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22.05.2012

15:00 Uhr

„Mafia-Verhältnisse“

Krankenkassen werfen Ärzten und Kliniken Korruption vor

Die gesetzlichen Kassen kritisieren das deutsche Gesundheitswesen. Ihr Vorwurf: Ärzte und Kliniken schieben sich Patienten gegen Prämien zu. Gesundheitsminister Bahr sieht die Kassen selbst in der Pflicht zu handeln.

52 Prozent der Ärzte gaben in der Umfrage an, sie seien sich der geringen Gefahr von Sanktionen bewusst. dpa

52 Prozent der Ärzte gaben in der Umfrage an, sie seien sich der geringen Gefahr von Sanktionen bewusst.

BerlinViele Ärzte kassieren illegale Extra-Honorare für Überweisungen von Patienten an bestimmte Kliniken. Das geht aus einer Studie der Universität Halle-Wittenberg im Auftrag des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) hervor, die am Dienstag in Berlin offiziell vorgestellt wurde. Danach zahle nahezu jede vierte Klinik (24 Prozent) sogenannte Fangprämien für Patienten, heißt es in dem Bericht. Fast die Hälfte (46 Prozent) der nichtärztlichen Leistungserbringer wie Sanitätshäuser, Hörgeräte-Akustiker oder Orthopädie-Schuhmacher hätten zugegeben, schon Vorteile wie Geld, Kostenübernahme von Tagungen oder Sachleistungen erhalten zu haben.

Aus Sicht der Krankenkassen deutet dies auf ein „erhebliches Korruptionspotenzial“ im deutschen Gesundheitswesen hin. Der Spitzenverband will solche Praktiken nicht länger dulden: „Ärzte, die weiter an Zuweisungen gegen Entgelt festhalten, müssen damit rechnen, ihre Zulassung zu verlieren“, drohte GKV-Spitzenverband-Vorstand Gernot Kiefer. Krankenhäusern dürften für die Zuweisung von Patienten weder Entgelte zahlen noch wirtschaftliche Vorteile gewähren oder versprechen.

Wenn etwa jeder fünfte Arzt die berufsrechtlichen Verbote nicht kenne und Zuweisungen gegen Entgelt zugleich als selbstverständlich ansehe, ist das - so Kiefer - „ein Skandal“. Hochgerechnet hieße dies, dass mehr als 27.000 niedergelassene Vertragsärzte schon heute gegen das Berufsrecht verstießen. Die Ergebnisse ließen den Schluss zu: „Im deutschen Gesundheitswesen besteht erhebliches Korruptionspotenzial“, sagte Kiefer. Von Einzelfällen könne man nicht mehr sprechen.

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) forderte die Krankenkassen zum Handeln auf. „Die Gesetzeslage ist klar“, sagte Bahr am Dienstag am Rande des Ärztetags in Nürnberg der Deutschen Presse-Agentur. „Wenn ein Arzt gegen Entgelt in Kliniken zuweist, muss das geahndet werden. Die Kassen haben alle Möglichkeiten, das zu tun.“ Kassen müssten Verdachtsfällen konkret nachgehen und Konsequenzen ziehen. Eine Studie alleine reiche nicht aus. Daten über einen Anstieg anonymer Meldungen solcher Fälle lägen nicht vor, sagte Bahr.

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Laut Umfrage gab knapp ein Fünftel (19 Prozent) der befragten Ärzte an, das Verbot, sich an der Zuweisung von Patienten zu bereichern oder dafür Vorteile zu gewähren, nicht zu kennen. 40 Prozent hätten erklärt, dies nur als Handlungsempfehlung zu verstehen. 52 Prozent der Ärzte und 53 Prozent der nichtärztlichen Leistungserbringer hätten eingeräumt, sie seien sich mangelnder Kontrolle und der geringen Gefahr von Sanktionen bewusst.

Kommentare (21)

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Thomas-Melber-Stuttgart

22.05.2012, 14:35 Uhr

Das ist doch jetzt nicht so neu, oder? Den Vorwurf gab es schon vor einigen Monaten.

sterbende_demokratie

22.05.2012, 14:35 Uhr

"Krankenkassen werfen Ärzten und Kliniken Korruption vor"

Dann befinden sich die Krankenkassen ja in "bester Gesellschaft"

Slowhand

22.05.2012, 14:59 Uhr

Korruption gehört zum Tagesgeschäft des Kapitalismus wie die Blume zum Bier- na dann Prost bis zum nächsten Korruptionsskandal.

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