zur Jenaer Kameradschaft. Er zog 1997 nach Niedersachsen um. G. spendete Geld, transportierte einmal eine Waffe nach Zwickau und traf sich mehrfach mit dem Trio. Er überließ Böhnhardt einen Ersatzführerschein sowie 2001 und 2011 seinen Pass. Von Überfällen und Morden will er nichts gewusst haben. Nach der Verhaftung im Januar 2012 kam er Ende Mai wieder auf freien Fuß. Auch G. ist als mutmaßlicher Unterstützer der Gruppe angeklagt.

Die Gedenkveranstaltung für die Opfer und ihre Familien wertete der Bundespräsident auch als eine Botschaft an die an die rechtsextremen Verächter unserer Demokratie: „Wir zeigen, wie wir in unserem Land leben wollen: respektvoll und friedlich. Wir sind verschieden. Aber wir gehören zusammen. Und wir stehen zusammen, um allen, die von fremdenfeindlicher Gewalt bedroht sind, zu sagen: Ihr seid nicht allein.“

Grünen-Parteichef Cem Özdemir nannte es in Berlin „einen Skandal, dass die Hintergründe der NSU-Verbrechen nach wie vor nicht restlos aufgeklärt sind“. Der Anstand gegenüber den Opfern gebiete es, Konsequenzen aus den zahlreichen Ermittlungspannen zu ziehen. Özdemir verlangte insbesondere erneut einen „radikalen Schnitt“ beim Bundesamt für Verfassungsschutz „in personeller und struktureller Hinsicht“.

Das Attentat vom 9. Juni 2004 in der überwiegend von Türken bewohnten Keupstraße in Köln-Mülheim wird der Neonazi-Terrorgruppe NSU zugeschrieben. 22 Menschen wurden damals verletzt, vier von ihnen schwer. Bei der Suche nach den Tätern tappte die Polizei jahrelang im Dunkeln.

Von

afp

Kommentare (1)

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13.06.2014, 18:44 Uhr

*Peter Heimig (74):
Gedanken zu NSU Merkel R2P – Schirrmacher – Wulff, Köhler, Juncker, Dichand u.v.a.m.
Eine Polemik: “Tot mit bzw. ohne Mord“ die Crux aus meinen über 22 Jahren auf Rügen (Wahlkreis A. Merkel) www.peter-heimig.com (Nr. 126 PDF6) & .de oder z.B. taz: „Selbstentsorgung“ (Zersetzung).
Wie lange hält noch die Unschuldsvermutung in Deutschland – die hier von „bestimmten Politikern, Medien und Justiz“ reklamiert wird – nach soviel Leid ohne Konsequenzen für bestimmte straffreie Eliten, die sich gegenseitig mit goldenem Handschlag in Sicherheit gebracht haben.
*Heimig, Founder of Tax Free Shopping Europe pheimig@t-online.de



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