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11.03.2014

16:54 Uhr

Lehren aus Fukushima

Katastrophenschutz ist „stark verbesserungswürdig“

VonStefan Kaufmann

Die Strahlenschutzkommission rät Deutschland zu größeren Evakuierungszonen und mehr Jodtabletten. Nun müssen die Länder den Schutz nach einem AKW-Unfall verbessern. Kritiker fürchten, dass die Behörden auf Zeit spielen.

Schadensbekämpfung nach dem Reaktorunglück in Fukushima im März 2011. AFP

Schadensbekämpfung nach dem Reaktorunglück in Fukushima im März 2011.

DüsseldorfIhre Mahnwachen halten Atomkraftgegner üblicherweise montags ab. Doch diese Woche haben viele Aktivisten ihren Protest auf zwei Tage ausgedehnt. Denn an diesem Dienstag jährt sich die Katastrophe von Fukushima zum dritten Mal. Am 11. März 2011 hatte ein Erdbeben und ein Tsunami das Atomkraftwerk im japanischen Fukushima so schwer beschädigt worden, dass die Kühlanlagen ausfielen . In mehreren Reaktoren kam es zur Kernschmelze. Große Mengen Radioaktivität traten aus, zehntausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen.

Überrascht verfolgte die Welt einen „GAU in Zeitlupe“ – im Gegensatz zur Explosion des Reaktors im ukrainischen Atomkraftwerk von Tschernobyl 1986. Folge des Fukushima-Unglücks war der deutsche Atomausstieg und der Beschluss, den Katastrophenschutz zu überarbeiten (Interaktiver Report: Wie eine Katatstrophe die Welt verbesserte). Ganze drei Jahre später hat die Strahlenschutzkommission (SSK) nun ihre Empfehlungen abgegeben: Größere Sicherheitszonen und eine flächendeckende Versorgung mit Jodtabletten.

Eine der wesentlichen Erkenntnissen für den Bevölkerungsschutz aus den Erfahrungen in Fukushima, heißt es in dem Bericht, sei festzuhalten, „dass die bisher für die Planung der Evakuierung angenommenen Radien nicht geeignet erscheinen.“ Entsprechend seien die Evakuierungsplanung an die größeren Radien anzupassen. „Auch die rasche Ausgabe von Jodtabletten muss durch entsprechende Planung praxisgerecht vorbereitet werden.“

Die Expertenkommission mahnt an, dass vor allem die Umsetzung der Schutzmaßnahmen auf Ebene der Kreise und Städte „stark verbesserungswürdig“ sei. Es fehle zudem „an ausreichend ausgebildetem Personal in den Notfallstationen, insbesondere an Strahlenschutzärzten“.

Jochen Stay von der Anti-Atom-Organisation „.ausgestrahlt“ zieht aus dem Bericht die Erkenntnis, dass „die Auswirkungen eines Super-GAU in Deutschland noch schlimmer sind, als bisher angenommen“. Er verweist im Gespräch mit Handelsblatt Online auch auf die logistischen Probleme: „Wenn zukünftig noch viel mehr Menschen im Fall der Fälle schnell ihre Heimat verlassen müssen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass dies organisatorisch gelingt, noch einmal deutlich kleiner als bisher schon.“ Vorausgesetzt, dass der zuständige Mann überhaupt am Einsatzort erscheint und im Katastrophenfall nicht seine Familie ins Auto packt und das Weite sucht.

Fragen und Antworten zu Gabriels Reformprojekt

Wer bezahlt bisher die Energiewende?

Bürger, Mittelstand und Industrie über den Strompreis. Haushalte trugen 2013 nach Zahlen des Branchenverbandes BDEW über die Ökostrom-Umlage 7,2 Milliarden Euro, die Industrie 6,1 Milliarden. 52 Prozent des Strompreises machen inzwischen Steuern, Abgaben und Umlagen aus. Mit der Ökostrom-Förderung soll das schrittweise Abschalten der verbliebenen acht Atomkraftwerke bis 2022 abgefedert werden. Und die bisher dominierende Kohleverstromung soll deutlich zurückgehen. Das Ziel der Energiewende: sauber, sicher, bezahlbar.


Woher kommt der schärfste Widerstand?

Aus Industrie, Ökostrom-Branche und den Ländern - letztere könnten die Reform des Erneuerbare-Energie-Gesetzes über Monate blockieren. Mit Blick auf die Deckelung des Wind-Ausbaus auf 2500 Megawatt im Jahr sagt Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD): „Das hat schon im Sozialismus nicht funktioniert.“ Windstrom an Land sei heute günstiger als so manches Gas- oder Kohlekraftwerk. Aber: Gabriel will den Ausbau nicht „staatlich“ ausbremsen, bei über 2500 MW gibt es jedoch automatisch weniger Fördergeld. Zudem wurde der Wert bisher fast nie erreicht. Der Rekord sind 2700 MW im Jahr 2003.

Wie könnte ein Kompromiss aussehen?

