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21.02.2015

10:18 Uhr

Merkel trifft den Papst

To Rome with Love

Schon jetzt hat Angela Merkel mehr Nähe zu Papst Franziskus aufgebaut als zu seinem deutschen Vorgänger. Zum drittel Mal kommt sie nun bereits nach Rom, dabei geht es auch um die Frage: Gehört der Islam zu Deutschland?

Bundeskanzlerin trifft bereits zum dritten Mal auf Papst Franziskus. Hier sind die beiden im Mai 2013 zu sehen, bei Merkels erster Privataudienz. dpa

Merkel zu Besuch bei Papst Franziskus

Bundeskanzlerin trifft bereits zum dritten Mal auf Papst Franziskus. Hier sind die beiden im Mai 2013 zu sehen, bei Merkels erster Privataudienz.

BerlinWas für eine Vorstellung: Die Bundeskanzlerin und der Papst sitzen in Rom auf einem Marktplatz und essen Pizza. Die protestantische oberste Christdemokratin aus Deutschland plaudert mit dem Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche ganz ohne Publikum und Paparazzi. So hatte es sich Merkel im Mai 2013 nach ihrer ersten Privataudienz bei Franziskus für ein nächstes Treffen gewünscht: „Dann gehen wir auf die Piazza und essen eine Pizza.“ Dass dies womöglich nur ein frommer Wunsch war, liegt nahe. Überraschend ist, dass sie nun schon wieder eine Privataudienz in Rom hat.

An diesem Samstag ist Merkel zum dritten Mal mit Papst Franziskus zusammengekommen - nach einem Händeschütteln zu seiner Amtseinführung im Petersdom im März 2013 und einer mit gut 45 Minuten eher ungewöhnlich langen Privataudienz im Vatikan drei Monate später. Das jetzige Treffen hänge mit der deutschen G7-Präsidentschaft in diesem Jahr zusammen, sagt Merkel.

Das Oberhaupt der Katholiken begrüßte Merkel am Samstag im Vatikan. Internationale Krisen wie in der Ukraine sollten genauso besprochen werden wie der interreligiöse Dialog, die Armutsbekämpfung und der Klimaschutz. Nach dem Treffen mit dem Papst wird Merkel ein Gespräch mit dem Kardinalstaatssekretär, Pietro Parolin, führen. Danach folgt ein Empfang im katholischen Kloster Sant'Egidio in Rom, zu dem die deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, Annette Schavan, geladen hat.

Stärken und Schwächen von Angela Merkel

„Alternativlos“

Das ist eines der Lieblingswörter, wenn Kanzlerin Angela Merkel andere von ihrer Politik überzeugen möchte. Alternativlos ist derzeit für die CDU auch Merkels achte Wahl zur Parteichefin. Die Christdemokraten können sich momentan nicht vorstellen, wer außer der Physikerin aus der DDR die Partei führen sollte.

Ausdauer

Merkel schreibt sich selbst „kamelartige Fähigkeiten“ zu: Reserven anlegen, dosiert einsetzen. Krank ist sie selten - wenn doch, erfährt man es in der Regel nicht. Anders am Montag. Da war ihr so unwohl, dass sie eine Interview-Aufzeichnung unterbrach. Noch am Abend präsentierte sie sich wieder munter. Wer nicht zäh ist, kann Kanzleramt und Parteivorsitz nicht machen.

Geduld

Merkel kann zuhören - und abwarten. Selten reagiert sie im Affekt. So dauerte es lang, bis sie Russlands Präsident Wladimir Putin offen attackierte.

Uneitel

Anhänger wie Gegner schätzen Merkels Bodenhaftung, ihre unaufgeregte Art. Keine Skandale, keine Eskapaden, keine Diva. Oder wie Wolfgang Schäuble sagt: „Die ist nicht so Hurra-mäßig wie bei Napoleon - aber erfolgreicher.“

Ideologiefrei

Merkel zeigt sich erst einmal für alles offen und denkt nicht in den Grenzen der Unionspolitik.

Kein Redetalent

Merkel kann ein Publikum nicht mitreißen. Öffentlich formuliert sie selten scharf und pointiert.

Erklärungsdefizit

Viele Menschen sagen auch, sie wüssten nicht, was Merkels Botschaft sei. Sie erkläre ihre Politik nicht.

Keine Nachwuchsförderung

Dass Merkel so unangefochten in der CDU ist, liegt auch daran, dass sie Konkurrenten kalt gestellt hat und keine Talente gezielt fördert.

Keine Vision

Kritiker beklagen, dass Merkel keine eigenen Ziele entwerfe, sondern Ideen anderer sammele und dann die Mehrheitsmeinung suche, um nicht zu unterliegen.

Nachtragend

Merkel vergisst nichts. Wer bei ihr einmal in Ungnade fällt, ist abgemeldet. Bei nächst passender Gelegenheit zieht sie Konsequenzen. Vor allem viele Männer sehen darin wieder eine Stärke. „Sie kann Rache kalt genießen“, sagt einer aus der Opposition.

Vielleicht spricht die Pfarrerstochter mit dem Papst über ihren in Deutschland und der eigenen Partei so umstrittenen Satz: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Sie hat sich diese Äußerung des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff zu eigen gemacht, weil sie inzwischen glaubt, dass vier Millionen Muslime in Deutschland die Republik prägen. Sie kann nichts damit anfangen, wenn Parteifreunde sagen, die Muslime, aber nicht deren Glaube, gehörten zu Deutschland. Merkel will einen Islam auf dem Boden des Grundgesetzes und deshalb den Dialog fördern. Sie ist überzeugt, dass das die Integration von Muslimen besser fördert, als ihren Glauben auszugrenzen.

Merkel hat in kurzer Zeit zu dem Argentinier Franziskus einen engeren Draht aufgebaut als zu seinem deutschen Vorgänger Papst Benedikt XVI. in dessen achtjähriger Amtszeit. Die Kanzlerin ist beeindruckt von dem frischen Wind, für den der 78-Jährige im Vatikan sorgt. Und davon, wie er Menschen durch „einfache und berührende Worte“ erreicht. Ihr Gespräch im Mai 2013 mit ihm nannte sie „herzlich“.

Ausgerechnet mit dem ersten deutschen Papst seit dem Mittelalter war es dagegen zur Konfrontation gekommen. Merkel hatte Benedikt 2009 öffentlich für dessen Rücknahme der Exkommunizierung von vier Bischöfen der erzkonservativen Priesterbruderschaft St. Pius kritisiert. Darunter war auch der britische Holocaust-Leugner Richard Williamson. Merkel forderte damals den Papst zu einer Klarstellung auf, dass es keine Holocaust-Leugnung geben dürfe.

Kommentare (1)

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Herr Niccolo Machiavelli

23.02.2015, 07:48 Uhr

Merkel flieht vor den innenpolitischen Problemen, die zu lösen ihre Aufgabe ist.

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