Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.11.2012

14:54 Uhr

Medienbericht

Möglicher Bundeswehreinsatz in Türkei stößt auf Kritik

Die Bundeswehr steht offenbar kurz davor, sich in an der türkisch-syrischen Grenze zu stationieren. Laut einem Medienbericht soll sie dort Flugabwehrraketen bedienen. Die Opposition kritisiert das Vorhaben.

Türkische Truppen an der Grenze zu Syrien. Die Türkei soll offenbar Hilfe von deutschen Soldaten bekommen. Reuters

Türkische Truppen an der Grenze zu Syrien. Die Türkei soll offenbar Hilfe von deutschen Soldaten bekommen.

Berlin, HannoverDie Bundeswehr steht nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ vor einem Nato-Einsatz an der türkisch-syrischen Grenze. Deutschland werde in Kürze Flugabwehrraketen vom Typ „Patriot“ mit Bedienungsmannschaft in die Türkei verlegen, berichtet die Zeitung in ihrer Samstag-Ausgabe. An diesem Montag wolle die Türkei eine offizielle Bitte an die Nato richten und zum Schutz ihres Territoriums „Patriot“-Raketensysteme anfordern. Die Nato werde der Bitte umgehend entsprechen.

Das türkische Außenministerium wollte den Bericht am Samstag zunächst nicht bestätigen. Wegen der angespannten Sicherheitslage an der türkischen Grenze gebe es laufend Beratungen mit den Nato-Verbündeten, sagte ein Sprecher der Nachrichtenagentur dpa in Istanbul. Ankara erwarte grundsätzlich Unterstützung der Verbündeten, ohne dass es bereits eine konkrete Entscheidung gebe.

Bürgerkrieg: Weitere Gefechte an syrisch-türkischer Grenze

Bürgerkrieg

Weitere Gefechte an syrisch-türkischer Grenze

Die Gefechte an der syrisch-türkischen Grenze setzen sich fort.

Das Bundesverteidigungsministerium in Berlin erklärte, sollte eine entsprechendes Unterstützungsgesuch an die Nato herangetragen werden, werde das Militärbündnis dies prüfen. „Wenn dann Deutschland gefragt würde, würde Deutschland dies vor dem Hintergrund der Bündnisverpflichtung ebenfalls prüfen“, sagte ein Sprecher. Er bestätigte, dass in der Nato nur die USA, die Niederlande und Deutschland über „Patriot“-Raketen des modernsten Typs PAC-3 verfügen, wie er dem Bericht zufolge an der türkisch-syrischen Grenze eingesetzt werden soll.

Mit der PAC-3-Version können sowohl Flugzeuge als auch anfliegende Raketen bekämpft werden. Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ soll sich die Bundeswehr an der geplanten Nato-Operation mit einer oder zwei Patriot-Staffeln und bis zu 170 Soldaten beteiligen. Ob dazu ein Mandat des Bundestags erforderlich ist, prüfe die Regierung derzeit noch. Der Sprecher des Verteidigungsministeriums erklärte, auch die Mandatspflicht müsse im Fall einer Anfrage in Ruhe geprüft werden.

Die Regierung des Nato-Landes Türkei hatte schon vor zehn Tagen angekündigt, dass sie sich die Unterstützung des Bündnisses mit Luftabwehrraketen wünscht. Die Stationierung der Flugkörper wäre nach Lesart der Nato eine Operation zum Schutz des Bündnispartners vor einer Bedrohung durch syrische Kampfflugzeuge oder Raketen, schreibt die Zeitung. Es ginge nicht um den sogenannten Bündnis- oder Verteidigungsfall nach Artikel 5 des Nato-Vertrags, sondern um Hilfe bei der Landesverteidigung. Diese kann der Nato-Oberkommandierende von sich aus anordnen.

Die Bundesregierung ist sich dem Bericht zufolge einig, dass sich Deutschland an einer solchen Nato-Operation beteiligen müsse. Das gebiete die Bündnissolidarität, hieß es. Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) hatte am Donnerstag nach einem Treffen der Außen- und Verteidigungsminister von Deutschland, Frankreich, Polen, Italien und Spanien in Paris erklärt, ein solcher Einsatz – „wenn man es machte“ – diene nur dem Schutz der Türkei und wäre „keinerlei Einmischung in den syrischen Bürgerkrieg“.

BND-Daten an Rebellen gelangt: Opposition verlangt Aufklärung zu Einsatz vor Syrien

BND-Daten an Rebellen gelangt

Opposition will Marine-Einsatz aufklären

Die Rebellen sind indirekt an Informationen des BND gelangt.

In Berliner Regierungskreisen hieß es, damit werde auch die bisher besonnene Haltung der Türkei gegenüber dem Bürgerkrieg in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft anerkannt. Es sei klar, dass die Raketen im Fall eines Angriffs auch eingesetzt würden – die Stationierung sei dann „nicht nur psychologisch gemeint“. Eine Zustimmung des Bundestages wäre nach Angaben der Zeitung erforderlich, wenn die deutschen Soldaten in Kampfhandlungen verwickelt werden könnten. Die Luftwaffe verfügt über 24 einsetzbare „Patriot“-Feuereinheiten. Pro Staffel werden bis zu 85 Soldaten zur Bedienung benötigt.

Die Grünen warnten eindringlich vor einem solchen Einsatz. „Ich kann nur davor warnen, dass Deutschland und die Nato sich ohne Völkerrechtsgrundlage militärisch in den Syrien-Konflikt hineinziehen lassen“, sagte der Grünen-Sicherheitsexperte Omid Nouripour am Samstag am Rand des Grünen-Parteitags der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Hannover.

„Der Konflikt kann nicht in Konfrontation zu Russland gelöst werden, sondern nur einvernehmlich“, sagte Nouripour. „Der Einsatz von Hunderten deutschen Soldaten mit „Patriot“-Raketen würde uns in der jetzigen Situation auf eine sehr glatte Rutschbahn zu einem Syrien-Einsatz selbst führen.“ Das sei verheerend. Das türkische Außenministerium hatte einen Zeitungsbericht über eine Verlegung zunächst nicht bestätigt.

Auch der designierte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat sich strikt gegen eine deutsche Beteiligung ausgesprochen. Die Erfahrungen im arabischen Raum oder im Irak sprächen nicht dafür, einen solchen Schritt zu wiederholen, sagte Steinbrück am Samstag beim Führungstreffen Wirtschaft der „Süddeutschen Zeitung“ in Berlin. Sollte es im Rahmen eines UN-Mandats zu einer internationalen Intervention kommen, könnte Deutschland logistisch oder mit der Bereitstellung von Infrastruktur gefordert sein - „aber nicht im Sinne einer direkten Intervention“.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×