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25.09.2016

09:50 Uhr

Merkels Politik

Mach' es mit Gefühl

Wenn sich Menschen nicht mehr um Fakten scheren, kann in Mecklenburg-Vorpommern die Zahl der Flüchtlinge klein und der Erfolg der AfD ganz groß sein. Die Kanzlerin will deshalb „postfaktisch“ Gefühl zeigen.

Die Menschen folgten heute allein den Gefühlen, so die Kanzlerin, deshalb wolle sie es jetzt mit mehr Gefühl versuchen. dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel

Die Menschen folgten heute allein den Gefühlen, so die Kanzlerin, deshalb wolle sie es jetzt mit mehr Gefühl versuchen.

BerlinEin neuer Begriff macht die Runde: postfaktisch. Komisches Wort, irgendwie sperrig und kryptisch. Könnte aber Kult werden in der Berliner Politik. Denn „postfaktisch“ hat die Kanzlerin erobert – beziehungsweise umgekehrt. Der ein oder andere Politiker, Sprecher oder Journalist hat es schon vor ihr in den Mund genommen, aber nun tun es immer mehr.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Lengsfeld, der mit Angela Merkels „Wir schaffen das“ so seine Probleme hatte, unkt bereits: „Nicht schon wieder so ein Satz.“ Dabei ist „postfaktisch“ noch kein Satz, und muss erst einmal erklärt werden.

Merkel hat das am 19. September bei ihrem selbstkritischen Auftritt nach der für die CDU verlorenen Berlin-Wahl so getan: „Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen.“ Deshalb will sie es jetzt mit mehr Gefühl versuchen. Fakten kann sie herunterbeten, klar. Aber Gefühle zu zeigen, ist für eine Kanzlerin schon schwerer.

Es folgt dann die eher etwas bemüht und unbeholfen wirkende Formulierung: „Ich will dem also meinerseits mit einem Gefühl begegnen. Ich habe das absolut sichere Gefühl, dass wir aus dieser – zugegeben komplizierten – Phase besser herauskommen werden, als wir in diese Phase hineingegangen sind.“

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Der Druck aus der eigenen Partei entlockt der Kanzlerin ein Schuldeingeständnis in Sachen Flüchtlingspolitik. Doch das ist nicht genug: Angela Merkel muss ihren Worten Taten folgen lassen. Eine Analyse.

Es ist fraglich, ob das die Menschen mehr beeindruckt, als wenn die Regierungschefin wie früher bei der Schulden-, Finanz-, Euro- oder Griechenland-Krise sagen würde: „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir aus dieser Krise besser herauskommen werden, als wir hineingeraten sind.“

„Der Spiegel“ hat dem „Postfaktischen Regieren“ einen ganzen Leitartikel gewidmet. Stimmungen und Gefühle hätten mehr Einfluss auf die politische Wirklichkeit als Wahrheiten, Merkel sei ein Opfer der Stimmungen geworden, heißt es da.

Wie sonst wären auch Wahlerfolge von Rechtspopulisten zu erklären, die vom Niedergang Deutschlands sprechen, während die große Koalition das Asylrecht massiv verschärft hat, die Flüchtlingszahlen zurückgehen und die Republik wirtschaftlich bestens dasteht. Der Vorsitzende der Alternative für Deutschland in Berlin, Georg Pazderski, jedenfalls sagt: „Das, was man fühlt, ist auch Realität.“

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