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01.04.2011

10:06 Uhr

Meinhard Miegel

„Sinkende Realeinkommen werden die Regel sein“

VonDirk Heilmann

Eine schrumpfende Gesellschaft wird keinen wachsenden Wohlstand erzeugen, sagt Demografie-Experte Meinhard Miegel. Er warnt im Handelsblatt-Gespräch davor, große Hoffnungen auf die Zuwanderung zu setzen.

huGO-BildID: 19713378 Prof. Meinhard Miegel Quelle: denkwertzukunft

huGO-BildID: 19713378 Prof. Meinhard Miegel

Handelsblatt: Herr Professor Miegel, die deutsche Bevölkerung schrumpft unaufhaltsam, und Sie weisen seit langem auf die gravierenden Folgen hin. Ist der wirtschaftliche Niedergang Deutschlands unabwendbar?

Meinhard Miegel: Vermutlich. Aber das bedeutet ja nicht den Niedergang Deutschlands und Europas insgesamt. 500 Jahre lang haben wir die Blaupausen für globale Entwicklungen gezeichnet. Und das wird auch künftig so sein. Erst war es die Blaupause der Expansion, die jetzt von der ganzen Welt ausgeführt wird. Nun folgt die Blaupause der Kontraktion, die von allen übernommen werden wird. Schon weil es gar nicht anders geht. Bedenken Sie: Um 2035 wird das Durchschnittsalter der Chinesen höher sein als das der Amerikaner. Dann ist auch das expansive chinesische Zeitalter vorüber.

Aber dürfen wir uns damit abfinden, nicht mehr zu wachsen? Eine schrumpfende Bevölkerung heißt doch, dass die Sozialsysteme nicht mehr zu finanzieren sind.

Wieso denn? Sie werden nur, wie so vieles andere, ebenfalls kontraktieren. So wird sich die umlagefinanzierte Alterssicherung zu einer Grundsicherung von etwa 700 Euro monatlich wandeln, und auch die Krankenversicherung wird eine andere werden. Die Menschen werden begreifen, dass die Versichertengemeinschaft nicht länger für Raubbau am eigenen Körper aufkommt.

Dann wird uns unsere Schuldenlast erdrücken, wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst.

Die öffentlichen Haushalte leiden nicht unter zu geringen Einnahmen –unter Berücksichtigung der Geldentwertung steht zum Beispiel in den Gemeinden pro Kopf der Bevölkerung heute doppelt so viel zur Verfügung wie 1970 –, sondern unter ungezügelten Ausgaben, nicht selten gepaart mit Inkompetenz. Bei kostenbewussterem Verhalten lassen sich Einnahmen und Ausgaben ohne Härten zur Deckung bringen.

Was halten Sie von der Idee, dass uns die Demografie neue Wachstumsfelder bringt, etwa im Gesundheitswesen?

Nicht viel, wenn so getan wird, als sei der Gesundheitsbereich ein Bereich wie der Wohnungs- oder Maschinenbau. Voraussetzung für den expandierenden Gesundheitsbereich sind mehr Kranke. Es geht um die Beseitigung von Krankheitsschäden und – wenn möglich –die Wiederherstellung eines früheren Zustandes. Für den Einzelnen ist dies ein Riesengewinn, aber sowohl für ihn als auch für die Gesellschaft wäre es ungleich besser, wenn er gar nicht erst krank geworden wäre.

Wollen Sie sagen, dass es weniger wert ist, in der Pflege zu arbeiten als in der Autofabrik?

Mitnichten. Ich will nur sagen, dass künftig immer mehr Kräfte damit beschäftigt sein werden, ein früher bereits erreichtes Niveau mehr schlecht als recht zu halten, und immer weniger bereitstehen, den materiellen Wohlstand weiter zu mehren. Anders gewendet: Der dynamische, produktive Bereich schrumpft, während der Bereich erhaltender Dienste wächst.

Wie wird es sich leben lassen ohne Wachstum in Deutschland?

Gut, sofern sich die Bevölkerung konstruktiv auf die neue Lage einlässt. Das fällt ihr wahrscheinlich nicht leicht, denn sie ist von ständigem Wachstum geprägt. Doch sie sollte bedenken, dass während des längsten Teils der Menschheitsgeschichte wirtschaftliches Wachstum weithin unbekannt war und insofern die Jetztzeit ganz außergewöhnlich ist. Was wir da erleben, ähnelt einer Stichflamme. Niemand kann doch vernünftigerweise davon ausgehen, dass ein Fünftel der Menschheit – wir Deutschen eingeschlossen – für alle Zeiten 70 Prozent der Weltressourcen für sich verbrauchen kann. So gesehen normalisieren sich jetzt die Verhältnisse.

Meinhard Miegel ist Vorstandschef der Stiftung Denkwerk Zukunft in Bonn.

Kommentare (10)

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01.04.2011, 10:45 Uhr

Wie schön daß Professoren, Politiker und Beamte davon nicht betroffen sein werden.
Es sei denn, eine Bürgerversicherung (alter SPD-Vorschlag)
wird für alle eingeführt.

Bronski

01.04.2011, 11:11 Uhr

Herrn Miegel gebührt für seine Denkanstösse Hochachtung. Und zwar von jedem!
Und richtig wird sein, dass das Zeitalter der Hedonisten beendet sein wird. Auf die zwangsverordnete neue Bescheidenheit freu ich mich. Vor allem auch für die Toskana-Fraktion!

hegupha

01.04.2011, 11:35 Uhr

Die im Untertitel angekündigten Aussagen zur Zuwanderung fehlen.

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