Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.03.2016

21:50 Uhr

Mehr Wohnungseinbrüche

Die Täter sind dreister und besser organisiert

VonLeonidas Exuzidis

In Deutschland haben Wohnungseinbrüche deutlich zugenommen. Die Polizei macht dafür die Sparpolitik verantwortlich. Experten sehen aber noch andere Gründe.

Einbrecher blickt durch eingeschlagene Fensterscheibe: „Schwere Belastung für die innere Sicherheit und die Bürger dieses Landes.“ dpa

Wohnungseinbruch

Einbrecher blickt durch eingeschlagene Fensterscheibe: „Schwere Belastung für die innere Sicherheit und die Bürger dieses Landes.“

WiesbadenHäufig klagt die Polizei über fehlende Ressourcen – und die neuen Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) geben dazu wieder einen Anlass: Vor allem die Wohnungseinbrüche sind laut der noch nicht veröffentlichten Statistik, die der Zeitung „Die Welt“ vorliegt, von 2014 auf 2015 um ganze zehn Prozent gestiegen: auf rund 167.000. Dieser neue Höchststand ist laut der Gewerkschaft der Polizei (GdP) auf den stetigen Personalabbau und die Sparpolitik der vergangenen Jahre zurückzuführen. Auch die Terrorgefahr, vermeintliche Problemviertel und die Flüchtlingssituation würden neben Ressourcen Zeit und Kraft kosten.

Wie man sich vor Wohnungseinbrüchen schützen kann

Zugang erschweren

Polizeistatistiken belegen, dass Einbrecher keine Zeit vergeuden und Aufsehen vermeiden. Sind sie nicht binnen fünf Minuten in der Wohnung, wird ihnen die Entdeckungsgefahr meist zu groß und sie suchen sich andere Ziele. Empfehlenswert sind daher massive Türblätter, Türschlösser mit Schutzbelag und mehrfach im Mauerwerk verankerte Schließbleche. Polizei und andere Experten raten zu qualitätsgeprüften sogenannten einbruchhemmenden Türen. Die staatliche Förderbank KfW etwa fördert den Einbau solcher Türen und die Nachrüstung mit Rollläden und Zusatzschlössern sogar.

Wertsachen sicher verwahren

Nicht ständig benötigte Wertsachen sollten wenn möglich nicht zu Hause, sondern besser in einem sicheren Bankschließfach aufbewahrt werden. Andernfalls ist eventuell auch die Anschaffung eines fest verankerten Tresors eine Möglichkeit. Wertsachen sollten zudem samt einer genauer Beschreibung oder einem Foto in einem eigenen Verzeichnis katalogisiert werden, um im Fall von Diebstähle eine mögliche Wiederbeschaffung zu erleichtern und den Schaden besser regulieren zu können

Mit Nachbarn zusammentun

Nachbarn und Freunde sollten wissen, wann Bewohner zu einer Reise aufbrechen und wie sie im Notfall erreichbar sind. Die Erfahrungen der Polizei zeigen generell, dass eine aufmerksame Nachbarschaft entscheidend hilft, Einbrechern die Tour zu vermasseln. Sie ruft deshalb dazu auf, sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam auf verdächtige Aktivitäten zu achten. Entgegen der weit verbreiteten Meinung schlagen viele Einbrecher auch tagsüber zu, etwa bei kurzen Abwesenheiten. Es gibt sogar professionelle Haushüter, die etwa in Urlaubszeiten engagiert werden können.

Auch Kleinigkeiten bedenken

Alltägliche Gewohnheiten und unscheinbare Details können Tätern mitunter ebenfalls das Leben erleichtern und sollten daher im Zweifelsfall neu überdacht werden. Haustüren sollten laut Polizei-Empfehlung selbst bei kurzzeitigem Verlassen abgeschlossen und nicht nur zugezogen werden. Profi-Einbrecher öffnen sie sonst innerhalb von Sekunden. Fenster sollten nie offenbleiben. Selbst Mülltonnen oder Pflanzenrankgitter können Dieben als Leiterersatz dienen und Einbrüche über die oberen Etagen erleichtern. Anrufbeantworter sollten niemals Hinweise auf Abwesenheit liefern.

