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10.09.2015

16:06 Uhr

Merkel auf „Integrationstour“ in Berlin

Erinnerung fürs Leben

VonKathrin Witsch , Jakob Huss

Sie recken ihre Hände nach dem hellblauen Blazer, berühren sie an der Schulter: Die Kanzlerin ist auf „Integrationstour“ quer durch Berlin. Hier und da macht Merkel ein Selfie und wird umjubelt – doch nicht überall.

Selfie mit der Kanzlerin

Flüchtlinge bejubeln Merkel

Selfie mit der Kanzlerin: Flüchtlinge bejubeln Merkel

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BerlinAls die Bundeskanzlerin mit ruhigem Schritt auf die Menschentraube zugeht, staunen die Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Berlin Spandau nicht schlecht. Einige strecken ihre Hände nach dem Merkel-typischen hellblauen Blazer aus, und berühren sie an der Schulter. Sie deuten auf ihre Smartphones, dann auf Merkel. Und die Bundeskanzlerin stellt sich wie selbstverständlich neben die Flüchtlinge und macht ein Selfie.

Am Donnerstag ist die Kanzlerin auf „Integrationstour“ in Berlin. Von langer Hand geplant war der Besuch aber nicht. Die Mitarbeiter der AWO dachten bis kurz vor dem Eintreffen der Kanzlerin jedenfalls noch, dass der Bundespräsident kommt. „Wir wussten nicht, dass Frau Merkel heute kommt. Aber natürlich haben sich die Bewohner sehr gefreut. Das passiert ja auch nicht jeden Tag“, sagte ein Sozialarbeiter der Einrichtung. Und so ein Selfie mit der Bundeskanzlerin sei schließlich eine Erinnerung fürs Leben.

Wie Menschen in Deutschland Flüchtlingen helfen

Einwohner

Marxloh hat 19.000 Einwohner und ist ein junger und bunter Ortsteil. Das Durchschnittsalter beträgt 37,2 Jahre, jeder vierte Marxloher ist unter 18 Jahren. Der Ausländeranteil liegt bei 45 Prozent. Angehörige von 92 Nationalitäten leben dort.

Fahrräder

Zwei junge Ingenieure gründeten 2012 in Karlsruhe das Projekt „Bikes without Borders“. Flüchtlinge können neben der Erstaufnahmestelle gebrauchte Fahrräder bekommen, die gespendet und von Ehrenamtlichen repariert wurden. Bis vor einigen Monaten wurden die Räder verliehen; inzwischen werden sie für zehn Euro verkauft und müssen nicht mehr zurückgebracht werden. „Die Nachfrage hat enorm zugenommen“, sagte am Dienstag Mitinitiator Tobias Fleiter.

Fußballverein

Gerade erst hat Deutschlands erste reine Flüchtlingsmannschaft „Welcome United 03“ in Potsdam den Liga-Spielbetrieb aufgenommen. Der Verein SV Babelsberg 03 hat das Team als dritte Herrenmannschaft angemeldet.

Garten

In Berlin legen Helfer zusammen mit Flüchtlingen bewegliche Hochbeete an - sie nennen das „mobile Seelengärten“. „Wir verstehen den Garten als Gegenpol zu den schrecklichen Erfahrungen, die viele Flüchtlinge gemacht haben“, erläuterte Traumatherapeutin Tina Diest, die die Gartenprojekte begleitet, vor rund zwei Wochen.

Hilfe beim Einkauf

Die Freiwilligenagentur in Halle verzeichnet seit Mai einen enormen Anstieg an Angeboten, um Flüchtlingen im Alltag zu helfen. „Wir haben alle Hände voll zu tun“, sagte eine Sprecherin. Die Angebote: Sprache lernen, Begleitung beim Einkaufen („Warum braucht man einen Chip am Einkaufswagen?“), Arzt- und Behördenbesuche, Umzug samt Installation von Waschmaschinen.

Internet

Nach Recherchen des Blogs „Netzpolitik.org“ stellen nur etwa 15 Prozent der Flüchtlingsunterkünfte Internetzugänge. Die Daten seien nicht vollständig, heißt es, viele Behörden hätten keinen umfassenden Überblick. Initiativen wie „Freifunk Dortmund“ oder „Refugees Online“ nehmen die Sache in die Hand. Sie bringen Flüchtlinge ins Netz, damit sie etwa ihre Familie sprechen können.

Online Challenge

Fernsehköchin Sarah Wiener verteilte bei der „Welcome Challenge“ Essen an Flüchtlinge. Die Aktion funktioniert ähnlich wie die „Ice Bucket Challenge“: Im Internet veröffentlicht man Bilder und nominiert weitere Kandidaten, die mitmachen sollen.

Patenschaften

Flüchtlingsfamilien haben im rheinland-pfälzischen Jugenheim einen Paten. Eine Initiative mit dem Motto „Willkommen im Dorf“ kümmert sich um 40 Flüchtlinge, die in einem umgebauten Pfarrhaus leben. Ehrenamtlich Paten gibt es auch andernorts.