Der Kieler Energieminister Robert Habeck (Grüne) betont, Gabriel unterschlage, dass viele alte durch leistungsstärkere Anlagen ersetzt werden sollen. Wenn dies auf die 2500 MW angerechnet wird, „gibt es ab 2017 kaum Platz für neue Windmühlen und ab 2020 gar keinen mehr.“ Nach dem Treffen Gabriels mit den Länder-Ministern am Donnerstag deutet sich an, dass solche Windräder („Repowering“) eventuell nicht voll angerechnet werden - der Ausbaudeckel würde faktisch angehoben.

Wie will Gabriel bei dem Proteststurm seine Reform durchziehen?

Die EU-Kommission pocht auf Einschnitte bei der Ökostrom-Förderung und den Industrie-Rabatten. Gabriel kann dies in den Verhandlungen mit Ländern und Lobbyisten als Druckmittel nutzen - frei nach dem Motto: Meine Reform ist moderat, wenn ihr nicht mitzieht, kommt die Keule aus Brüssel. Die Industrie braucht zudem bis August Klarheit, um Rabattanträge für 2015 zu stellen. Die Industrie muss fürchten, dass Brüssel ohne moderate Reform das ganze Rabattsystem kippt. Dann könnten in Aluhütten sofort die Lichter ausgehen. Das hilft Gabriel.

Viel Ärger gibt es auch um den „Energie-Soli“ – was ist das?

Unternehmen, die ihren Strom selbst erzeugen und verbrauchen, sollen eine Mindest-Umlage von einem Cent je Kilowattstunde (kWh) zahlen. So könnten mehrere hundert Millionen Euro eingenommen und Umlagekosten für die Bürger gedämpft werden. Unternehmen, die künftig Kraftwerke kaufen und den Strom selbst verbrauchen, sollen über 5 Cent „Soli“ zahlen. Denn je mehr das machen, desto höher die Strompreis-Umlage für den Rest. Die Autobauer wehren sich: Das wäre, als müsse jemand Mehrwertsteuer bezahlen, wenn er die Äpfel seines eigenen Baumes isst, so Matthias Wissmann, Chef des Verbands der Automobilindustrie.

Und wie reagiert Gabriel?

Er gibt sich bisher unbeirrt. So traf er sich hinter verschlossenen Türen im Eichensaal seines Ministeriums mit führenden deutschen Energiemanagern und Ökostrom-Lobbyisten. Er habe sich wenig kompromissbereit gezeigt, sagt ein Teilnehmer. Es tobe ein großer Verteilungskampf. So habe die Mindest-Umlage für Selbstverbraucher nicht nur den Zweck, die Strompreise zu dämpfen. „Sondern es geht auch darum, dass die Energieversorger durch immer mehr Eigenverbrauch Marktanteile verlieren.“ Der Verbraucherschützer Holger Krawinkel stellt zudem die Frage, wer kontrollieren soll, wie viel Strom selbst verbraucht wird. „Eine Strompolizei will ja eigentlich keiner.“

Können die Strompreise sinken durch die Reform?

„Ich werde niemandem sinkende Strompreise versprechen, aber wir können die Kostendynamik drastisch brechen“, sagt Gabriel. Laut einer Studie des Öko-Instituts für die Denkfabrik Agora Energiewende könnte ein Durchschnittshaushalt um rund 50 Euro bei der Ökostrom-Umlage entlastet werden, wenn die Industrie-Nachlässe begrenzt werden sowie die Eigenstromerzeugung mit dem „Soli“ belastet wird. Der weitere Ökostrom-Ausbau soll zudem weit billiger als bisher werden - aber: Dafür wird der milliardenschwere Netzausbau noch zu Buche schlagen.

Auf dem Reißbrett sieht die Notfallplanung der SSK folgendermaßen aus: Die Bewohner in einem Radius von etwa fünf Kilometern um das Kernkraftwerk seien innerhalb von sechs Stunden nach der Alarmierung vollständig zu evakuieren. Wegen der Nähe zum Reaktor seien Rettungsmaßnahmen in dieser „Zentralzone“ besonders dringlich. Bislang hat diese Zone einen Radius von zwei Kilometern. Die daran anschließende „Mittelzone“ soll von zehn auf 20 Kilometer ausgeweitet werden. Hier sei die Evakuierung so zu planen, dass sie innerhalb von 24 Stunden nach Eingang des Alarms abgeschlossen werden könne. Die „Außenzone“ soll von 50 auf 100 Kilometer ausgeweitet werden.

Besonders gefährdete Personen sollen in diesem Bereich schnell mit Jodtabletten versorgt werden, um die Aufnahme radioaktiven Jods durch den Körper zu blockieren. Kinder und Jugendliche sowie Schwangere sollen gar bundesweit diese Präparate erhalten. In der zentralen Zone soll die Versorgung mit Jodtabletten innerhalb von sechs Stunden und in der Mittelzone innerhalb von zwölf Stunden vorgenommen sein.