Anwesenheit vortäuschen

Überquellende Briefkästen, geschlossene Rollläden und ein ungemähter Rasen signalisieren, dass niemand zu Hause ist und die Bewohner zum Beispiel länger im Urlaub weilen. Daher sollte zum Beispiel die Zeitung abbestellt oder nachgesendet werden. Anwesenheit vorgetäuscht werden kann auch, indem Licht per Zeitschaltuhr regelmäßig an- und ausgeht. Es gibt inzwischen sogar kleine Fernseh-Simulatoren. Das sind kleine LED-Projektoren, die in einem Raum ein möglichst realistisches Fernsehlicht erzeugen. Sie schalten sich dabei zu zufälligen Zeiten ein.

Alarmanlangen

Eine Alarmanlage verhindert zwei von drei Einbrüchen. Bei einer sogenannten Fallenüberwachung werden bestimmte Bereiche im Gebäude-Inneren durch Bewegungsmelder überwacht. Der Alarm wird dabei allerdings erst dann ausgelöst, wenn Einbrecher bereits eingedrungen sind. Eine andere Möglichkeit ist die sogenannte Außenhautüberwachung, bei der die Fenster und Türen mit Kontakten überwacht werden. Diese ist aber in der Regel relativ teuer. Abschreckend wirken können außerdem auch Lichtalarmanlagen, bei denen Bewegungssensoren eine Außenbeleuchtung anschalten.

„Die Polizei ist gezwungen, sich aus der Fläche zurückzuziehen. Die seit Jahren drastisch zunehmende Einbruchkriminalität ist eine schwere Belastung für die innere Sicherheit und die Bürger dieses Landes“, sagte der stellvertretende GdP-Vorsitzende Jörg Radek angesichts der neuen Zahlen. „Das Einzige, was hilft, ist ein hoher Ermittlungsdruck und eine sichtbare Präsenz der Polizei, vor allem in den Wohngebieten und zu bestimmten Tageszeiten.“

Die Personalsituation bei der Polizei ist eine Grundsatzdiskussion, die in regelmäßigen Abständen in den Fokus der Öffentlichkeit rückt – zuletzt nach den Silvesterübergriffen in Köln. In Nordrhein-Westfalen sind die Spannungen zwischen Polizeivertretern und Politik besonders groß, denn die Anforderungen an die Beamten sind zuletzt deutlich gestiegen: In Bundesland sind die Zahl der Wohnungseinbruchdelikte im Jahr 2015 überdurchschnittlich um 18,1 Prozent angestiegen. Insgesamt entfallen rund ein Drittel aller deutschen Wohnungseinbrüche allein auf NRW.

Experten warnen allerdings davor, die Personalsituation bei der Polizei als einzige Ursache für erhöhte Kriminalität anzuführen. Insbesondere organisierte, reisende Tätergruppen aus dem südosteuropäischen Raum sind laut Statistik für einen Großteil der Taten verdächtig.

Einbrecher in Deutschland unterwegs
Die Zahl der Wohnungseinbrüche in Deutschland steigt stetig – die Fallzahlen in den einzelnen Bundesländern sind allerdings sehr verschieden. Auch bei den Aufklärungsquoten gibt es deutliche Unterschiede. Eine Übersicht.
  Wie sicher ist Deutschland?
   
weniger als 1 000 Einbrüche


   
weniger als 15 000 Einbrüche


   
mehr als 50 000 Einbrüche
Quelle: PKS des Bundes
Jahr: 2014

Seitens des Bundeskriminalamtes (BKA) heißt es, dass einige Asylbewerber aus Südosteuropa – mit geringer Aussicht auf Erfolg – Asyl beantragen, um in relativ kurzen Zeitabständen bewusst Straftaten zu begehen. „Es ist ein Phänomen, das wir bundesweit beobachten“, so eine BKA-Sprecherin. Die kriminellen Profis würden ihre Zeit in Deutschland dazu nutzen, um gezielt Einbrüche zu begehen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×