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13.03.2013

03:54 Uhr

Managergehälter-Kontrolle

Merkel findet EU-Vorstoß „sehr gut“

Nachdem sich eine Schweizer Volksinitiative gegen überzogene Managergehälter durchgesetzt hat, debattieren deutsche Politiker über die Regeln. Nun schaltet sich Kanzlerin Merkel ein – und warnt Manager vor Maßlosigkeit.

Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisiert Maßlosigkeit. dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisiert Maßlosigkeit.

Chemnitz/RegensburgBundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat in der Debatte um hohe Managergehälter eine „Maßlosigkeit“ kritisiert. Merkel sagte der „Freien Presse“ in Chemnitz: „Maßlosigkeit darf in einer freien und sozialen Gesellschaft nicht sein.“ Sie verstehe „sehr gut, wenn Menschen über manche Gehälter, die völlig aus dem Rahmen fallen, nur noch den Kopf schütteln können und wollen, dass das aufhört“.

Merkel sagte zudem, es habe sich „leider“ gezeigt, dass es nicht ausreiche, das Thema ausschließlich der Selbstregulierung der Wirtschaft zu überlassen. „Auch wenn wir hier in Deutschland wegen der Mitbestimmung der Arbeitnehmer eine etwas andere Situation haben als in anderen Ländern, bin ich dafür, dass wir dieses Thema auf europäischer Ebene anpacken.“

Welche Regeln es in Deutschland für Vorstandsgehälter gibt

Vorgaben des Aktienrechts

In Deutschland macht das Aktienrecht börsennotierten Unternehmen eher vage Vorschriften beim Gehalt der Vorstandsmitglieder. Deren Gesamtbezüge müssten zum Beispiel „in einem angemessenen Verhältnis zu den Aufgaben und Leistungen des Vorstandsmitglieds“ sowie zur Lage des Unternehmens stehen, heißt es.

Der Aufsichtsrat

Festgelegt werden die Vorstandsgehälter in Deutschland vom Aufsichtsrat. Die Aktionäre können laut einer Gesetzesänderung 2009 über das Vergütungssystem auf der Hauptversammlung abstimmen, der Beschluss begründet aber „weder Rechte noch Pflichten“.

Corporate Governance Kodex

Etwas umfassender sind die Vorschläge der Regierungskommission zur guten Unternehmensführung im sogenannten „Corporate Governance Kodex“. Die Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet, öffentlich zu machen, ob sie diesen Empfehlungen gefolgt sind oder nicht.

Kriterium für die Gehälter sollte demnach auch „die Üblichkeit der Vergütung unter Berücksichtigung des Vergleichsumfelds und der Vergütungsstruktur, die ansonsten in der Gesellschaft gilt“, sein. Falls ein Manager vorzeitig geht, sollen Abfindungszahlungen auf maximal zwei Jahresvergütungen beschränkt werden.



Kodex-Verschärfung

Dieser Kodex soll nun aber verschärft werden, bis hin zur Empfehlung einer Deckelung der Gehälter. Die Höchstgrenzen müsste dann der jeweilige Aufsichtsrat festlegen. Dazu gibt es Änderungsvorschläge, zu denen jeder Bürger per E-Mail an den Vorsitzenden der Regierungskommission, Commerzbank-Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller, bis zum 15. März Stellung nehmen kann.



Transparenz

Seit einigen Jahren veröffentlichen große börsennotierte Konzerne gemäß den Empfehlungen des Kodex' die Gehälter des Top-Managements im Geschäftsbericht, früher war dies nicht üblich. Seither wird über die Millionengehälter der Dax-Vorstände auch lebhaft diskutiert. Die Hauptversammlung kann mit einer Dreiviertelmehrheit die Veröffentlichung verhindern.

Sie finde es zudem „sehr gut“, dass die EU nun einen Vorschlag erarbeite, wie nicht mehr allein die Aufsichtsräte, sondern auch die Aktionärshauptversammlungen die Spitzengehälter festlegen können. Die Koalition will noch vor der Sommerpause eine Regelung zur Begrenzung der Gehälter von Spitzenmanagern beschließen. Angepeilt ist eine Änderung des Aktienrechts. Künftig soll die Hauptversammlung über die Vergütung entscheiden.

