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23.01.2010

10:00 Uhr

Literatur

Für den Krieg, aber gegen die Kriegsführung

VonRüdiger Scheidges

In Afghanistan ist Krieg, aber keiner spricht es aus. Der Politologe Marc Lindemann war als Nachrichtenoffizier in Afghanistan. Seine Analyse des Auslandseinsatzes ist eine unbequeme Lektüre. Anhand von Beispielen macht er deutlich: Ein verklemmtes Bekenntnis der Politik kann den Einsatz ineffizient machen - und sogar behindern.

Ein Bundeswehrsoldat in Kabul: Der Einsatz der Armee in Afghanistan ist eines der umstrittensten Themen. dpa

Ein Bundeswehrsoldat in Kabul: Der Einsatz der Armee in Afghanistan ist eines der umstrittensten Themen.

BERLIN. Wer sich die Annoncen der Rüstungsindustrie zu Gemüte führt, hat keine Zweifel, was „kriegsähnliche Zustände“ verlangen: „Tötungskapazität“, „letale Kraft“ und „größtmögliche Ausleuchtungspotenziale“. Was die Hersteller in drastischer Wahrhaftigkeit annoncieren, verwandelt sich in der bauschigen Sprache der Politik zu „rustikaler Ausstattung“ und „modernen Systemen“. Für die deutschen Soldaten in Afghanistan macht derartige semantische Camouflage keinen Unterschied. Sie verstehen nicht, warum nicht von Krieg die Rede ist, wenn bewaffnete Soldaten zur „Verteidigung des Vaterlands am Hindukusch“ (Peter Struck) letal agieren müssen, wollen sie überleben. Für sie ist Krieg, und sie müssen im Auftrag der Politik da hingehen.

Auch Marc Lindemann war als Nachrichtenoffizier der Bundeswehr in Afghanistan, zuletzt 2009. Jetzt legt der Journalist mit Politologiestudium ein unbequemes Buch vor: „Unter Beschuss“. Lindemann bringt eine Reihe konkreter Beispiele aus seinen Monaten im Einsatz, die belegen, dass ein verklemmtes Bekenntnis der Politik den gefährlicher werdenden Einsatz ineffizient macht, sogar behindert.

Die Litanei solcher Klagen ist zwar bekannt: ein verschämter Einsatz ohne schlüssiges Konzept, halbherzig organisiert mit sparsam ausgerüsteten Soldaten, denen so bedeutet wird, dass die Politik eigentlich nichts mit Krieg am Hut haben will. Polemisch nennt Lindemann solch Zaudern den „Schwachpunkt Moral“. Diesen Schwachpunkt verortet er grobschlächtig und fast ausnahmslos bei Friedensbewegten, Linken, Entwicklungshelfern, schlechthin bei einer „Friedensgeneration“. So als führe in Kriegsdingen Opportunismus und Zynismus nicht die Zungen der Konservativen. Lindemann ist kein Bellizist. Afghanistan hat ihn angeschossen.

Das ungenügende Equipment führt er auf eine Rüstungspolitik zurück, „die sich ausschließlich auf Szenarien der Friedenserhaltung festlegte“. Dem wiederum, so meint er, „liegt die realitätsferne Ideologie einer Generation von Posteninhabern zugrunde, die noch angesichts heftigster Feuergefechte die Wirklichkeit am Hindukusch verleugnet“.

Illusion von blühender Demokratie


Seine jüngste Erfahrung am Hindukusch fließt in die Prognose: „In der afghanischen Bevölkerung ist die abwartende Haltung der ersten Jahre einer weitverbreiteten Skepsis gewichen, ob der Westen aus der Auseinandersetzung als Sieger hervorgeht. Sie beginnen folglich mehr und mehr, sich auf diejenige Seite zu schlagen, die ihrer Meinung nach am Ende siegen wird.“ Sie wittern den Ausgang des Krieges: Wenn der Westen eines Tages seine Truppen abzieht, werde sich das Blatt für die zurückbleibenden Afghanen erneut wenden. Kein Wunder, dass Lindemann ein skeptisches Fazit zieht: „Ziel ist es nur noch, die Truppen möglichst schnell nach Hause zu holen – das heißt aber in keinem Fall kopflos.“ Vielmehr müsse Afghanistan erst stabilisiert sein, sonst werde sich die Nato in ein paar Jahren erneut gen Afghanistan aufmachen.

Der Autor warnt zudem davor, sich länger der Illusion hinzugeben, das archaisch-feudal strukturierte Afghanistan könne eine blühende Landschaft der Demokratie werden. Lindemann liefert viel Pro für diesen Krieg, aber weit mehr Contra gegen die Kriegsführung. Wer solche scheinbare Widersprüchlichkeit verstehen will, dem ist das Buch ein guter Führer.

Kommentare (1)

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jambon1

19.08.2010, 14:08 Uhr

Es ist wie immer im Krieg:

für die bundeswehr:
"unter beschuss"

für die Heimatfront:
"unter beschiss"

und:
"im Felde unbesiegt"

wahrscheinlich liegt's mal wieder am Versagen der Heimatfront:
"The new Dolchstoßlegende"



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