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22.12.2015

12:06 Uhr

„Mein Kampf“ in Schulen

Hitler statt Schiller?

VonNoah Gottschalk

Hitlers „Mein Kampf“ kommt auf den Markt. SPD und Lehrerverband wollen Schulen mit der wissenschaftlich kommentierten Ausgabe ausstatten. Was ein 16-jähriger Oberstufenschüler dazu sagt.

Im Januar erscheint eine kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“. Womöglich müssen sich bald auch Schüler im Unterricht mit der Hetzschrift auseinandersetzen. AFP

Hitlers Hetzschrift und Biografie „Mein Kampf“

Im Januar erscheint eine kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“. Womöglich müssen sich bald auch Schüler im Unterricht mit der Hetzschrift auseinandersetzen.

Köln„Mein Kampf“ von Adolf Hitler ist das wohl umstrittenste Buch der deutschen Geschichte. Jahrelang hat Bayern versucht, Hitlers NS-Kampfschrift zu unterdrücken – mit mäßigem Erfolg. Das Land hält die Rechte an dem Buch und verweigerte bisher jede Neuauflage.

Doch in den Weiten des World Wide Web ist es schnell auffindbar, für 600 Euro beispielsweise auch bei einem Antiquitätenhändler. Diesen Umweg muss man bald nicht mehr gehen. Denn Anfang 2016 erlischt das Urheberrecht.

Noah Gottschalk ist 18 Jahre alt und arbeitet seit Ende 2014 für das Handelsblatt. Er ist Redakteur bei Orange by Handelsblatt, dem jungen Wirtschaftsportal der VHB.

Der Autor

Noah Gottschalk ist 18 Jahre alt und arbeitet seit Ende 2014 für das Handelsblatt. Er ist Redakteur bei Orange by Handelsblatt, dem jungen Wirtschaftsportal der VHB.

Das Institut für Zeitgeschichte München bringt zu diesem Anlass eine wissenschaftlich kommentierte Fassung des Buches auf den Markt. Viele Erklärungen und Kommentare sollen die Propaganda und das schreckliche Gedankengut entlarven.

SPD und Lehrerverband fordern nun, eben diese Fassung verbindlich im Schulunterricht behandeln zu lassen. 2000 Seiten stark ist diese Ausgabe, enthält Passagen der Originalvorlage und einordnende Kommentare des Autorenteams. Doch stellt sich mir die Frage, ob „Mein Kampf“ eine Berechtigung im Schulunterricht hat. Ist Hitlers Werk literarisch hochwertig genug, es im Deutschunterricht ausführlich zu behandeln, es gar in einer Klausur analysieren zu lassen?

Der Nazi-Jargon der AfD

Auffällige Nazi-Rhetorik bei einzelnen AfD-Politikern

Der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache, Peter Schlobinski, betont zwar, dass man nicht die gesamte (Alternative für Deutschland) AfD über einen Kamm scheren dürfe. „Doch einzelne Mitglieder pflegen eine auffällige Nazi-Rhetorik. Der Rhythmus, das sprachliche Diktum, die Emotionalisierung - es gibt einiges, was stark an die NSDAP-Sprache angelehnt ist.“ Und der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke sei ja schon „fanatisch in seiner Sprache“. Es folgen einige Beispiele.
Quelle: „Stern“, eigene Recherche.

Björn Höcke, Thüringen-AfD-Chef

„3000 Jahre Europa! 1000 Jahre Deutschland!“

Björn Höcke, Thüringen-AfD-Chef (2)

„Erfurt ist … schön … deutsch! Und schön deutsch soll Erfurt bleiben!“

Björn Höcke, Thüringen-AfD-Chef (3)

„Das Boot ist übervoll und wird kentern.“

Björn Höcke, Thüringen-AfD-Chef (4)

In einem Vortrag stellte Höcke das Bevölkerungswachstum Afrikas in einen Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise, was weithin als biologischer Rassismus bewertet wurde. Er sprach von einem „Bevölkerungsüberschuss Afrikas“ und erklärte, der „lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp“ treffe in Europa auf den „selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp“. Dann schlussfolgerte er: „Solange wir bereit sind, diesen Bevölkerungsüberschuss aufzunehmen, wird sich am Reproduktionsverhalten der Afrikaner nichts ändern.“

André Poggenburg, Chef der AfD in Sachsen-Anhalt

In ihrem auf Facebook verbreiteten Weihnachtsgruß vom 24.12.2015 sprach die AfD Sachsen-Anhalt unter anderem davon, in der Weihnachzeit über die „Verantwortung für die Volksgemeinschaft und nächste Generation“ nachzudenken. Der verwendete Begriff „Volksgemeinschaft“ löste daraufhin eine Diskussion aus. Denn, so der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn von der Universität Göttingen bei „tagesschau.de“, der Begriff der Volksgemeinschaft sei historisch „eindeutig durch den Nationalsozialismus belegt“. Der Begriff sei in einer Demokratie unhaltbar, so der Professor, selbst wenn man sich auf den Standpunkt historischer Naivität zurückziehen würde. Die Idee einer Volksgemeinschaft sei generell nicht mit den Vorstellungen von Demokratie vereinbar.