Der Vorsitzende des Bundestagswirtschaftsausschusses, Ernst Hinsken (CSU), plädiert unterdessen für eine gesetzliche Regelung von Managergehältern in Deutschland. Nicht nur er, sondern viele Kollegen strebten eine Änderung des Aktiengesetzes an, die von einer möglichst großen Mehrheit des Bundestages mitgetragen werden könne, sagte der CSU-Politiker der „Mittelbayerischen Zeitung“.

Gehälter ausgewählter Dax-Chefs 2012

Infineon - Reinhard Ploss / Peter Bauer

Zum Ende des Infineon-Geschäftsjahrs (30. September 2012) wechselte auch der Vorstandschef. Reinhard Ploss übernahm von Peter Bauer den Posten.

Bauer hatte 2011/12 insgesamt 2,9 Millionen Euro verdient und damit etwas deutlich weniger als 2011 (3,7 Millionen Euro).

Kurt Bock - BASF

Der Chef des Chemiekonzerns, Kurt Bock, verdiente mit 5,29 Millionen Euro im Jahr 2012 nahezu unverändert im Vergleich zum Vorjahr. Er hatte sein Amt im Mai 2011 angetreten.

Marijn Dekkers - Bayer

Marijn Dekkers, Niederländer an der Spitze des Chemie- und Pharmakonzerns Bayer, hat im Jahr 2012 insgesamt 5,06 Millionen Euro verdient, nach 4,49 Millionen Euro im Vorjahr.

Stefan Heidenreich - Beiersdorf

Ende April hatte Stefan Heidenreich beim Kosmetikkonzern Beiersdorf das Amt des Vorstandschefs übernommen. Im Jahr 2012 verdiente er 2,6 Millionen Euro.

Herbert Hainer - Adidas

Das Adidas-Ergebnis fiel 2012 vor allem wegen eines schwachen Geschäfts der Marke Reebok nicht so rosig aus. Adidas-Chef Herbert Hainer verdiente 2012 insgesamt 4,18 Millionen Euro und damit 28 Prozent weniger als 2011 (5,14 Millionen Euro).

Heinrich Hiesinger - Thyssen-Krupp

Bei Thyssen-Krupp kämpft Vorstandschef Heinrich Hiesinger mit der Aufarbeitung diverser Skandale und Fehlinvestitionen. Im Geschäftsjahr 2011/2012 (bis 30. September) verdiente er 3,85 Millionen Euro.

Karl-Ludwig Kley - Merck

Der Vorstandschef des Pharmakonzern verdiente 2012 insgesamt 5,52 Millionen Euro und damit fast ein Drittel mehr als 2011 (4,2 Millionen Euro).

Peter Löscher - Siemens

Der Österreicher verdiente im Geschäftsjahr 2011/2012 insgesamt 7,87 Millionen Euro, im Jahr zuvor waren es 8,74 Millionen Euro.

René Obermann - Deutsche Telekom

Ende 2013 gibt René Obermann sein Amt an den jetzigen Finanzvorstand Timotheus Höttges weiter. Obermann verdiente 2012 insgesamt 3,78 Millionen Euro und damit nahezu unverändert so viel wie 2011 (3,85 Millionen Euro).

Wolfgang Reitzle - Linde

Der Linde-Chef hat gesagt, kein Interesse an einer Vertragsverlängerung zu haben. Im Jahr 2012 verdiente er bei dem Industriegase-Spezialisten 6,9 Millionen Euro, fast genau so viel wie ein Jahr zuvor.

Kasper Rorsted - Henkel

Der dänische Chef des Konsumgüter- und Klebstoffkonzerns Henkel, Kasper Rorsted, hat im Jahr 2012 insgesamt 6,18 Millionen Euro verdient, ein sattes Plus von fast 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr (4,79 Millionen Euro).

Peter Terium – RWE

Zur Jahresmitte 2012 hatte Peter Terium den Spitzenposten beim Energiekonzern RWE angetreten. Er verdiente im Jahr 3,8 Millionen Euro, ein sinnvoller Vergleich zum Vorjahr ist nicht möglich.

Martin Winterkorn - Volkswagen

Der VW-Chef erhält rund 14,5 Millionen Euro für das abgelaufene Jahr (2012) und damit 5,5 Millionen weniger, als ihm nach den zuletzt gültigen Kriterien zugestanden hätten.

