Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.09.2012

16:36 Uhr

Lufthansa-Streik

Politik und Wirtschaft drohen Flugbegleitern

VonDietmar Neuerer

ExklusivDer Tarifkonflikt zwischen der Lufthansa und den Flugbegleitern könnte drastische Konsequenzen nach sich ziehen. Die Wirtschaft forderte die Politik zum Handeln auf. Union und SPD reagierten – mit konkreten Überlegungen.

Lufthansa-Angestellte in Warnwesten und mit Protest-Schildern am Berliner Flughafen Tegel. dapd

Lufthansa-Angestellte in Warnwesten und mit Protest-Schildern am Berliner Flughafen Tegel.

BerlinDer Streik der Lufthansa-Flugbegleiter motiviert die Politik, ein lange gehegtes Vorhaben nun doch in die Tat umzusetzen. „Der gegenwärtige Streik der Flugbegleiter bei der Lufthansa zeigt, wie wichtig es ist, die Tarifeinheit wieder herzustellen. Es kann nicht sein, dass einige wenige den Flugverkehr europaweit beeinträchtigen“, sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Joachim Pfeiffer, Handelsblatt Online. Die Kleinstgewerkschaft Ufo trage ihren Arbeitskampf nicht nur zu Unrecht auf dem Rücken der Passagiere aus, sondern handle auch gegenüber den anderen Flughafen-Beschäftigten „mehr als verantwortungslos, ganz zu schweigen von den Kosten für die Gesamtwirtschaft in unserem Land“.

Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hatte im Jahr 2010 in zwei Urteilen den Grundsatz der Tarifeinheit aufgegeben. Die Unions-Bundestagsfraktion hatte daraufhin einen Vorschlag „in absehbarer Zeit“ angekündigt, mit dem einer drohenden Tarifzersplitterung begegnet werden solle. Die FDP hatte dagegen mit dem Hinweis eine Festlegung vermieden, dass die Koalitionsfreiheit ein „verfassungsrechtlich geschütztes Gut“ sei und Streiks als zulässig erachtet, wenn sie für die Durchsetzung der Tarifforderungen verhältnismäßig seien. Nun scheint sich der Wind zu drehen. Nach Informationen von Handelsblatt Online bereiten die Liberalen ein Kompromisspapier vor, um den Dissens mit der Union zu lösen.

Das Wichtigste zum Lufthansa Streik

Wie erfahre ich, ob mein Flug ausfällt?

Ob, und welche Flüge konkret betroffen sind, können Kunden auf der Lufthansa Website prüfen. Das Lufthansa Service Center steht bei Flugunregelmäßigkeiten kostenlos auch telefonisch zur Verfügung:

0800 / 8 50 60 70

Worum geht es eigentlich?

Offiziell streiken die Flugbegleiter lediglich für mehr Geld. Sie verlangen nach drei Jahren Nullrunde ein Einkommensplus von fünf Prozent sowie höhere Gewinnbeteiligungen. Im Hintergrund geht es um die Zukunft des Lufthansa-Konzerns. Das Management will eine Billigeinheit für Direktflüge mit zunächst rund 90 Flugzeugen und 2000 Beschäftigten gründen, für die deutlich niedrigere Tarife gelten sollen. Bei allen übrigen sollen Gehaltsstufen abgeflacht werden, neue Kräfte nicht mehr so schnell aufsteigen können. Weil Ufo dabei nicht mitmachen wollte, hat Lufthansa zudem Leiharbeiter eingesetzt.

Die UFO-Taktik

Die Gewerkschaft UFO will eine Nadelstichtaktik führen. Um der Lufthansa möglichst wenig Zeit zur Vorbereitung zu lassen, veröffentlicht sie die bestreikten Flughäfen erst wenige Stunden vor Beginn der Arbeitsniederlegung. Als nächste Stufe des Arbeitskampfes wird ein flächendeckender Streik vorbereitet, sagt Ufo-Chef Nicoley Baublies. Damit erhofft sich die Gewerkschaft ein Einlenken der Lufthansa auf ihre Forderungen.

Wie reagiert die Lufthansa?

Man habe mehrere Szenarien in der Schublade und werde möglichst viele Flüge stattfinden lassen, sagt Sprecher Thomas Jachnow. Vorrang haben die Interkontinentalverbindungen, während innerdeutsche Flüge am einfachsten auf die Bahn verlagert werden können. Auch Umbuchungen auf andere Airlines sind möglich

Wie hoch ist die Kampfbereitschaft der Stewards und Stewardessen?

Das ist die spannende Frage in diesem Tarifkonflikt. Im Gegensatz zu den weit besser verdienenden Piloten oder den Fluglotsen bei der Deutschen Flugsicherung haben die Flugbegleiter bislang noch nie einen richtigen Arbeitskampf durchstehen müssen. Lufthansa-Personalvorstand Stefan Lauer hat sich vor wenigen Tagen noch sicher gezeigt, dass es zu großen, flächendeckenden Streiks nicht kommen werde. Sicher ist aber, dass es in der einstmals geschlossenen und stolzen Lufthansa-Belegschaft wegen der umfassenden Sparpläne gärt.

