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28.03.2012

08:26 Uhr

Lebenszeichen

FDP legt in Wählergunst zu

Es ist ein zarter Hoffnungsschimmer für die gebeutelten Liberalen: Zum ersten Mal seit Monaten können sie in Umfragen zulegen. Vater des Erfolgs ist nicht Parteichef Philipp Rösler, sondern dessen größter Konkurrent.

Der designierte FDP-Spitzenkandidat und NRW-Parteichef Christian Lindner: Hoffnungsträger für gebeutelte Liberale. dpa

Der designierte FDP-Spitzenkandidat und NRW-Parteichef Christian Lindner: Hoffnungsträger für gebeutelte Liberale.

HamburgZum ersten Mal seit fünf Monaten gewinnt die FDP wieder leicht an Zustimmung. Laut dem am Mittwoch veröffentlichten Forsa-Wahltrend des Magazins „Stern“ und des Fernsehsenders RTL kletterten die Liberalen im Vergleich zur Vorwoche um einen Punkt auf vier Prozent. Dies ist der beste Wert seit Anfang Oktober 2011.

Für die Union wollten erneut 36 Prozent der Wähler stimmen. Die SPD kam zum fünften Mal in Folge auf 26 Prozent. Die Grünen fielen um einen Punkt auf 14 Prozent. Unverändert neun Prozent der Stimmen errang die Linke. Die Piratenpartei stieg laut dem Wahltrend um einen Punkt auf sieben Prozent.

Die Hoffnungswerte der FDP

Alles oder nichts

Die FDP kämpft ums Überleben. Nach dem Desaster an der Saar fuhr sie in Schleswig-Holstein ein akzeptables Ergebnis von gut acht Prozent ein - und auch in Nordrhein-Westfalen könnte es knapp reichen. Auf dem Weg in die ungewisse Zukunft hält sich die Partei an jedem Grashalm fest. Neue Hoffnung geben Umfragen, die die FDP im Bund wieder bei vier Prozent sehen. Worauf setzt die FDP im Überlebenskampf? Ein Überblick.

Existenzfrage

Die FDP hofft, dass sich bei den Bürgern die Erkenntnis durchsetzt, dass Deutschland nicht komplett ohne eine liberale Partei auskommen sollte. Auch die Parteiführung betont daher, dass es sich insbesondere im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen um eine Schicksalswahl handelt. Generalsekretär Patrick Döring mahnte, in den Landtagen müsse es auch künftig eine Stimme der Freiheit geben. Parteienforscher bezweifeln allerdings, dass es gelingt, die NRW-Wähler mit der Existenzfrage zu ködern. Zum einen schrecken sie erfahrungsgemäß nicht davor zurück, streng mit der FDP umzugehen. Bei Landtagswahlen stehen zudem landespolitische Themen stark im Vordergrund.

Gauck-Effekt

Die FDP hofft darauf, dass möglichst viel vom Glanz des neuen Staatsoberhaupts auf sie abfärbt. Denn die Partei schreibt sich auf die Fahnen, den in der Bevölkerung beliebten Joachim Gauck im Machtpoker gegen den Widerstand der Union durchgesetzt zu haben. Ohne die FDP hätte es den „Bürgerpräsidenten Gauck“ nicht gegeben, betont etwa Parteivize Holger Zastrow. Auf Begeisterung stößt bei der FDP, wie stark der einstige DDR-Bürgerrechtler mit liberalen Denkrichtungen übereinstimmt - vor allem bezogen auf das Motto „Freiheit zur Verantwortung“. Zwar wird betont, die Partei wolle Gauck keineswegs für sich vereinnahmen. Gleichwohl erwartet die FDP durch ihn Anknüpfungspunkte und Rückenstärkung für die eigenen Themen, bei denen der Freiheitsbezug ganz oben steht.

Konsequenz

Wie bei der Gauck-Nominierung hat die FDP bei der Abstimmung zum NRW-Haushalt Standfestigkeit gezeigt. Der Vorlage der rot-grünen Minderheitsregierung stimmte sie trotz der drohenden Wahlniederlage nicht zu. Die FDP hofft nun, dass die konsequente Haltung von den Wählern honoriert wird. Die FDP habe den „Schuldenhaushalt“ des „Polit-Experiments“ Rot-Grün verhindert, brüstete sich Generalsekretär Döring.

