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25.08.2014

08:15 Uhr

Merkel im ARD-Sommerinterview

Keine Frage: viele Fragen!

VonChristian Bartels

Staatsmännisch zeigte sich die Bundeskanzlerin im ARD-„Sommerinterview“. Außenpolitisch geben viele Konfliktherde Anlass zu Sorge, innenpolitisch setzt Angela Merkel vor allem auf die Zeit.

Die Kanzlerin im ARD-Sommerinterview: Kriegerischen Konflikte lassen innenpolitische Fragen verblassen. dpa

Die Kanzlerin im ARD-Sommerinterview: Kriegerischen Konflikte lassen innenpolitische Fragen verblassen.

Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geht es ausgewogen und paritätisch zu, zumal was die großen Parteien betrifft. Das ZDF hatte sein Sommerinterview mit der Bundeskanzlerin vor der politischen Sommerpause am Tag des WM-Finales ausgestrahlt. An diesem Sonntag nun legte die ARD nach – zum Ende der Sommerpause (und am Wochenende des Bundesliga-Starts). Friedlicher und überschaubarer ist die Welt im Sommer nicht geworden, ganz im Gegenteil. Für Fußballfragen und Geplänkel blieb keine Zeit. Merkels Schlusswort im ARD-Interview, „Wir müssen noch viele Fragen klären, das ist gar keine Frage“, könnte für die zweite Jahreshälfte oder sogar ihre letzte Amtszeit sprichwörtlich werden.

Wie ernst die Lage ist, machte die Kanzlerin in ihrer Wortwahl deutlich: „Sehr fragil“ sei sie, „sehr gefährlich“ die Situation in der Ostukraine. Auf „sehr perfide Art und Weise“ habe die Hamas im Gaza-Streifen im Konflikt mit Israel immer wieder auch zivile Opfer zu verantworten. Und eine „sehr sorgsame Abwägung“ habe die Bundesregierung veranlasst, Waffenlieferungen an die irakischen Kurden zuzustimmen, die die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) bekämpfen.

Merkel widersprach der Formulierung ihrer Interviewer Sabine Rau und Rainald Becker nicht, dass diese Entscheidung, erstmals Waffen in ein Kriegsgebiet zu liefern, einen „Paradigmenwechsel“ der deutschen Außenpolitik bedeute, sondern stellte sie sogar in eine Reihe mit vorherigen Paradigmenwechseln: der Beteiligung am Nato-Einsatz gegen Serbien und die Entsendung von Kampftruppen nach Afghanistan. Es gehe darum, „mehrere Genozide“ zu verhindern, positionierte sie sich eindeutig. Mit der Waffenlieferungs-Frage läutet ARD-Talker Frank Plasberg heute Abend auch die neue Talkshowsaison ein.

Die Biographie der Angela Merkel - Teil 1

Die Anfänge

Angela Dorothea Merkel (geb. Kasner) wurde am 17. Juli 1954 in Hamburg geboren. Sie war das erste Kind des evangelischen Theologen Horst Kasner und seiner Frau Herlind.

Die Eltern

Horst Kasner hatte ab 1948 an den Universitäten Heidelberg und Hamburg sowie an der Kirchlichen Hochschule Bethel in Bielefeld Theologie studiert. Seine Frau war Lehrerin für Latein und Englisch.

Umzug in die DDR

Noch 1954, einige Wochen nach der Geburt der Tochter, siedelte die Familie von Hamburg in die DDR über. Für die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg trat Horst Kasner im Dorf Quitzow (heute ein Ortsteil von Perleberg) eine Pfarrstelle an. 1957 wechselte Kasner dauerhaft nach Templin, um sich am Aufbau einer innerkirchlichen Weiterbildungsstelle zu beteiligen. Angela Merkel wuchs im brandenburgischen Templin auf. Sie besuchte weder Kinderkrippe noch Hort, da ihrer Mutter die Tätigkeit im DDR-Schuldienst verwehrt wurde und sie deshalb Hausfrau war.

Polnische Wurzeln

In Polen erregte 2013 die Entdeckung polnischer Wurzeln von Angela Merkel erhebliche Aufmerksamkeit: Ihr Großvater, der Polizeibeamte Ludwig Kasner, hatte als Ludwig Kazmierczak in Posen gelebt und war später nach Berlin übergesiedelt.

Schulzeit

1961 wurde Angela Kasner an der Polytechnischen Oberschule (POS) in Templin eingeschult. Als Schulkind und Jugendliche wird sie von Lehrern und Mitschülern als eher unauffällig und als sozial gut integriert beschrieben. Auffallend waren ihre herausragenden schulischen Leistungen, insbesondere in Russisch und Mathematik. Sie gewann Russisch-Olympiaden auf verschiedenen Ebenen bis zur DDR-Ebene. In ihrer Schulzeit war sie Mitglied der Pionierorganisation Ernst Thälmann und später der Freien Deutschen Jugend (FDJ). 1973 legte sie an der Erweiterten Oberschule (EOS) in Templin mit einem Notendurchschnitt von 1,0 das Abitur ab.

Religion

Merkel nahm nicht an der in der DDR üblichen Jugendweihe ihres Jahrgangs teil, stattdessen wurde sie am 3. Mai 1970 in der St.-Maria-Magdalenen-Kirche in Templin konfirmiert.

