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19.01.2014

11:57 Uhr

Medienbericht

Bundesanwalt prüft Ermittlungen wegen Merkels Handy

Nach Medienberichten hält der Generalbundesanwalt einen Anfangsverdacht wegen des von der NSA ausgespähten Handys der Kanzlerin für begründbar. US-Präsident Obama wirbt um Verständnis für die Abhöraktionen.

Die Bundeskanzlerin und ihr Handy: Abgeordnete aller Bundestagsfraktionen halten Ermittlungen wegen des ausgespähten Handys für geboten. dpa

Die Bundeskanzlerin und ihr Handy: Abgeordnete aller Bundestagsfraktionen halten Ermittlungen wegen des ausgespähten Handys für geboten.

BerlinGeneralbundesanwalt Harald Range hält im Fall des von der NSA ausgespähten Handys von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nach einem „Spiegel“-Bericht die Aufnahme eines förmlichen Ermittlungsverfahrens für möglich. Range habe dem Justizministerium unter Heiko Maas (SPD) übermittelt, dass er nach monatelanger Prüfung der Vorgänge einen Anfangsverdacht für begründbar halte. Der Justizminister, der dem Generalbundesanwalt gegenüber weisungsbefugt ist, würde sich gegen Ermittlungen nicht sperren. Eine Sprecherin des Ministeriums bestätigte dies der dpa am Sonntag in Berlin indirekt: „Der Generalbundesanwalt entscheidet vollkommen unabhängig.“

Ob die oberste Strafverfolgungsbehörde ein Ermittlungsverfahren tatsächlich einleiten wird, ist laut „Spiegel“ nach Angaben aus Justizkreisen offen. Nach Informationen der dpa ist die Prüfung des Vorgangs noch nicht abgeschlossen. Nach wie vor seien Teile des vom Generalbundesanwalt an die Bundesregierung übermittelten Fragenkatalogs noch nicht beantwortet.

Wo die NSA im Ausland spioniert hat

Frankreich

Für Empörung sorgt diese Woche ein Bericht der französischen Tageszeitung „Le Monde“, wonach die NSA allein innerhalb eines Monats – zwischen dem 10. Dezember 2012 und dem 8. Januar 2013 – 70,3 Millionen Telefonverbindungen in Frankreich überwachte. Bereits Anfang Juli hatte der britische „Guardian“ berichtet, der Geheimdienst habe unter anderem Frankreichs diplomatischen Vertretungen in Washington und bei den Vereinten Nationen in New York ausgespäht. Im September berichtete der „Spiegel“ auch von Spähangriffen gegen das französische Außenministerium in Paris.

USA

Die „Washington Post“ und der „Guardian“ berichten Anfang Juni, die NSA und die US-Bundespolizei FBI würden auf Serverdaten der großen Internetkonzerne wie Yahoo, Facebook, Google und Microsoft zugreifen. Der Name des geheimen Überwachungsprogramms: Prism.

Großbritannien

Der „Guardian“ berichtet Mitte Juni unter Berufung auf die Snowden-Dokumente, der britische Geheimdienst habe vor vier Jahren Delegierte von zwei in London stattfindenden G-20-Treffen ausgespäht. Ziele waren demnach die Delegationen Südafrikas und der Türkei. Die NSA soll bei der Gelegenheit versucht haben, ein Satelliten-Telefongespräch des damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew nach Moskau abzuhören.

EU und Uno

In seiner Ausgabe vom 1. Juli berichtet der „Spiegel“, die NSA habe in EU-Vertretungen in Washington, New York und Brüssel unter anderem Wanzen installiert. Auch sollen interne Computernetzwerke infiltriert worden sein. Ende August berichtet der „Spiegel“, die NSA habe auch die Zentrale der Vereinten Nationen in New York ausspioniert. Dem Geheimdienst gelang es demnach, in die interne Videokonferenzanlage der Uno einzudringen.

Brasilien

Der brasilianische Sender „Globo“ berichtet Anfang September, die NSA habe Telefonate und Internetkommunikation von Staatschefin Dilma Rousseff und ihren Mitarbeitern überwacht. Auch Unternehmen wie der Ölkonzern Petrobras und Millionen brasilianischer Bürger sollen ausgespäht worden sein. Verärgert verschiebt Rousseff einen für Oktober geplanten Staatsbesuch in den USA auf unbestimmte Zeit.

Mexiko

Der „Spiegel“ berichtet diese Woche, schon 2010 sei es einer NSA-Spezialabteilung gelungen, in das E-Mail-Konto des damaligen mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón einzudringen. Calderóns Nachfolger Enrique Peña Nieto forderte Anfang September Erklärungen von den USA, nachdem Globo berichtet hatte, die NSA habe ihn während des Wahlkampfs 2012 ausgespäht.

China

In einem Interview mit der Zeitung „South China Morning Post“ aus Hongkong gibt Snowden an, die NSA hätten chinesische Mobilfunk-Konzerne gehackt und Millionen von SMS ausgespäht. Demnach verübte die NSA auch Cyber-Attacken auf die Tsinghua-Universität in Peking. Dort sind sechs zentrale Netzwerk-Schaltstellen untergebracht, über die Chinas gesamter Internetverkehr läuft.

In einem Gespräch mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) habe Maas darauf hingewiesen, dass dem deutsch-amerikanischen Verhältnis im Zuge der NSA-Spionageaffäre möglicherweise eine neue Belastungsprobe bevorstehe, schreibt der „Spiegel“. „Es könnte da etwas auf uns zukommen“, wird Maas zitiert. Steinmeier und Merkel seien noch unentschieden, wie sie zu einem Ermittlungsverfahren stünden.

Abgeordnete aller Bundestagsfraktionen halten Ermittlungen wegen des ausgespähten Handys für geboten. Linksfraktionschef Gregor Gysi warf Regierung und Bundesanwaltschaft „duckmäuserisches Verhalten“ gegenüber Washington vor. Der neue Vorsitzende des Parlamentarischen Gremiums zur Kontrolle der Geheimdienste, Clemens Binninger (CDU), sagte dem Magazin: „Dass es Rechtsverstöße auf deutschem Boden gegeben hat, scheint mir ziemlich eindeutig. Daher wäre aus meiner Sicht zumindest ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannt nachvollziehbar.“

Der SPD-Innenexperte Michael Hartmann sagte, er erwarte baldmöglichst Klarheit. Der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele betonte, es sei absurd, dass die Sachlage für einen Anfangsverdacht nicht ausreiche: „Die suchen einfach Gründe, sich zu drücken, weil ihnen die Sache zu heikel ist.“

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