Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.04.2012

12:06 Uhr

Marina Weisband

„Beschimpfungen lassen sich gesetzlich nicht verhindern“

VonJan Mallien

Im Interview mit Handelsblatt Online erklärt die politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, warum die Anonymität im Netz auch Vorteile bietet und wie sich der Umgangston dort verbessern lässt.

Die Politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, Marina Weisband. dapd

Die Politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, Marina Weisband.

Handelsblatt: Frau Weisband, Sie haben sich mehrfach kritisch über den Umgangston in Internet-Foren geäußert. Lassen sich dort überhaupt ernsthafte Debatten führen?

Marina Weisband: Sie lassen sich dort genauso führen wie am Stammtisch oder im Bundestag. Es gibt im Internet Orte wo Debatten gut funktionieren, zum Beispiel auf Abgeordnetenwatch. Und es gibt welche, wo sie nicht gut funktionieren, zum Beispiel auf Mailinglisten oder bei Twitter. 

Aber führt die Anonymität im Internet nicht zu einer Enthemmung der Nutzer. Unter dem  Deckmantel der Anonymität erlauben sie sich zum Teil Äußerungen, die sie unter echtem Namen niemals treffen würden…

Weisband: Die Anonymität im Internet kann auch ein Vorteil sein, weil sie Minderheitsmeinungen schützt. Ich studiere Psychologie und habe mal bei einem Forum für Suizidgefährdete gearbeitet. Dort war die Anonymität sehr wichtig. So können Dinge thematisiert werden, die sonst nicht auf den Tisch kämen. Außerdem liegt der teilweise wüste Umgangston im Netz aus meiner Sicht nicht an der Anonymität. Auch Herr Sarrazin hat einen wüsten Umgangston - und der äußert sich nicht anonym.

Fakten zur Piratenpartei

Gründung

Die Piratenpartei wurde am 10. September 2006 in den Räumen des Berliner Hackervereins C-Base gegründet und am selben Tag auch beim Bundeswahlleiter registriert. 53 Menschen nahmen an der Gründungsversammlung teil.

Wahlergebnisse

Die Piraten konnten in Deutschland ihre Wahlergebnisse beinahe kontinuierlich steigern. Von 0,3 Prozent bei der Landtagswahl in Hessen 2008 über 0,9 Prozent bei der Europawahl 2009 auf 2 Prozent bei der Bundestagswahl 2009.

2010 wurde es etwas ruhiger im die Piraten. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen gaben 1,6 Prozent der Wähler ihnen ihre Stimme.

2011 traten die Piraten bei jeder der sieben Landtagswahlen an und konnten zwischen 1,4 und 2,1 Prozent erzielen. Mit Abstand größter Erfolg ist daher das Wahlergebnis in Berlin, wo die Piraten mit 8,9 Prozent die kühnsten Erwartungen übertrafen. Es folgten weitere Wahlergebnisse über der Fünf-Prozent-Hürde im Saarland (7,4 Prozent) und Schleswig-Holstein (8,2 Prozent).

Auch auf kommunaler Ebene waren die Piraten 2011 erfolgreich und erhielten weit über 100 Mandate, vor allem in Berlin und bei den Kommunalwahlen in Hessen und Niedersachsen.

Bundestagserfahrung

Von Juni bis Oktober 2009 stellte die Piraten ein Mitglied des Bundestags: Jörg Tauss trat am 20. Juni aus der SPD aus und in die deutsche Piratenpartei ein. Nach der Bundestagswahl Ende September 2009 schied er aus dem Parlament aus, nach einer Verurteilung wegen Besitzes kinderpornografischen Materials im Mai 2010 trat Tauss aus der Piratenpartei aus. Noch aktiv in der Piratenpartei sind der ehemalige Grüne Bundestagsabgeordnete Herbert Rusche und die frühere Grüne Bundesvorsitzende Angelika Beer.