Sporttraining

Amateurboxerin Lina Schönfeld trainiert in Braunschweig Flüchtlinge. Einmal pro Woche kommen junge Männer aus den umliegenden Unterkünften, um beim Boxen zu schwitzen. „Tendenziell wird die Gruppe immer größer“, sagt die 28-Jährige. Die Teilnehmer zählen auf Deutsch und erhalten kleine Anweisungen.

Theater

Syrische Flüchtlinge stehen im hessischen Biedenkopf auf einer Bühne. Noch bis Anfang September wird dort ein Stück über einen legendären Postraub gezeigt. Die fünf Flüchtlinge hoffen, so ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen. Und sind stolz auf das Vertrauen, das die Regisseurin in sie setzt, wie einer von ihnen berichtet.

Umweltbelastung

Ob Feinstaub-Belastung, Verkehr oder Straßenlärm: Duisburg-Marxloh zählt zu den Stadtvierteln mit der höchsten Umweltbelastung. Ein großer Teil der Gebäude ist auch sanierungsbedürftig.

WG-Börse für Flüchtlinge

Die Berliner Initiative „Flüchtlinge Willkommen“ vermittelt WG-Zimmer an Flüchtlinge. Schon 80 Mal hat das bundesweit geklappt, heißt es auf der Homepage. Finanziert werden die Zimmer über Spenden oder mit staatlichem Geld.

Wissenschaft

Frankfurter Studentinnen wollen Flüchtlingen mit akademischem Hintergrund Orientierung im Wissenschaftsbetrieb geben. Mit ihrer Organisation Academic Experience Worldwide vermitteln sie dazu unter anderem Tandempartner. Sie wollen dem Klischee vom „armen, ungebildeten Flüchtling“ entgegenwirken, sagen die Initiatorinnen.

Zuhause

Die Familie des Bundestagsabgeordneten Martin Patzelt (CDU) nahm zwei Flüchtlinge aus Eritrea bei sich auf. Der ehemalige Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder) wirbt dafür, sich stärker für Flüchtlinge zu engagieren. Drohungen wurden für ihn trauriger Alltag. „Täglich bekomme ich E-Mails mit Beleidigungen. Manchmal sind sogar Morddrohungen darunter“, erzählte der Politiker Anfang August.

Zuwanderung

Viele Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien kommen nach Marxloh. Seit Ende 2012 hat sich ihr Anteil in der Bevölkerung fast verdreifacht (Stand 31.12.2014: 3000). Knapp die Hälfte der im vergangenen Jahr nach Marxloh gezogenen Bulgaren und Rumänen waren Kinder und Jugendliche (46 Prozent).

Merkel wollte mit dem Besuch vor allem die Arbeitsleistung der Beamten und Mitarbeiter würdigen. Sie sei überzeugt, dass „diejenigen, die hier arbeiten, ihr Bestes geben“, sagte sie. In der AWO-Erstaufnahme habe sie beeindruckt, „mit wie viel Liebe und Zuneigung die Flüchtlinge hier auch beherbergt werden“.
Einen begeisterten Empfang wie bei der AWO bekam die Kanzlerin in der quer gegenüberliegenden Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) allerdings nicht. Sie will einen Hintereingang nehmen, aber einige Flüchtlinge erkennen sie von weitem und rufen nach ihr. Als sie sich ein Stück auf sie zubewegt, ertönt vereinzeltes klatschen. Die Kinder aber spielen weiter Fußball. Viele schauen kurz auf, wenden sich dann wieder anderen Dingen zu. Für sie geht es um mehr, als für Angela Merkel mit ihrem zwanzigminütigen Durchmarsch. Die Asylsuchenden warten hier auf die Bearbeitung ihrer Anträge. Jeden Tag versammeln sich 300 bis 500 Menschen vor den Türen der Behörde. Ein paar Stühle stehen aufgereiht an der Hauswand. Mehr als zehn Menschen finden hier keinen Platz zum Sitzen. Die meisten drängen die paar Stufen zur Eingangstür hoch, in der Hoffnung endlich eine Antwort zu bekommen. Am Ende des Tages sind circa 150 der Wartenden tatsächlich durch die Tür in die Außenstelle gegangen. Die meisten haben zwar einen Termin. Trotzdem müssen sie mindestens vier Stunden vor dem Gebäude ausharren, bis sie mit einem der zuständigen Beamten sprechen können.

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Vor dem Besuch der Kanzlerin hatte es aus den Ländern erhebliche Kritik gegeben, dass das Ministerium mit der Bearbeitung der Asylanträge immer weiter hinterherhinke. Die Bundesregierung hat die Einstellung von mehreren tausend neuen Mitarbeitern beschlossen. Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hatte kritisiert, dass dies viel zu lange dauere. Jedes Schicksal werde ernst genommen, jeder Antrag möglichst schnell bearbeitet, auch wenn die Bearbeitung angesichts der großen Zahl von Flüchtlingen nicht immer sofort erfolgen könne, betonte Merkel am Donnerstag.

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