Wie lange hält die Gewerkschaft einen Arbeitskampf durch?

An mangelnden Mitteln aus der Streikkasse werde der Arbeitskampf nicht scheitern, sagt Baublies. Die langsame Eskalation schont zumindest am Anfang auch das Ufo-Vermögen. Eine Strategie könnte es sein, nur wenige Streikende pro Flug zu organisieren, weil die Flieger mit Mindestbesatzungen starten müssen. Vor allem bei den eng besetzten Europaflügen ist eigentlich kein Puffer drin, so dass bereits der Ausfall eines Flugbegleiters den Start verhindern kann. Das sehen gesetzliche Vorschriften vor.

Kann die Lufthansa nicht einfach Ersatzleute anheuern?

Das wird schwierig, wenngleich der zuständige Personalchef Peter Gerber sich das durchaus vorbehalten hat. Doch der Arbeitsmarkt ist nicht gerade üppig besetzt. Die Grundausbildung ist zwar mit zwölf Wochen relativ kurz, aber es kann nicht jeder Flugbegleiter auf jedem Jet eingesetzt werden. Aus Sicherheitsgründen sind die Leute jeweils nur auf bestimmte Flugzeugtypen zugelassen. Zudem sind Leiharbeiter nicht verpflichtet, sich als Streikbrecher zu betätigen.

Wann erfahre ich, ob mein Flug ausfällt?

Sechs Stunden vor Beginn der Streikmaßnahmen will die UFO bekannt geben, an welchen Flughäfen sie streikt. Gewerkschaftschef Nicoley Baublies verspricht, bereits am Vorabend zu warnen, wenn ein Streik früh am nächsten Morgen beginnt.

Und auch die Opposition sieht Handlungsbedarf. Der Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagfraktion, Florian Pronold, zeigte zwar Verständnis für den jetzigen Streik. Fünf Prozent mehr Lohn und die Bekämpfung von Leiharbeit seien legitim. „Trotzdem ist es problematisch, wenn im selben Betrieb jede Beschäftigtengruppe für sich selbst Tarife aushandelt“, sagte Pronold Handelsblatt Online. „Es besteht die Gefahr, dass viele Arbeitnehmer von Lohnerhöhungen abgekoppelt werden und dass großer wirtschaftlicher Schaden entsteht, weil es viel öfter zu Streiks von Kleinstgruppen kommt.“ Er sei daher dafür, die Tarifeinheit per Gesetz zu stärken, um gemeinsam für alle Beschäftigten in einem Betrieb Verbesserungen durchzusetzen. „2010 hat Angela Merkel das groß angekündigt, aber Schwarz-Gelb blockiert sich mal wieder gegenseitig und steht nur für Stillstand“, kritisierte Pronold.

Tarifstreit: Flugbegleiter setzen Lufthansa letztes Ultimatum

Tarifstreit

Flugbegleiter setzen Lufthansa Ultimatum

Die Gewerkschaft droht nun auch einen flächendeckenden Arbeitskampf an.

Von dem neuerlichen Flugbegleiterstreik an den Flughäfen Frankfurt, Berlin und München sind mindestens 43.000 Fluggäste der Lufthansa betroffen gewesen. Diese Zahl nannte ein Sprecher des Unternehmens am Dienstagnachmittag in einer ersten Bilanz. Am Freitag, dem ersten Streiktag, waren es 26.000 Passagiere.

Kommentare (18)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

SWILHEL

04.09.2012, 17:03 Uhr

Komplette Verlagerung des Hauptsitzes nach Dubai, Abu Dhabi oder sonst wohin, wo es billiger ist............Dann werden nur noch Inder und Pakistanis angestellt, welche nur ein drittel kosten.

Tacheles

04.09.2012, 17:35 Uhr

Die Tarifeinheit ist keine grundsätzliche Lösung. Diese Form der Tarifauseinandersetzung gehört längst in die Mottenkiste. In der heutigen Zeit sollte man auch ohne einen derartigen "Kampf" zu einem Kompromiss und zu einer Einigung kommen können, zumal der Kampf in Wahrheit nicht zwischen den Parteien, sondern in Form eines Eindreschens auf Kunden und die Gesamtgesellschaft ausgetragen wird.
Es ist völlig unverständlich, dass die Gesellschaft dieses „mittelalterliche“ Gehabe noch toleriert.

Outsourcing

04.09.2012, 17:44 Uhr

Warum sparen wir uns hier in D nicht alle komplett weg?
Uns braucht doch die „globalisierte Welt“ nicht mehr.
SWILHEL & Tacheles Sie beide machen dann das Licht aus!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×