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11.04.2011

13:06 Uhr

Deutschland

Merkel zwingt der CDU Zerreißprobe auf

VonDaniel Goffart

Werden erst die Nachteile des Atomausstiegs deutlich, dürfte es Angela Merkel schwerfallen, die CDU auf grünem Wendekurs zu halten. Die Hoffnung der Kanzlerin, die Union werde aus innerer Einsicht grüner, ist gewagt.

Angela Merkel steht vor ihrer bislang schwersten politischen Aufgabe: Die Verwandlung der CDU in eine ökologische Atom-Ausstiegspartei gleicht einer Kulturrevolution. Schon vorher hat die Kanzlerin der Partei Konrad Adenauers und Helmut Kohls einiges zugemutet: Die Abschaffung der Wehrpflicht, die Anerkennung Deutschlands als Einwanderungsland sowie die Duldung der doppelten Staatsbürgerschaft brachten bereits viele konservative Weltbilder ins Wanken. Das gilt auch für die Durchsetzung von Frauenquoten oder Ganztagsbetreuung in Kindergärten und Schulen.

Heute bestimmen neben Merkel vor allem ihre weiblichen Vertrauten die Richtlinien der Politik innerhalb der CDU. Für Ursula von der Leyen, Annette Schavan oder Kristina Schröder zählt nicht mehr das traditionelle Familienbild, sondern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch die Abschaffung der Hauptschulen, die Auflösung des dreigliedrigen Schulsystems oder die Einführung von Mindestlöhnen erschüttern alte Gewissheiten der Union.

Die Atomwende stellt jedoch die Wandlungsfähigkeit der Union auf die bislang härteste Bewährungsprobe. Auch wenn sich nach dem Unglück in Japan rund 80 Prozent der Deutschen gegen die weitere Nutzung der Kernkraft aussprechen. Das Problem für Merkel liegt darin, dass von den 20 Prozent unerschütterlicher Befürworter der größte Teil bei den Unionswählern zu finden ist - vor allem auf dem Wirtschaftsflügel.

Das zweite Problem betrifft die wechselhafte Wahrnehmung der Atomkraft. Aller Voraussicht nach werden in den nächsten Wochen und Monaten die Schreckensbilder von Fukushima allmählich aus den Nachrichtensendungen verschwinden. Die Kraft der Bilder in den Köpfen der Menschen verliert damit an Wirkung.

Stattdessen werden in Kürze die Schattenseiten des schnellen Atomausstiegs die deutsche Debatte bestimmen: Wie überzeugend ist ein Abschalten einheimischer Meiler, wenn wir dafür Atomstrom aus Frankreich und Osteuropa beziehen? Wie wohl fühlen sich Bürger und Wirtschaft mit der Erkenntnis, für einen weitaus längeren Übergangszeitraum noch stärker als bisher auf russische Gaslieferungen angewiesen zu sein? Nicht zuletzt: Werden Bürgerinitiativen und Naturschutzverbände einsichtsvoll alle Proteste unterdrücken, wenn mit hohem Tempo und verkürztem Rechtsweg mehr als 3500 Kilometer neue Hochspannungsleitungen quer durch Deutschland gezogen werden? Und schweigen die atomkritischen Umweltschützer, wenn zum Schaden des Klimas die Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen hochgefahren werden müssen?

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