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03.11.2016

16:06 Uhr

Massenphänomen Hartz IV

14,5 Millionen Menschen leben von Hartz IV

Wie viele Menschen in Deutschland waren jemals von Hartz IV betroffen? Es sind viele Millionen – und millionenfach auch Kinder. Auch die Zahl der Dauerbezieher ist hoch.

Die Grundsicherung für Minderjährige zwischen 6 und 13 Jahren steigt 2017 um 21 auf 291 Euro. dpa

Kinderarmut in Deutschland

Die Grundsicherung für Minderjährige zwischen 6 und 13 Jahren steigt 2017 um 21 auf 291 Euro.

BerlinMindestens 14,5 Millionen Menschen in Deutschland haben bereits Hartz-IV-Leistungen bekommen. Jeder Fünfte ist von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Betroffen sind auch viele Kinder: 4,4 Millionen der Hartz-IV-Bezieher waren unter 15 Jahren. Die Quote der von Armut bedrohten Unter-18-Jährigen lag im vergangenen Jahr bei 18,5 Prozent.

Die Gesamtzahl der Menschen, die seit der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 zumindest einmal diese Leistung bekommen haben, nannte das Bundessozialministerium auf eine Anfrage der Linken. Die Antwort lag der Deutschen Presse-Agentur in Berlin vor. Rund 10 Millionen dieser Bezieher von Regelleistungen nach dem zweiten Sozialgesetzbuch zählten als erwerbsfähig.

Studie zur Kluft zwischen Arm und Reich

Armeanteil

Der Anteil der Armen ist in den vergangenen Jahren gestiegen – von 11 Prozent 1993 über 13,1 Prozent 2003 bis auf 15,3 Prozent 2013. Gemessen werden die Personen mit weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen mittleren Einkommens.

Aufstiegschancen

Jeder Zweite, der 2009 arm war, war dies auch 2013. Rund 36 Prozent schafften es in die untere Mitte, sieben Prozent in die obere Mitte, sechs Prozent weiter nach oben. Rund 20 Jahre zuvor, im Vergleich von 1991 zu 1995, lag der Anteil der Aufsteiger in die untere Mitte mit 47 Prozent noch deutlich darüber, nur 42 Prozent waren damals arm geblieben.

Mittelschicht

Rund 57 Prozent der Angehörigen der oberen Mitte blieben zuletzt binnen fünf Jahren, wo sie bereits standen, 24 Prozent sackten ab, rund 20 Prozent gelang ein weiterer Aufstieg. Knapp 20 Jahre vorher blieb die Lage bei rund 54 Prozent konstant, für 31 Prozent ging es bergab, 15 Prozent konnten sich verbessern.

Ostdeutschland

Die ostdeutsche Einkommensverteilung hat sich seit den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung stark verfestigt. Damals ging es für viele Arme zunächst bergauf, für Reiche erst einmal bergab. Zuletzt blieben fast doppelt so viele Personen über fünf Jahre hinweg arm, nämlich 54 Prozent der Armen. Auch in der obersten Klasse hat sich der Anteil jener, die geblieben sind, annähernd verdoppelt – auf 52 Prozent. Abstiegsrisiken für Personen in der oberen Mitte sind zurückgegangen.

Stagnation

Nur rund 30 Prozent der Menschen, die von 2009 bis 2013 aus Armut aufsteigen, sind Migranten. Bei denen, die arm bleiben, sind es fast 36 Prozent. Mehr als 63 Prozent der arm Bleibenden haben maximal einen Hauptschulabschluss. Bei denen, die aufsteigen, sind es nur 39 Prozent. Zudem überwiegen Rentner unter den Personen, die arm bleiben. Wer aufsteigt, ist im Vergleich zu denen, denen der Aufstieg nicht gelingt, häufiger Arbeiter und vor allem häufiger Angestellter.

Schulabschluss

Migranten sind unter jenen, die aus der Mitte in Armut absteigen, am stärksten vertreten. Und fast zwei von drei derer, die aus der Mitte zu den Reichen aufsteigen, haben Abitur, fast jeder Zweite von ihnen hat einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss. Mehr als jeder zweite Aufsteiger arbeitet als Angestellter – bei Absteigern sind es lediglich 16 Prozent. Erstere sind auch deutlich häufiger Selbständige oder Beamte.

