Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.01.2004

08:11 Uhr

Lokale Bündnisse für mehr Familienfreundlichkeit

Gute Balance ist gut für die Bilanz

VonEva Engelken (Handelsblatt)

Darüber, dass es in Iserlohn keinen Kindergarten gab, der erst um 19 Uhr schließt, hatte sich der Unternehmer Jürgen Schwerter lange geärgert. Schließlich brauchte er seine Teilzeitkräfte am Nachmittag und nicht vormittags. Doch dieses Problem ist Geschichte, seit sich die örtliche Industrie- und Handelskammer mit Stadt und Arbeitsamt zusammen gesetzt und für 15 Iserlohner Firmen in ähnlicher Lage eine extra Kindergartengruppe mit Öffnungszeiten von 12 bis 19 Uhr eingerichtet hat.

DÜSSELDORF. Iserlohn ist ein Musterbeispiel für ein funktionierendes lokales Bündnis für mehr Familienfreundlichkeit und ein Indiz für das wachsendes Interesse der Wirtschaft an diesem Thema. „Immer mehr Unternehmen setzen auf familienorientierte Personalpolitik als wichtiges Instrument der Unternehmensführung“, sagte Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), dem Handelsblatt. Mittlerweile gibt es eine Reihe von Initiativen von Wirtschaft und Politik, so die in der vergangenen Woche vorgestellten Lokalen Bündnisse, die Unternehmen auch finanziell unterstützen.

Und das mit gutem Grund, denn Familienfreundlichkeit rechnet sich. „Es spüren inzwischen immer mehr Unternehmensleitungen, welche Kosten ihnen ansonsten entstehen – Fachkräftemangel, höherer Krankenstand, Einstellungs- und Einarbeitungskosten bei familienbedingtem Personalwechsel, verschenkte Weiterbildungsinvestitionen“, so DIHK-Präsident Braun. Jeder Chef täte deshalb gut daran, zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie seiner Mitarbeiter beizutragen – im eigenen Interesse und im Interesse seiner Beschäftigten. Selbst mittelständische Firmen können Einsparpotenziale von mehreren 100 000 Euro realisieren, ermittelte die Prognos AG im Auftrag der Familienministerin.

Noch ist der Nachholbedarf in Sachen Familienfreundlichkeit groß: Teilzeitarbeit ist eine Frauendomäne, der Männeranteil an Teilzeitkräften lag im Jahr 2000 bei 5 Prozent, Betriebskindergärten gibt es erst in 1,8 Prozent aller Unternehmen und Frauen, die Kinder großziehen, fallen in ihrer Firma zum Großteil als Arbeitskräfte aus.

Doch wie das Iserlohner Beispiel zeigt, müssen es nicht immer teure Betriebskindergärten sein, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie herzustellen und Arbeitgebern qualifiziertes Personal zu erhalten. „Gerade in mittelständischen Betrieben findet Familienpolitik oft ohne formalisierte Programme statt“, so Braun. Vom Eltern-Kind-Arbeitszimmer über flexible Arbeitszeitgestaltung und Telearbeit hin zur Möglichkeit, das Essen aus der Betriebskantine für die Familie mitzunehmen, sind viele Maßnahmen denkbar, die wenig kosten und dem Unternehmen viel bringen.

Allerdings müssen Firmen die Vorteile auch erkennen. Nach einer Umfrage des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) unter 878 deutschen Unternehmen sehen bislang knapp 70 Prozent der Befragten noch keinen betrieblichen Bedarf für mehr Familienfreundlichkeit. Würden Mitarbeiter solche Maßnahmen jedoch einfordern, wären 66 Prozent bereit, sie einzuführen – falls die konjunkturelle Lage es zulässt und der Fiskus dies mit Steuervergünstigungen versüßt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×