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28.01.2008

18:01 Uhr

Landtagswahlen in Hessen

Aus der Zeit gefallen

VonRüdiger Scheidges

Als Überzeugungspolitiker ist Roland Koch eine Rarität unter Deutschlands Konservativen. Vielleicht wurde die Hessenwahl gerade deshalb so eine Schmach für ihn. Ein Handelsblatt-Report.

Roland Koch: Das Ergebnis der Landtagswahlen ist für ihn eine herbe Niederlage. Foto: ap

Roland Koch: Das Ergebnis der Landtagswahlen ist für ihn eine herbe Niederlage. Foto: ap

BERLIN. Siegertypen geben nicht klein bei. Roland Koch schon gar nicht. Eineinhalb lange Stunden lässt er in der Wahlnacht seinen Big-Buddy Franz Josef Jung die Niederlage ausbaden. Tapfer verteidigt der Minister, in Berlin zuständig für die Landesverteidigung, die gefallene Bastion Hessen, babbelt von einer "Diffamierungskampagne" gegen seinen obersten Feldherrn - und verschafft dem unter Schock stehenden hessischen Ministerpräsidenten die Galgenfrist, die der für den selbstbewussten Umgang mit der Öffentlichkeit braucht.

Denn der letzte große Polarisierer unter Deutschlands Konservativen ist unter die Räder gekommen. "Ich habe es nicht abwarten können", verblüfft er das Publikum mit der Erklärung, warum er so "früh" vor die Presse tritt: geschlagene 90 Minuten nach Schließung der Urnen, über eine halbe Stunde nach seiner scheinbaren Bezwingerin Andrea Ypsilanti - und als letzter Politiker in der Union. Sollte der Satz Ironie gewesen sein - eine Koch nicht fremde Kunst der Selbstverteidigung -, so gelingt sie nicht recht.

Der erfolgsverwöhnte Sonnyboy aus Eschborn bei Frankfurt, gar keine Frage, hat es nicht gerade eilig, sein Scheitern einzugestehen.

Als er sich dann aber zeigt, lässt er jene Qualität aufblitzen, die ihn zum versierten Machtpolitiker macht. Denkbar profan, faktisch, nüchtern bringt der mutmaßlich vernichtend Geschlagene den Wahlabend auf den Nenner: "Wir werden abwarten müssen, was der Landeswahlleiter sagt."

Und der Landeswahlleiter wird sagen: Sieger mit 0,1 Prozent der Stimmen Vorsprung, mit exakt 3 995 Stimmen, ist Roland Koch.

Mit seinem demonstrativen Zuwarten hat Koch recht behalten: Die wild orakelnden Prognosegläubigen, die Ypsilanti an ihm vorbeisprinten sahen, erweisen sich als voreilige Kantonisten. Tatsächlich geht Koch spät am Abend, nachdem das Warten auf den Landeswahlleiter für die CDU doch noch erfolgreich verlief, hauchdünn vor seiner Herausforderin durchs Ziel. Zumindest dieser kleine Erfolg ist ihm in der schmachvollen Niederlage beschieden: der Scharmützelsieg in der so grandios vergeigten Schlacht um die Gunst der Hessen.

Selten zuvor hat die Schlachtmetapher ein so treffliches Objekt gefunden wie Roland Koch. Er hat seine abwägende Intelligenz Anfang Dezember 2007 in die Besenkammer gestellt und seine CDU in eine Entscheidungsschlacht geführt - gegen vermeintliche Heerscharen von Kommunisten, Sozialisten, Verbrechern. Damals, im Dezember nämlich, hielt die Staatskanzlei zum ersten Mal die unter Verschluss liegenden alarmierenden Umfragen in Händen: Kopf-an-Kopf-Rennen mit Ypsilanti!

"Linksblock verhindern! Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen!", lässt Koch darob ungeschlacht in ganz Hessen plakatieren - als gelte es, einen Stoßtrupp Bin Ladens davon abzuhalten, Börse und Oper in Frankfurt in die Luft zu jagen. Der große Polarisierer in Roland Koch hat den messerscharf analysierenden Politiker in die Maßlosigkeit gestürzt.

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