Soziale Mobilität

In den Wirtschaftswunderjahren nahm die soziale Mobilität in Deutschland ein vorher nie gekanntes Ausmaß an. Für die meisten ging es deutlich nach oben – Soziologen verglichen die Entwicklung mit einem Fahrstuhl. Vor allem im Vergleich zur vorangegangenen Generation ging es den meisten besser. Bereits für die Geburtenjahrgänge ab den 60er Jahren gilt anderes: Das Risiko, gegenüber dem eigenen Elternhaushalt sozial abzusteigen, ist gestiegen. Wie die neue Studie zeigt, bleibt bei vielen die Einkommenslage derzeit über Jahre gleich, mit wachsender Tendenz – der Fahrstuhl stockt.

Im vergangenen Jahr bezogen 785 000 Menschen erstmals neu Hartz-IV-Leistungen. Die Zahl ging in den ersten Jahren des Hartz-Systems zunächst Jahr für Jahr zurück, steigt aber seit 2011 jährlich wieder an.

Insgesamt gibt es derzeit 5,9 Millionen Hartz-IV-Bezieher, darunter 4,3 Millionen Erwerbsfähige und 1,6 Millionen meist minderjährige Nicht-Erwerbsfähige. Trotz verstärkter Vermittlungsbemühungen der Jobcenter sank die Zahl der Hartz-IV-Dauerbezieher bundesweit zwischen Dezember 2014 und Dezember 2015 lediglich um 0,8 Prozent auf 2,6 Millionen.

Die Linken-Abgeordneten Sabine Zimmermann, die die schriftliche Frage gestellt hatte, sagte: „Hartz IV ist kein Randproblem, das nur Langzeiterwerbslose betrifft.“ Linksfraktionschef Dietmar Bartsch sagte, Millionen Menschen würden von Hartz IV systematisch diskriminiert. „Oftmals vererbt sich die Armut selbst und das einhergehende Stigma von einer Generation zur nächsten.“ An diesem Freitag will der Bundesrat eine leichte Erhöhung der Hartz-Sätze für 2017 beschließen, für Alleinstehende von 404 auf 409 Euro pro Monat.

Von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht waren im vergangenen Jahr nach Angaben des Statistischen Bundesamts 16,1 Millionen Menschen. Die Quote lag mit 20,0 Prozent ähnlich hoch wie in den Vorjahren - aber einmal mehr unter dem EU-Durchschnitt von zuletzt 23,7 Prozent.

Sowohl in Deutschland als auch EU-weit waren im vergangenen Jahr mehr Frauen als Männer betroffen. Hierzulande lag der Frauen-Anteil bei 21,1 Prozent und der der Männer bei 18,8 Prozent.

Die Daten stammen aus der Erhebung „Leben in Europa“ (EU-SILC). Danach gelten Menschen als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wenn ihr Einkommen unter 60 Prozent des Durchschnittseinkommens liegt oder ihr Haushalt von erheblicher Entbehrung betroffen ist oder sie in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung leben.

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Das Verschweigen von Informationen kann für Hartz-IV-Empfänger künftig teuer werden. Einem Bericht zufolge drohen durch eine Neuregelung Strafen von bis zu 5.000 Euro. Auch bei leichten Vergehen steigt das Verwarngeld.

Nach Meinung des Sozialverbands VdK zeigen die Zahlen einen großen Handlungsbedarf. „Trotz der anhaltend guten wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland gibt es keinen deutlichen Rückgang der Armut“, erklärte Präsidentin Ulrike Mascher. Armut müsse endlich wirksam bekämpft werden, etwa mit einem auf mindestens 11,60 Euro erhöhten Mindestlohn. De facto steigt der 2017 auf 8,84 Euro.

Der Statistik zufolge sind aktuell Menschen unterhalb des klassischen Rentenalters eher von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht als Ältere. Bei den 18- bis 65-Jährigen waren es 21,3 Prozent, bei Menschen ab 65 Jahren 17,2 Prozent.

Von

dpa

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