Mandate

182 Mandate in Kommunal- oder Landesparlamenten bekleiden inzwischen Vertreter der Piraten. Soweit zumindest die Angaben im „Piratenwiki“, einer von allen Mitgliedern veränderbaren Webseite, auf der die politischen Positionen der Piraten diskutiert werden sollen.

Nach Angaben der Piraten entfällt der überwiegende Teil der Sitze auf drei Bundesländer: 66 in Berlin (davon 15 im Landtag - alle Kandidaten, die aufgestellt wurden, zogen auch ins Landesparlament ein), 59 in Niedersachsen, wo am 11. September Kommunalwahlen stattfanden, und 36 in Hessen.

Mitglieder

Die aktuellsten Mitgliederzahlen aus den Landesverbänden Piratenpartei addieren sich auf fast 30.000. Zum Vergleich: Die Mitgliederzahl der FDP sank im September auf unter 65.000.

Durch die Wahl in Berlin und einen Höhenflug bei bundesweiten Umfragen dürfte die Zahl aktuell wieder deutlich ansteigen. Zuletzt war sie jedoch nur schwach gewachsen oder auch stagniert. Von Juni bis Oktober 2009 hatte sich die Mitgliederzahl auf rund 10.000 verzehnfacht. Im April 2010 waren 12.000 Menschen Piraten-Mitglied.

Die wichtigsten Köpfe

Der 41-jährige Sozialwissenschaftler und Kriminologe Bernd Schlömer ist Bundesvorsitzender der Piratenpartei.

Schlömer folgte auf Sebastian Nerz, der nun stellvertretender Vorsitzende der Piratenpartei ist.

Von 2008 bis 2009 war Dirk Hillbrecht Vorsitzender der Piraten. Hillbrecht kandidierte auch für die Bundestagswahl 2009 bei der die Piraten zwei Prozent der Stimmen erhielten. Bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen am 11. September 2011 wurde der Diplom-Mathematiker und IT-Experte in den Stadtrat von Hannover gewählt.

Den aktuellen Bundsvorstand der Piraten komplettieren: Markus Barenhoff als weiterer Stellvertreter, Swanhild Goetze (Schatzmeisterin), Johannes Ponader (politischer Geschäftsführer), Sven Schomacker (Generalsekretär). und Klaus Peukert. Matthias Schrade und Julia Schramm waren bis zum 26. Oktober 2012 Beisitzer.

Aber woran liegt der wüste Umgangston dann?

Weisband: Das größte Problem im Internet ist, dass man das Gesicht seines Gegenübers nicht sieht. Wenn ich draußen auf jemand einschlage, sehe ich, wenn er sich verletzt. Im Internet sehe ich das nicht.

…was dazu führt, dass die Grenzen im gegenseitigen Umgang verschwimmen. Brauchen wir solche Grenzen nicht?

Weisband: Wenn Grenzen überschritten werden, liegt das an menschlichem Fehlverhalten. Das menschliche Fehlverhalten lässt sich aber nicht durch Gesetze oder technische Neuerungen korrigieren. Es ist ein Lernprozess: Wir müssen lernen, dass gegenüber ein Mensch sitzt. Das muss schon in den Schulen vermittelt werden. Ich glaube, dass die nächste Generation viel besser damit klar kommen wird.

Das ist ein bisschen lange. Was kann man auf kurze Sicht machen?

Weisband: Ich glaube das Umdenken geht schneller. Teilweise können auch Filter helfen. In meinem Blog mache ich es zum Beispiel so, dass die Leser Kommentare bewerten können. Dadurch habe ich eine Vorauswahl. Ich schaue mir dann nur die Kommentare mit guter Bewertung an - und die sind sehr konstruktiv. 

Das Handelsblatt hat auch grade Erfahrungen mit einer Empörungswelle im Internet -einem Shitstorm - gemacht. Der Aufruf von 100 Künstlern und Unternehmern gegen die Position der Piratenpartei zum Urheberrecht hat für viele wütende Kommentare im Netz gesorgt. Fanden Sie die Reaktionen gerechtfertigt?