Kommentare (5)

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11.03.2014, 17:05 Uhr

Es ist gut, wenn man auf Kernschmelzen von Kernkraftwerken vorbereitet ist. Aber sollte man sich nicht auf wahrscheinlichere und schlimmere Katastrophen vorbereiten?

Kernschmelzen sind in deutschen Kernkraftwerken extrem unwahrscheinlich, weil man hier weder solche verbrecherischen Experimente macht wie in Tschernobyl noch solche gewaltigen Erdbeben und Tsunamis hat wie in Fukushima. Außerdem sind deutsche Kernkraftwerke unvergleichlich besser konstruiert als die Tschernobyl-Reaktoren, und sie sind auch deutlich besser als die alten japanischen Reaktoren.

Zweitens ist die Zahl der Opfer der Kermschmelzen im Vergleich zu anderen Katastrophen viel kleiner. Man bedenke, dass das Erdbeben und der Tsunami in Fukushima fast 20 000 Tote forderte, die Radioaktivität der Kernschmelzen wahrscheinlich keine. Selbst bei der wirklich grausigen Katastrophe von Tschernobyl hätte man zwar die Arbeiter im Kraftwerk kaum retten können, wohl aber die mehreren Tausend krebskranken Kinder und Jugendlichen (6000 laut WHO), wenn man ihnen sofort Jodtabletten gegeben hätte. (Aber auch von denen sind bisher "nur" knapp 20 verstorben.)

Wenn man eine Lehre aus Fukushima ziehen will, sollte man vielleicht unsere Küstenregionen entvölkern, damit es bei uns nicht zu 20 000 Toten kommt? Unsinn? Klar, aber noch unsinniger ist es, die deutschen Kernkraftwerke vom Netz zu nehmen.

Die deutschen Kernkraftwerke sind von anderen Gefahren bedroht, wie z.B. Terroranschläge durch Flugzeuge? Aber sollte man dann nicht viel eher Fußballstadien mit 50000 Zuschauern oder mehr wegen der Gefahr von Flugzeug-Terror verbieten? Oder sollte man nicht alle Einkaufsmeilen unter die Erde verlegen? Oder alle Autos verbieten, weil die jedes Jahr drei bis viertausend Tote fordern? Alles Unsinn? Ja, aber noch unsinniger ist es, deutsche Kernkraftwerke abzuschalten, da die Geschichte gezeigt hat, dass von ihnen weniger Gefahren für den Menschen ausgehen. Außerdem wird auch die Kerntechnik besser und sicherer.

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11.03.2014, 17:06 Uhr

Bei den genannten Empfehlungen handelt es sich um sinnlose, politische Massnahmen die der Anti-Atompanik in D bewusst Vorschub leisten.
Jod hat einen Sdp von 184°C, Jod 131 ist ein sehr häufiges und leichtflüchtiges Spaltprodukt. Es ist eines der Hauptrisiken bei Atombombeneinsätzen und Reaktorunfällen. Radioaktives Jod kann von der Schilddrüse aufgenommen werden und zu Schilddrüsenkrebs führen. In Tschernobyl gab es 1000ende Schilddrüsenkrebsfälle von denen 9 (UNSCEAR 2008) zum Tode führten. Mit der Einnahme hochdosierter Kaliumjodidtabletten wird die Schilddrüse gesättigt und die Aufnahme radioaktiven Jods verhindert. Die Einnahme hochdosierter Mengen Jod führt jedoch auch zu Nebenwirkungen. Bei einem Reaktorunfall mit sehr geringen Dosen analog Fukushima ist zu befürchten dass viele Menschen diese Tabletten einnehmen und die Nebenwirkungen das Schilddrüsenkrebsrisiko überwiegt.
Untersuchungen der IAEA haben ergeben, dass die generellen Evakuierungen bei den Reaktorunfällen in Fukushima und Tschernobyl mehr Menschenleben durch Stress und Verkehrsunfälle gekostet haben als ein Verbleib in den Evakuierungszonen gekostet hätte. Moderne Katastrophenschutzpläne ausserhalb Europas sehen demzufolge meist keine generellen Evakuierungen vor, sondern lediglich lokale Umsiedlungen aus hochkontaminierten Hot Spots.

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11.03.2014, 17:17 Uhr

Das ist genau ein Punkt an dem ich die deutsche Rechtsprechung nicht so ganz verstehe.

Wenn ich ein Straßenfest über eine gewisse Größe ausrichte, muss ich eine Sanni-Wache auf eigene Kosten ausrichten.

Aber ein Fußballverein muss den notwendigen Polizeieinsatz nicht bezahlen.
Und ein AKW-Betreiber muss keine Katastrophenpläne ausarbeiten und die laufenen Kosten zahlen. Abgesehen von Versicherungen für den Schadensfall.

Würde man alle Kosten die mit dem Betrieb eines AKW einhergehen einpreisen, wäre auch der Atomstrom nicht mehr so ungemein günstig. Und der Atomausstieg würde ganz Marktkonform von statten gehen.

Warum gibt es diese Ungleichbehandlung?

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