Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.09.2016

08:24 Uhr

Mario Draghi in Berlin

So verteidigt der EZB-Chef seine Niedrigzins-Formel

VonFrank Matthias Drost

Notenbank-Chef Mario Draghi wirbt vor dem Europa-Ausschuss des Bundestages für seine umstrittene Geldpolitik. Die Europäische Zentralbank tue das einzig Richtige – und sei für die Misere der Banken nicht verantwortlich.

EZB-Chef

Draghi verteidigt umstrittene Nullzinspolitik im Bundestag

EZB-Chef: Draghi verteidigt umstrittene Nullzinspolitik im Bundestag

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

BerlinVon der Höhle des Löwen, die der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, angeblich betrat, war im Europaausschuss nicht viel zu spüren. Teilnehmer berichteten von Autogrammwünschen. Selfies mit Draghi waren auch begehrt. Aber natürlich ging es auch um die Niedrigzinspolitik der EZB.

Vor Abgeordneten des Deutschen Bundestags verteidigte Draghi die Maßnahmen, die zu den niedrigen Zinsen geführt haben. „Die niedrigen Zinsen, die wir gegenwärtig haben, sind nötig, um künftig zu höheren Zinsen zurückzukehren“, sagte er vor dem Europaausschuss.
Aber zunächst müssten die Maßnahmen der EZB ihre volle Wirkung entfalten. Dabei sei die Politik in der Pflicht, sagte Draghi mit Blick auf Strukturreformen, die darauf abzielen, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Volkswirtschaften zu erhöhen. Das sieht der Vorsitzende des Europaausschusses, Gunther Krichbaum (CDU), ähnlich. Die EZB habe den von der Staatsschuldenkrise betroffenen Euro-Staaten eine Atempause verschafft, die diese auch nutzen müssten.

Zentralbanken und Negativzinsen

Japan

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): 0,0 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,1 Prozent

Schweiz

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): -0,75 Prozent (15.01.2016)

Einlagenzinssatz für Banken: gestaffelt -0,75 Prozent

Dänemark

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): 0,05 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,65 Prozent

Schweden

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): -0,5 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,5 Prozent

Euro-Zone

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): 0,0 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,4 Prozent

Gleichwohl werden viele Politiker das Gefühl nicht los, dass Draghi der Kompass abhandengekommen ist, einen Ausweg aus der Niedrigzinspolitik zu finden. „Unsere Maßnahmen greifen“, hielt er Kritikern seines Kurses entgegen. Sie würden dazu beitragen, dass die Inflation in den Jahren 2016 und 2017 im Durchschnitt um mehr als einen halben Prozentpunkt nach oben gedrückt werde. Und sie würden dazu führen, dass das Wirtschaftswachstum über den Zeitraum von 2015 bis 2018 mehr als 1,5 Prozentpunkte betrage.
Von dem Aufschwung würden letztlich auch die Sparer und Rentner in Deutschland und im Euro-Raum insgesamt profitieren. „Ich verstehe aber, dass die Menschen Bedenken haben. Diese Bedenken nehmen wir ernst“, so Draghi. Deutsche seien aber nicht nur Sparer. „Was ein privater Haushalt durch niedrige Zinsen auf Bankguthaben einbüßt, spart er vielleicht durch geringere Kreditzahlungen für sein Haus, so Draghi.

EZB-Chef Draghi in der Kritik: Retter in der Pflicht

EZB-Chef Draghi in der Kritik

Premium Retter in der Pflicht

Mit seiner unkonventionellen Geldpolitik hat Mario Draghi die Euro-Zone vor dem Auseinanderbrechen bewahrt. Doch aus der Rolle des Retters hat er seitdem nicht herausgefunden. Die Zweifel an ihm nehmen zu. Ein Kommentar.

Im Vorfeld seines Besuchs äußerte auch der private Bankenverband Kritik an den niedrigen Zinsen. „Die Geldpolitik der EZB ist nicht der Hauptfaktor für die geringe Rentabilität der Banken“, konterte Draghi. Die EZB könne nichts für Überkapazitäten, den Bestand an notleidenden Krediten und die digitalen Herausforderungen. Zudem seien im Durchschnitt die Aufwand-Ertrag-Verhältnisse in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern relativ hoch.
Prinzipiell sieht Draghi die Gefahr, dass dauerhaft niedrige Zinsen zu Überbewertungen an den Anlagemärkten führen können. Doch derzeit sehe die EZB in Deutschland keine Anzeichen für eine Überhitzung der Immobilienmärkte.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Thomas Behrends

29.09.2016, 08:42 Uhr

„Die niedrigen Zinsen, die wir gegenwärtig haben, sind nötig, um künftig zu höheren Zinsen zurückzukehren“ ...

Das ist völliger Quatsch !!!

In Wirklichkeit täuschen diese Maßnahmen über die katastrophalen Unzulänglichkeiten von EU-Politikern (insbesondere der aus dem mediterranen Bereich, aber auch Schäubles) hinweg.

Das ist alles nur Verschleierungspolitik, denn wenn die EU-Mittelmeeranrainer-Staaten realistische Zinsen auf ihre Staatsanleihen zahlen müssten, wären sie allesamt bereits pleite.

Die EZB verkommt somit zum Schrottladen, den man heutzutage "Bad Bank" bezeichnet ...

Herr Holger Narrog

29.09.2016, 09:45 Uhr

Die Aussagen des EZB Präsidenten sind erfrischend. Es ist äusserst wahrscheinlich dass er andere Ziele verfolgt als angegeben.

Die Aussage des CDU Parteisoldaten... "Gunther Krichbaum (CDU), Die EZB habe den von der Staatsschuldenkrise betroffenen Euro-Staaten eine Atempause verschafft, die diese auch nutzen müssten". ist ähnlich erfrischend. Tatsache ist, dass nach Beginn der Geldflutung jegliche Reformaktivitäten in der EU eingestellt wurden. Von der Logik gibt es bei den aktuellen Nichtzinsen für die Staaten keinen Anlass irgendwelche Reformen, oder Haushaltssanierungen anzugehen.

Ich vermute dass die EZB eine Inflation von 5 - 7% anstrebt um bei gleichzeitig niedrigen Zinsen die Verschuldung der südeuropäischen Staaten zu Lasten der Deutschen* Sparer auf ein tragbares Niveau zu reduzieren. Ich vermute weiterhin dass dieses Ziel so nicht erreicht wird, sondern dass es durch den grossen Geldüberhang irgendwann zu einer unkontrollierten Geldentwertung oder Ähnlichem kommt.

Für die Alternde Deutsche Bevölkerung die auf Ersparnisse für den Lebensabend angewiesen ist, ist diese Politik der EZB mit Billigung der Kanzlerin sehr sehr nachteilig.

*In Deutschland ist das Vertrauen in den Geldwert ausgeprägter als in Südeuropa wo aus guter Erfahrung häufiger in Immobilien als in festverzinslichen Anlagen gespart wird. Deshalb sind Deutsche Sparer stärker exponiert.

Herr Engelbert Lüning

29.09.2016, 09:49 Uhr

Solch einen Blödsinn, wie von Herrn Dragi geäussert, habe ich wirklich selten gelesen.
Die Rentner und Sparer würden letztlich auch von dem Aufschwung dieser vorgenommenen Zinspolitik profitieren.
Ausser den hochverschuldeten Staaten profitiert niemand. Vielleicht kann Herr Dragi mal eine Rechnung für Sparer und Rentner aufmachen und nicht nur dumme Sprüche loslassen. Ganz zu schweigen davon welche Auswirkungen die niedrig Zinspolitik für die heute jungen Leute hat..

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×