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15.01.2013

12:42 Uhr

Malu Dreyer regiert Rheinland-Pfalz

Die starke Frau mit dem Mädchenlächeln

Ministerpräsident Kurt Beck verlässt seinen Posten in Rheinland-Pfalz. Die künftige Regierungschefin Malu Dreyer gilt als beliebt und unbelastet. Ihr Lächeln ist bekannt, aber sie kann auch „sehr streng sein“.

Malu Dreyer (SPD) die künftige rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin. dpa

Malu Dreyer (SPD) die künftige rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin.

MainzDie künftige Regierungschefin von Rheinland-Pfalz lächelt gern. Oft wirkt sie dabei mädchenhaft. Doch das sollte niemanden täuschen: „Manchmal wird meine Stimme sehr streng“, betont Malu Dreyer. Die 51-jährige Sozialdemokratin gilt zwar als beliebt und unbelastet. Als Gesundheitsministerin hat sie nur indirekt mit der Insolvenz am Nürburgring zu tun gehabt. Mit dem Amtswechsel an diesem Mittwoch übernimmt Dreyer vom scheidenden Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) aber auch diese Bürde.

Dem wolle sie sich stellen, versichert Dreyer, die als erste Frau an die Spitze der Mainzer Landesregierung rücken soll. Das gelte auch für andere schwierige Themen wie die Einhaltung der Schuldenbremse in dem hoch verschuldeten Bundesland. Dreyer erbt noch mehr Probleme von Beck, etwa den angeschlagenen Flughafen Hahn und den Streit um eine Gebietsreform. Sie selbst nennt als ihre Themenschwerpunkte die Alterung der Gesellschaft, mehr Bürgerbeteiligung und eine soziale und ökologische Wirtschaft.

Zu Terminen kommt Dreyer oft im Rollstuhl: Sie hat Multiple Sklerose (MS), eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. 2006 ging sie damit an die Öffentlichkeit. Schade, sagten damals viele Sozialdemokraten, die Dreyer für Becks ideale Nachfolgerin gehalten hatten. Dann kursierten jahrelang andere Namen.

Im September 2012 kam schließlich der Paukenschlag: Es ist doch Dreyer, die Beck beerben will, sie fühlt sich fit. Der CDU-Opposition dürfte dies nicht behagen, vermuten viele - eine Frau mit MS ist schwerer anzugreifen.

Die Höhen und Tiefen von Kurt Beck

Wahlsieg

1994 wählte der Mainzer Landtag ihn erstmals zum Regierungschef. Obwohl das ländlich geprägte Bundesland strukturell konservativ ist, gewann der Sozialdemokrat Beck seitdem eine Landtagswahl nach der anderen. Bis 2006 regierte er mit der FDP als Koalitionspartner, zwischenzeitlich sogar mit absoluter SPD-Mehrheit allein. Seit 2011 führt er ein Bündnis mit den Grünen.

SPD-Vorsitz

Auf der Bundesbühne musste Beck eine herbe Niederlage einstecken. 2006 wurde er zum SPD-Bundesvorsitzenden gewählt, trat wegen parteiinterner Querelen aber schon 2008 wieder zurück. Monatelange Debatten über seine Führungsschwäche und politische Fehler im Umgang mit der Linkspartei hatten bei Beck deutliche Spuren hinterlassen. Negativ-Schlagzeilen ließen die Popularitätswerte der SPD auf Bundesebene sinken - und sogar in Becks Heimatland.

Wirtschaft

Das Land hat sich von einem Agrarland mit Weinbau und Forstwirtschaft zur modernen Dienstleistungs- und Hochtechnologie- Region gewandelt. In Becks Regierungszeit stieg Rheinland-Pfalz bei der Wirtschaftsleistung in die Spitzengruppe der Bundesländer auf; 5000 neue Unternehmen wurden angesiedelt. Rheinland-Pfalz hat hinter Bayern und Baden-Württemberg die drittniedrigste Arbeitslosigkeit der 16 Länder.


Militärflächen

Die Umwandlung von Militärflächen besonders nach dem Abzug Zehntausender US-Soldaten aus Rheinland-Pfalz sieht Beck als wichtigen Erfolg seiner Amtszeit. Rund zwei Milliarden Euro wurden investiert, um aus früheren amerikanischen und französischen Armeestandorten Gewerbe- und Wohngebiete, Uni-Gelände und Landesgartenschauparks zu machen.

Nürburgring

Die Affäre steht für die größte Krise in seiner Amtszeit als Regierungschef. Die Privatfinanzierung des 330 Millionen Euro teuren Freizeitparks an der Rennstrecke in der Eifel scheiterte 2009 spektakulär. In diesem Jahr machte zudem die fast komplett landeseigene Nürburgring GmbH Pleite. Beck wies dennoch alle Rücktrittsforderungen zurück.

In die Politik wollte Malu Dreyer, die eigentlich Marie-Luise Dreyer heißt, eigentlich nicht. Aber statt wie geplant nach dem Jurastudium Bundesarbeitsrichterin zu werden, landete die gebürtige Pfälzerin zunächst als parteilose Bürgermeisterin im Rathaus von Bad Kreuznach. Dann ging sie nach Mainz als Sozialdezernentin, bis sie 2002 an die Spitze des Gesundheitsministeriums wechselte.

Mit ihrer Behinderung geht sie offen um, ihre Familie möchte Dreyer nicht zum Thema werden lassen. Sie ist mit Triers Oberbürgermeister Klaus Jensen (SPD) verheiratet und lebt mit ihm und seinen drei Kindern im alternativen Wohnprojekt Schammatdorf. Dort bleibt die künftige Frau Ministerpräsidentin wohl nur „die Malu“.

Von

dpa

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