Weisband: Ein Shitstorm kann zwei Ursachen haben: Entweder man macht etwas falsch oder man hat es falsch kommuniziert. Viele Piraten haben sich darüber geärgert, dass in dem Aufruf sehr viele Unternehmer zu Wort kamen und nur wenige „echte“ Urheber. Wir müssen aber konstruktiv gegenüber Kritik sein. 

Kommentare (8)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

EarlyAdopter

13.04.2012, 13:11 Uhr

Die Vorteiler der Anonymität im Netz sind m. E. nach insgesamt größer als die Nachteile. Jeder hat das Recht sich ggf. auch anonym zu äußern. Und vielen aus meinem Umfeld ist ein rauherer, dafür vl. ehrlicherer Umgangston lieber als falsche Höflichkeit. Beleidigungen müssen natürlich trotzdem nicht sein. Aber sie tun auch nicht weh - der Vergleich von Weisband: in der offline-Welt auf jemanden einschlagen und sehen, dass er verletzt ist, und das online nicht sehen, hinkt, denn mit Worten verletzt man in dem Sinne niemanden. "Sticks and stones may break my bones but words will never hurt me". So ein traditioneller englischer Kinderreim... .

Mahdi

13.04.2012, 14:54 Uhr

Hallo, leider sehr kurzes Interview. Aber ich finde wenn sich jeder mit Respekt begegnet, und nicht wie Ihre Zeitung herausnimmt Unwahrheiten zu verbreiten, klappt es auch mit dem nächsten User.

Was ein Klarname ändern würde ist in meinen Augen unverständlich. Bin ich im richtigen Leben so, verhalte ich mich auch so im Netz, und werde kein Blatt vor den Mund nehmen, wenn mir der Gegenüber nicht passt, oder eine Situation. Werde ich im Internet sauer, werde ich wegen selben Thema auch im richtigen Leben sauer.

Menschen die sich im Netz anders verhalten, also sich hinter ihrer Anonymität Dinge trauen, kann man meistens nicht für voll nehmen, und man sollte diese ausblenden, was auch im richtigem Leben funktioniert: Schlechte Menschen verschwinden automatisch aus dem Leben, wenn man sie ignoriert und nicht in Resonanz mit ihnen geht.

So wird auch Ihre Zeitung verschwinden, jedenfalls aus meinem Leben. Sie haben dem Netz sehr geschadet mit Lüge und Intrige. Ich sehe keine Möglichkeit dies wieder gutzumachen, da Sie Ihrem Blatt auch Leser erreichen die mit dem Internet nichts anfangen zu wissen. Und diese laufen nun mit Ihrem Wissen herum, und denken die Piraten oder die Netzgemeinde sei ein Haufen Verbrecher und Diebe, obwohl zig Quellen belegen das Internet bietet für die Künstler eine sehr große Möglichkeit mehr zu verdienen als dies jemals vorher der Fall war.

Oder werden Sie richtig stellen, indem Sie einen Fehler eingestehen? Ich glaube kaum.

Und so nebenbei, das Wort „Klarname“ gibt es nicht mal, und Sie und ein Herr Döring von der FDP denken es unbedingt erfinden zu müssen.

Holzauge

13.04.2012, 17:08 Uhr

Das Internet hat das Interpretationsmonopol der Medien gebrochen, ein Zurück wird es nicht geben.

Deutschland und Europa brauchen den freien Wettbewerb der Ideen, Anonymität sichert die Meinungsfreiheit denn es bietet Schutz vor Mobbing.

Kaum ein Politiker der "Volkspartien" kann es riskieren seine Meinung offen zu sagen, das schadet unsere Gesellschaft den es führt zur Ideenarmut und einer politischen Führung die von rückradlosen Jasagern bevölkert wird.

Und wir brauchen einen fairen Wettbewerb der Köpfe wenn es um Politik geht, keine Hinterzimmerdiktatur.

Deswegen ein nein zur Repression über das Internet und ein ja zu den Piraten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×