Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.01.2015

20:42 Uhr

Machtkampf um Lucke

Wenn die AfD ihr Gesicht verliert

Bernd Lucke ist das Gesicht der AfD und will die Macht für sich. Die anderen Vorstände protestieren. Aber was, wenn der Chef hinschmeißt? Manch einer sieht in der Partei bereits einen Fall für den Verfassungsschutz.

AfD-Chef Lucke: Charismatisch und machtversessen. dpa

AfD-Chef Lucke: Charismatisch und machtversessen.

Berlin/DresdenDas Schreiben, das kurz nach den Feiertagen bei AfD-Chef Bernd Lucke eingeht, ist zwar im Ton höflich, aber in der Sache knallhart. Die Absender des Briefes, darunter mehrere Mitglieder des Bundesvorstandes, beschweren sich darin über seinen Führungsstil „nach Gutsherrenart“. Und über Luckes angeblichen Versuch, Funktionsträger der Partei „auf Linie zu bringen“. Er, Lucke, solle sich künftig bitte nur zur Euro-Rettungspolitik äußern und andere Themen wie Zuwanderung, den Ukraine-Konflikt oder die Angst vor der „Islamisierung“ Deutschlands gefälligst anderen Parteimitgliedern überlassen, die dafür besser geeignet seien.

Wer Lucke kennt, weiß, dass er sich diese Maßregelung wohl nicht gefallen lassen wird. Damit ist der Machtkampf noch vor dem mit Spannung erwarteten Parteitag Ende Januar in Bremen eskaliert.

Hintergrund des Protestbriefs: Lucke will auf dem Parteitag eine neue Satzung durchsetzen, die seine Führungsrolle zementieren würde. Wer nach dem Mitgliederparteitag als Sieger vom Platz gehen wird, ist noch offen. Fest steht aber: In Bremen entscheidet sich, ob sich die AfD als feste Größe in der deutschen Parteienlandschaft etablieren kann oder ihr eine Austrittswelle droht, von der sie sich womöglich nie mehr erholen wird.

Der Bundesschatzmeister der AfD, Piet Leidreiter, reagierte mit Befremden auf das Vorgehen der Vorstände gegen Lucke. „Liebe Parteifreunde“, schreibt Leidreiter auf seiner Facebook-Pinnwand, „der Bundesvorstand besteht aus 11 Mitgliedern. Davon wünschen sich drei Mitglieder ein Gespräch mit Bernd Lucke außerhalb der Vorstandssitzungen. Was soll ich davon halten?“ Er sei „ziemlich ratlos“, zumal er seit einem halben Jahr versuche, den Beteiligten beizubringen, interne Probleme intern zu lösen.

Sollten die Mitglieder beim Parteitag die von Lucke favorisierte neue Führungsstruktur mit nur einem Vorsitzenden ablehnen, ist zu erwarten, dass Lucke bei der Wahl des neuen Bundesvorstandes Anfang April nicht mehr kandidieren wird. Dann hätte die AfD ein Problem. Denn Lucke ist das Aushängeschild der jungen Partei. „Wenn das passieren sollte, dann werde ich die AfD verlassen“, ist ein Satz, den man im Unterbau der Partei jetzt oft hört.

Wer die AfD anführt

Bernd Lucke, Sprecher

Bernd Lucke ist Professor für Makroökonomie an der Universität Hamburg, 2004 war er Berater der Weltbank. Lucke sieht sich als „Christdemokrat, der von seiner Partei verlassen wurde“ und so verließ er nach 33 Jahren Mitgliedschaft die CDU, in die er mit 16 eintrat. Er fordert eine geordnete Auflösung des Euro-Zwangsverbandes. Eine Option sei die Einführung von Parallelwährungen. Dafür müsste Deutschland eine Änderung der Verträge erzwingen.

Konrad Adam, Sprecher

Der ehemalige FAZ-Redakteur vertrat schon 2003 die Meinung, dass die fehlende Einheit von Staatsvolk und Staat die EU geradewegs zur Despotie führen müsse. Denn die bürokratische Zentrale in Brüssel ziehe mehr und mehr Kompetenzen an sich, die nicht durch Volkszustimmung legitimiert seien. 2005 bezeichnet er die europäischen Politiker als „zeitgerecht regierende Tyrannen“, die sich von dem „Glauben an den Legitimationsbedarf jeglicher Herrschaft“ losgesagt hätten.

Frauke Petry, Sprecherin

Frauke Petry wurde am 1. Juni 1975 geboren. Sie ist Mitglied des Sächsischen Gleichstellungsbeirats und Landesbeauftragte für Sachsen des Vereins zur Unterstützung der Wahlalternative 2013. Außerdem ist sie Trägerin des Bundesverdienstordens.

Alexander Gauland, stellvertretender Sprecher

Gauland war bis 2011 Mitglied der CDU und in den 1980er Jahren Staatssekretär in der hessischen Staatskanzlei unter Ministerpräsident Walter Wallmann. Gauland beklagt den Verlust des Konservativen in der CDU und ist ein vehementer Gegner des „Brüsseler Großstaats“. Er war schon immer ein Euro-Skeptiker. Für ihn ist Europa ein „Kontinent der Nationen“ ohne gemeinsame europäische Kultur. Die Einführung des Euro sieht er vornehmlich
dem Interesse der anderen Staaten geschuldet, ein zu starkes Erstarken Deutschlands zu verhindern.

Das wissen auch die „Rebellen“, die Lucke nun vor einem von ihm geplanten Treffen mit den Kreisvorsitzenden am 18. Januar in Frankfurt am Main um ein klärenden Gespräch gebeten haben. Ihre Botschaft an Lucke ist deshalb: „Wir stehen nach wie vor zu Ihnen als einem von drei Sprechern.“ Eine Hierarchie nach dem Vorbild der etablierten Parteien lehnen sie ab. „Wir sind alle gemeinsam angetreten, manches anders und vieles besser zu machen. Eine CDU/FDP 2.0 gehört nicht dazu“, heißt es in dem Schreiben an Lucke.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×