Kandidaten-Bekenntnis

In Nordrhein-Westfalen wollen die Liberalen nicht nur damit punkten, dass sie mit Christian Lindner einen eloquenten und in der Partei hoch angesehenen Spitzenkandidaten ins Rennen schicken, sondern auch damit, dass dieser sich klar für eine Zukunft im Landtag entschieden hat. Dies bedeutet, dass er sein Bundestagsmandat aufgeben muss. Entsprechend reitet die Partei auf dem CDU-Spitzenkandidaten Norbert Röttgen herum. Der Bundesumweltminister lässt beharrlich offen, ob er dauerhaft in die Landespolitik wechseln wird. Die Liberalen unterstellen ihm deshalb mangelnde Ernsthaftigkeit. Lindner setzt zudem darauf, dass allein sein Mut zur Übernahme von Verantwortung in schwieriger Lage beim Wahlvolk ankommt. Für Röslers Zukunft ist sein Comeback allerdings nicht ohne Gefahr.

Teamplay

Die FDP will sich stärker als Team präsentieren. Linder und der schleswig-holsteinische Spitzenkandidat Wolfgang Kubicki präsentieren sich im Wahlkampf neuerdings als gut harmonierende Parteifreunde, die gemeinsam bundesweit das Ruder für die FDP herumreißen wollen. Die Parteizentrale will die Wahlkämpfer „vollumfänglich“ unterstützen. Die gesamte Bundesspitze und die Minister werden vor Ort auftreten. Zudem hat die FDP ihre Talkshow-Präsenz erhöht.

Themen

Im Mittelpunkt sollen bei der FDP „Brot- und Butterthemen“ stehen. Rösler setzt vor allem auf eine Positionierung als Partei von Wachstum und Fortschritt, wozu unter anderem eine strenge Haushaltsdisziplin gehört. Die Schwerpunktsetzung spiegelt sich auch im neuen Grundsatzprogramm wider, das die FDP zwei Wochen vor der Schleswig-Holstein-Wahl beim Parteitag im April verabschiedete. Es soll für eine moderne, thematisch breit aufgestellte und pro-europäische FDP stehen. Die langjährige Forderung nach Steuersenkungen spielt darin keine Rolle mehr. Sie wird für den Absturz der FDP mitverantwortlich gemacht.

Forsa-Chef Manfred Güllner führt den Anstieg der FDP auf die Nominierung von Christian Lindner als Spitzenkandidat für die Wahl in Nordrhein-Westfalen zurück. Dem „Stern“ sagte er: „Während sich die FDP an der Saar zerfledderte, verschafft ihr der Lindner-Effekt bundesweit Auftrieb.“ Die Saarland-Wahl sei nichts als Stimmungstest für den Bund anzusehen.

Auch der neue Bundespräsident Joachim Gauck erfährt große Zustimmung. In einer Stern-Umfrage erklärten 68 Prozent der Bürger, sie seien mit ihm sehr zufrieden (21 Prozent) oder zufrieden (47 Prozent). Die Umfrage wurde am vergangenen Freitagabend nach Gaucks Antrittsrede durchgeführt. Mit Vorgänger Christian Wulff waren laut einer ähnlichen Umfrage drei Monate nach Amtsantritt Anfang September 2010 nur 41 Prozent der Bürger zufrieden.

Von

dpa

Kommentare (20)

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Morgentlicher_Lacher

28.03.2012, 08:47 Uhr

hahaha... da versucht selbst das HB verzweifelt, die FDP aus dem Koma zu reanimieren. Es ist zu spät! Totales Organversagen. Sepsis, die den liberalen Kern vergiftet hat. So ist das Begräbnis schon bestellt! Das Zucken gehört zum Ableben!

ax0

28.03.2012, 09:31 Uhr

Lindner ist der Grund? Kaum zu glauben, ich dachte sein plötzlicher Rückzug war der Grund des letzten Absturzes? Na, nach NRW werden wir mehr sehen. Wenn sie da raus sind, kann doch keiner mehr seine Stimme an die verschenken. Nicht mal vernünftige Hoteliers oder Börsenhändler.

Brechreiz

28.03.2012, 09:32 Uhr

@Morgentlicher_Lacher & @smarty_32:
ich sag nur: Totgesagte leben länger! Also aufpassen, mit zu viel wunschgedachten Prognosen...

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