Damit will VW verhindern, erneut ins Zentrum einer Diskussion um hohe Managementbezüge zu geraten wie 2011, als Winterkorn mehr als 17 Millionen Euro verdiente.

Dieter Zetsche - Daimler

Der Daimler-Vorstandschef hat im vergangenen Jahr inklusive Aktienoptionen 8,15 Millionen Euro verdient. Das war etwas weniger als 2011 (8,65 Millionen Euro).

Quelle

Geschäftsberichte / Hostettler, Kramarsch & Partner

Nach einer erfolgreichen Volksinitiative in der Schweiz gegen überzogene Managergehälter hatten sich in Deutschland die Forderungen nach einer Begrenzung der Bezüge von Spitzenkräften gemehrt. SPD-Chef Sigmar Gabriel hatte sich für eine gesetzliche Regelung ausgesprochen, sollte es keine freiwilligen Lösungen geben.

Sollen Managergehälter gedeckelt werden, Herr Rürup?

Video: Sollen Managergehälter gedeckelt werden, Herr Rürup?

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Auf europäischer Ebene will EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier bis Jahresende einen Vorschlag nach dem Schweizer Modell erarbeiten. Wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ berichtet hatte, soll dieser Vorschlag neben den Gehältern auch die Abfindungen und neue Transparenzregeln beinhalten.

Schweiz als Vorbild: EU-Kommissar Barnier will Managergehälter deckeln

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EU-Kommissar Barnier will Managergehälter deckeln

EU-Wettbewerbskommissar Barnier will Managergehälter nach Schweizer Vorbild deckeln.

Kommentare (14)

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13.03.2013, 05:50 Uhr

Merkel sieht nur die große Zustimmung für diesen Schritt unter der Bevölkerung, und da anders wie in der Frage der Beschneidung, oder Kriegseinsätze keine dringende Lobby-Interessen dagegen sprechen, stimmt sie der Meinung des Wahlvolkes zu.

gloecklrainer

13.03.2013, 05:52 Uhr

Führen menschliche oder politische Entscheidungen zu Fehlallokationen mit der Folge schwerwiegender und unvorhersehbarer Zusammenbrüche? Eine optimale Allokation verstehen Ökonomen allgemein die Zuordnung von beschränkten Ressourcen zu potentiellen Verwendern.

Hohe Einkommensunterschiede kann man ebenfalls als psychisch übersteigerte Fehlallokation für das Ego verstehen. Verbieten hilft nicht, so bleibt eine Steuer direkt auf Unternhemen in der kummulierten Einkommenshöhe über 100.000.-- zum selben Betrag. Galbaith beschrieb ein hohes Lohngefälle als ein Indiz für den nächsten Crash.

Wirtschaftswissenschaft basiert auf der Untersuchung der Handlungen realer Individuen, deren subjektivem Wissen (beziehungsweise Unwissen), ihrer subjektiven Bedürfnisse und ihrer subjektiven Erwartungen .

Hayek wähnt in Anlehnung der Evolutionstheorie in jedem bewussten Eingriff eine Hybris als Folge. Laotse formulierte es bereits vor gut 2500 Jahren irritierend: „Er braucht nichts zu machen und vollendet doch.“

Was helfen uralte Texte? Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse deutet schon zu Urzeiten für die Menschen heftigen Unbill auf ganzer Linie an: „… verflucht sei der Acker um deinetwillen.“ Muss das denn zutreffen?

Todsünden und „das Böse“ schlechthin stellen aus der menschlichen Perspektive ausschließlich subjektive Bewertungen dar, und so wähnen Menschen den Teufel, der in jedem Detail steckt. Risiken, unkalkulierbare Nebenwirkungen folgen jedem Versuch das Schicksal erträglich zu gestalten.

Account gelöscht!

13.03.2013, 06:51 Uhr

Die Volksabstimmung in der Schweiz stellt einen sehr gefährlichen Präzedenzfall dar.
Was ist,wenn die bisher so hochbezahlten Manager der Schweiz das Land nun nicht scharenweise verlassen,um in USA mit offenen Armen und rotem Teppich empfangen zu werden,weil es dort schon reichlich Kandidaten gibt,die Schlange stehen,um Posten dieser Art zu ergattern?
Die bisherigen Begründungen für die Megaboni werden mit Hilfe der netten Schweizer bald widerlegt sein.

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