Studium in Leipzig

Merkel hatte sich bereits während ihrer Schulzeit für das Studium der Physik an der damaligen Karl-Marx-Universität entschieden und begann 1973 ihr Studium in Leipzig. Merkels Diplomarbeit aus dem Juni 1978 mit dem Titel Der Einfluß der räumlichen Korrelation auf die Reaktionsgeschwindigkeit bei bimolekularen Elementarreaktionen in dichten Medien wurde mit „sehr gut“ bewertet. Die Arbeit war gleichzeitig auch ein Beitrag zum Forschungsthema Statistische und Chemische Physik von Systemen der Isotopen- und Strahlenforschung im Bereich statistische und physikalische Chemie am Zentralinstitut für Isotopen- und Strahlenforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW).

Akademie der Wissenschaften

Nachdem 1978 eine Bewerbung an der Technischen Hochschule Ilmenau gescheitert war, ging Merkel mit ihrem Mann nach Ost-Berlin. Hier nahm sie eine Stelle am Zentralinstitut für physikalische Chemie (ZIPC) der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin-Adlershof an. Am Zentralinstitut arbeiteten rund 650 Personen, davon etwa 350 Wissenschaftler. Merkel arbeitete in der Abteilung Theoretische Chemie.

Dissertation

Am 8. Januar 1986 reichte sie ihre Dissertation Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden ein. Die Arbeit wurde mit „sehr gut“ (magna cum laude) bewertet. Nach der damaligen Promotionsordnung musste dem Antrag auf Promotion der Nachweis beigefügt werden, dass die während des Studiums erworbenen Kenntnisse des Marxismus-Leninismus („ML“) wesentlich vertieft und erweitert worden waren. Merkel fertigte zum Nachweis eine schriftliche Arbeit mit dem Titel „Was ist sozialistische Lebensweise?“ an, die mit „genügend“ (rite) bewertet wurde. Doktorvater war der Leiter der Abteilung Theoretische Chemie am ZIPC Lutz Zülicke. Nach der Promotion zum Doktor der Naturwissenschaften (Dr. rer. nat.) wechselte Merkel innerhalb des Instituts in den Bereich Analytische Chemie, in dem Klaus Ulbricht ihr Abteilungsleiter wurde.

Wie immer bei Politiker-Interviews hätte man sich an einigen Stellen Nachhaken gewünscht: Etwa, als Merkel eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine ausschloss („steht nicht auf der Tagesordnung“), die Frage nach einer möglichen EU-Mitgliedschaft aber mit dem Hinweis auf ein bestehendes Assoziationsabkommen wie mit vielen anderen Staaten, etwa der Türkei, umschiffte. Etwa als sie von der territorialen Integrität der Ukraine sprach: Sieht sie die Krim davon noch berührt oder angesichts der geschaffenen Fakten nicht mehr?

Doch ARD-Reporterin Sabine Rau gelang es, an der Oberfläche zu kratzen. Sie fragte, ob angesichts von Berichten, dass Katar zu den IS-Unterstützern gehöre, Waffenlieferungen an das Emirat nicht gestoppt werden müssten. Merkel antwortete, der Bundessicherheitsrat müsse „ständig immer wieder neu bewerten, welches Land wo steht“. Damit dürfte die Frage, ob deutsche Waffenexporte künftig nicht allein in Staaten genehmigt werden sollten, bei denen eben nicht immer wieder aufs Neue überprüft werden muss, wo sie stehen, immerhin im Raum stehen.

Kommentare (12)

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Herr C. Falk

25.08.2014, 08:41 Uhr

"Keine Frage, viele Fragen" , "Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch". Merkel bleibt sich treu.

Die Zerfallsreaktion mit einfachem Bindungsbruch wird sich allerdings schon bei der Sachsenwahl zeigen, wenn viele Wähler aus dem bürgerlichen Lager der AfD anstelle von Union und FDP ihre Stimme zukommen lassen.

Herr Manfred Zimmer

25.08.2014, 09:00 Uhr

"innenpolitisch setzt Angela Merkel vor allem auf die Zeit"

Korrekt sollte es wohl heißen:
"innenpolitisch bleibt Angela Merkel bei ihrer Strategie".

Es ist ja zugegeben nicht die schlechteste Strategie. Was die Politiker "alternativlos" so kompetent diskutieren, ist ohnehin nicht dringend, geschweige denn wichtig.

In der Politik geht es um Diäten und Pensionen und dieses Thema haben die Politiker für dieses Jahr bereits gelöst, indem sie sich 10 % mehr gönnen.

Wie sagt einmal ein Politiker? "Fördern und fordern".

Die Bürger sind gehalten von Regierung und Abgeordneten die Leistungen für Entgelte einzufordern. Hierbei geht es insbesondere um das Mehr gegenüber produktiv tätigen Arbeitern und Angestellten.

Sergio Puntila

25.08.2014, 09:14 Uhr

Frau bleibt sich treu:
Die IS diktiert zusammen mit der US-Administration die Handlungsräume der Bundesregierung.
Abwarten und Tee trinken, zwischendurch mal Waffen und/oder Soldaten abliefern und das dann als außenpolitische Konzeption mal näher in Augenschein nehmen.
Kreditbürgschaften über 500Mio in Kiew abliefern, damit der Schokokönig wieder Luft hat für eine vernünftige Ausrüstung seiner Streitkräfte.
(Ironie off)

Mal sehn, was da noch kommen wird...

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