Alexander Gauland, Brandenburg-AfD-Chef

„Es wird Zeit, dass wir das Schicksal des deutschen Volkes, damit es ein deutsches Volk bleibt, aus den Händen dieser Bundeskanzlerin nehmen.“

Alexander Gauland, Brandenburg-AfD-Chef (2)

„Das Boot ist voll. Auch um der Flüchtlinge willen muss Deutschland jetzt die Notbremse ziehen.“

Frauke Petry, AfD-Bundesvorsitzende

„Die deutsche Politik hat eine Eigenverantwortung, das Überleben des eigenen Volkes, der eigenen Nation sicherzustellen.“

Markus Frohnmaier, Bundesvorsitzender der Jungen Alternative (JA)

„Ich sage diesen linken Gesinnungsterroristen, diesem Parteienfilz ganz klar: Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht - denn wir sind das Volk, liebe Freunde.“

In den Deutschunterricht gehört das Buch schon gar nicht. Hitler würde in einer Reihe stehen mit bekannten Autoren der deutschen Literaturgeschichte. Literarisch, stilistisch und grammatikalisch ist Hitlers Hetzschrift eine einzige Müllhalde. Sich in Zeiten von G8 so zeitintensiv mit „Mein Kampf“ als literarisches Werk zu befassen wäre ein Schlag ins Gesicht für Autoren wie Lessing, Goethe oder Schiller, die Hitler weichen müssten.

Die Auseinandersetzung mit der Historie des eigenen Landes, auch mit den schrecklichen Seiten, muss im Geschichtsunterricht stattfinden. Diese Lehrer sind besonders sensibilisiert für die Thematik um das Dritte Reich und wissen damit umzugehen.

Kommentare (10)

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Herr Bernhard Ramseyer

22.12.2015, 13:58 Uhr

"Hitler statt Schiller?"

Es sollte "Hitler und Schiller" lauten und das nicht erst 70 Jahre nach gewaltsamer Auflösung des III. Reiches.

elly müller

22.12.2015, 15:51 Uhr

Wie mit allem,wir diskutieren und drehen Themen bis zum Erbrechen!

WARUM kann man nach über 70 Jahren nicht über diesen Menschenfänger offen diskutieren???

Um sich von solchen Schriften und Reden einfangen zu lassen gehören bekanntlich immer zwei dazu! Hier der Hitler, auf der anderen Seite die Deutschen!!!

Sie sind diesem Schaumschläger und Menschenverachter in die Falle gegangen und kamen dann nicht mehr raus! Mitgegangen gleich Mitgefangen!

NUR auch damals hat die Parteienlandschaft ,vornehmlich die SPD, in der POLITIK nur Mist gemacht und das sollten sich die heute regierenden ebenfalls vor Augen halten!

Nur proletisch gegen Menschen zu hetzen und zu beschimpfen hilft auch etablierten Parteien nichts, im Gegenteil!

Solange sie am Volk vorbei reden und starrköpfig an den Prinzipien festhalten ohne mal darüber nachzudenken was das Volk will, ja der öffnet Tür und Tor für Alternativen, egal in welchem Spektrum!

Also was ist so schlimm daran, das Volk bei wichtigen Fragen entscheiden zu lassen? Z.B. ob wir ungebremste Asylbewerber aufnehmen wollen! Ob wir das Handelsabkommen CETA oder TTIP wollen etc.

Das wäre gelebte Demokratie, nur wer sträubt sich dagegen???? DIE C D U!

Das Buch von Hitler, keine Ahnung ob das lesenswert ist und auch noch gekauft werden sollte, mir reichen die Erzählungen und Berichte von Zeitzeugen um für so einen irren Typen absolut keinen Cent auszugeben!!!

Herr Lee Rtasche

22.12.2015, 16:03 Uhr

WAS EIN HYPE

... und dazwischen was zum Anklicken zu Hr. Höcke.
Dabei gibt es doch so ein hervorragendes politisches Programm der AfD zu Bildung, Ausbildung und Studium. Zu Bachelor und Master. Und zu 16000 derzeitgen Studienrichtungen in Deutschland. Jährlich kommen unsägliche 1000 dazu. Warum schreibt man hier nicht über das Bildungsprogramm der AfD?
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Zum Insitut für Zeitgeschichte: Hr. Gottschalk, warum schreiben Sie nicht, dass die bayrische Staatsregierung dem Insitut für Zeitgeschichte die Mittel entzogen hat? - Und: Ist nicht auch dies bereits Geschichtsverklitterung?
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Also was ist "Mein Kampf"?
Andreas Andernach faßte es in die passenden Worte, es sei "HEILSARMEE-SERMON".
Und der Historiker David Clay weiß zu berichten über
143 ZERSCHMETTERTE BIERKRÜGE, über einen "Marsch" am anderen Morgen eines "selten erbärmlic he(r) Zug alkoholisierter und/oder schon verkaterter Bierdimpfl und Zechbrüder, die sich eine Nacht lang gewaltig die Kante gegeben hatten. Der wegen "Putsch" festgenommene H. entpuppt sich so als eine
"SCHWER ANGESCHLAGENE, ENTHEMMTE UND , HEUTE WÜRDE MAN SAGEN. ZIEMLICH DURCHGEKNALLTE SAUFNASE."
Bei allen Versuchen dieses sprachlich schlecht geschriebene Buch in eine historische Bewertung zu bringen genügt eine Geschichtsstunde:
Antisemitisch, triefende Rassenideologie und Dolchstoßlegende, Ausschaltung aller Parteien, Aufhebung des Föderalismus und staatliche Kammern als Ersatz für Gewerkschaften.
Es geraten historische Abläufe durcheinander, wenn man nicht zur Kenntnis nehmen möchte, dass es zum Zeitpunkt des Schreibens eine Allgemeine Erklärung der Menschenrechte noch nicht gab und der Artikel 1 des Grundgesetzes ebensowenig existierte.

DAS GEHÖRT IN DEN GESCHICHTSUNTERRICHT!

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