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24.06.2013

16:40 Uhr

Ludwig Poullain

„Sollen Italien und Frankreich im Euro bleiben?“

VonSven Prange

Ludwig Poullain war der letzte große Chef der West LB. Mit Handelsblatt Online spricht der 93-Jährige über die Schuld der Banker, die Feigheit der Politiker – und die Sehnsucht nach dem großen Knall.

Ludwig Poullain (* 23. Dezember 1919 in Lüttringhausen) war von 1969 bis 1977 Vorstandsvorsitzender der WestLB und von 1967 bis 1972 Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV). Dominik Asbach

Ludwig Poullain (* 23. Dezember 1919 in Lüttringhausen) war von 1969 bis 1977 Vorstandsvorsitzender der WestLB und von 1967 bis 1972 Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV).

DüsseldorfHerr Poullain, Sie fanden den Euro schon falsch konstruiert, als die Deutschen selig die neue Währung bejubelten und Europa wuchs und wuchs. Wenn Sie nun sehen, wie die Realität Ihre Analyse einholt: Lohnt sich ein Sturkopf manchmal doch?
Ich stand lange alleine mit meiner Meinung zum Euro, zur Zukunft Frankreichs. Aber so langsam holt mich die Meute wieder ein. Ich kann mich jedenfalls nicht mehr beklagen, nicht gehört zu werden. Auch, wenn ich bei weitem nicht alles verstehe, was da vor sich geht – oder Ihnen sagen kann, wie wir aus diesem Schlamassel wieder herauskommen.

Sie waren Chef einer Landesbank, die sich früh für das Auslandsgeschäft öffnete, haben Freunde in ganz Europa, sahen den Export schon als Wohlstandsquell für Deutschland, als andere noch an den Segen des Protektionismus glaubten – und nun verzweifeln ausgerechnet Sie am Euro?
Ich bin ja noch ein Zeitzeuge. Als der Krieg zu Ende war, hatten wir in Zentraleuropa ein gemeinsames, großes Interesse: das war Frieden. Und wir wussten: Nur, wenn alle Grenzen fallen, werden wir in Zentraleuropa nicht mehr aufeinander schießen. Wir waren bis dahin ja alle in der Gewissheit groß geworden, dass Krieg zum Leben schon irgendwie dazu gehört. Und diese Gewissheit hat uns die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, zum Glück, genommen.

Kommt Ihnen das manchmal angesichts der Proteste, der Anti-Merkelstimmung in Griechenland, Italien oder Spanien surreal vor heute?
Der Krieg von 1945 war so grausam, dass der Gegenpol dazu selbstredend Frieden war. Ich war auch von Robert Schumann, von seinen Plänen zur EWG begeistert. Und diese EWG war ja, so lange bis man ihr das W weggenommen hat, eine Gemeinschaft, die uns allen mehr Frieden und mehr Wohlstand gebracht hat. Die Voraussetzungen für Begeisterung waren damals andere.

Was hat sich an diesem Willen, an dieser Erkenntnis, dass Gemeinschaft Frieden schafft, heute geändert?
Den Völkern Europas wurde eine Wohlstandsverheißung gemacht. Und so lange diese eingehalten wurde – und das war über Jahrzehnte – haben Europas Völker an den Sinn dieser Gemeinschaft geglaubt. Heute aber sind die Südeuropäer auf der anderen Seite dieser Wohlstandsverheißung. Gar nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn wir nun auf dieser anderen Seite stehen würden.

Wie kann die Hälfte des Kontinents von jetzt auf gleich den Glauben an diese Wohlstandsverheißung, wie Sie es nennen, verlieren?
Irgendwann ist die Idee abhandengekommen, welches Europa wir wozu haben möchten. Wollen wir ein merkantilistisches Europa? Was ist die Idee von Europa? So lange wir darauf keine Antwort haben, frag ich mich, ob es so sinnvoll ist, Frankreich, Spanien, Italien alle im Euro zu halten. Und fragen sich die Menschen, wozu sie dieses gegenseitige Verständnis aufbringen sollen.

Aus Ihnen klingt ein tiefes Bekenntnis zu Europa, aber eine hartnäckige Abneigung gegen den Euro.
Beides gehört irgendwie und irgendwann auch zusammen. Aber nicht so, wie es gemacht wurde. Wer hat diesen Teufel geritten, alles so schnell durchzupauken? Das ist keine Kritik nur an der Vergangenheit, das ist eine Frage, die ich auch an die Zukunft stelle. Warum geben wir den Völkern Europas nicht 100 Jahre Zeit, sich an den Gedanken, aber auch an die Anforderungen eines gemeinsamen Währungsraums zu halten?

Zu spät, würden Ihnen die Pragmatiker, die in Regierungen, Notenbanken und Banken das Sagen haben, entgegenhalten.
Aber welche Alternative haben die? Die Austeritätspolitik von Frau Merkel jedenfalls ist zu Ende. Die ist, egal ob sie richtig ist oder nicht, nicht mehr durchsetzbar in Europa. Das ist ein Sprengsatz, für uns ist der Euro zu billig, für andere zu teuer. Um diese Erkenntnis kann man sich doch nicht herumdrücken. Wie wollen Sie denn ein ökonomisches Problem, eins das durch Zahlen ganz offensichtlich wird, politisch lösen?

Kommentare (29)

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Account gelöscht!

24.06.2013, 17:12 Uhr

Respekt! Dieses Interview muß man dreimal lesen. Offensichtlich ist Herr Poullain Nichtraucher, denn sein Kopf ist noch mitnichten benebelt.

Letzter Satz: "Die Verhältnisse müssen sich wohl so zuspitzen, bis die Südeuropäer von sich aus erkennen, dass es ein Austritt für sie leichter macht."

Das wird dann passieren, wenn die Nordländer, d.h. in erster Linie D, ausgeblutet sind.

Joker1

24.06.2013, 17:15 Uhr

Ein alter und sehr weiser Mann!
Herr Poullain bringt die Thematik auf den Punkt.
Große Anerkennung und Respekt.

EuropaLebtUSAbebt

24.06.2013, 17:19 Uhr

Es wird mit dem heutigen Tage für Bürger des Europarates leichter sein, die Dinge beim Namen zu nennen, welche bewegen.

Gerade kommt Bewegung in die Sphäre; denn der MRGH des Europarates der 47/48 untersucht die Dinge im Rahmen der Gepflogenheiten mit den sogenannten Whistleblower, insbesondere nach dem heutigen Manöver von Snowdon.

Die USA muß sich davor in acht nehmen, weiter so, geht bestimmt nicht mehr und Grand Britain täte gut daran die Karten offen auf den Tisch zu legen.

Welch eine Wandlung !

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