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16.07.2015

10:17 Uhr

#MerkelStreichelt

Die Kanzlerin und das Flüchtlingsmädchen

VonLaura Waßermann

Als ein libanesisches Mädchen bei einem Treffen mit der Kanzlerin weint, weil sie Angst vor der Abschiebung hat, will Angela Merkel tröstende Worte finden. Doch der Versuch misslingt – findet die Twitter-Gemeinde.

#MerkelStreichelt

Wie Merkel das weinende Mädchen tröstete

#MerkelStreichelt: Wie Merkel das weinende Mädchen tröstete

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FrankfurtPolitisches Kalkül oder authentische Reaktion? Bundeskanzlerin Angela Merkel ist bekannt für ihre kontrollierte Art, nie tanzt sie aus der Reihe, Emotionalität zeigt sie selten. Aktuell wird jedoch ein Video diskutiert, in dem Merkel mit einem Flüchtlingsmädchen spricht wie mit einem ausgesetzten Welpen.

Als es dazu kommt, ist Merkel zu Besuch in der Paul Friedrich Scheel-Schule in Rostock. Dort steht sie 30 Schülern Rede und Antwort, unter anderem geht es um Homosexualität und die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Ein NDR-Reporter war dabei und schildert in „NDR Aktuell“, dass die Schüler prinzipiell positiv auf die Kanzlerin reagiert haben. Im Internet sorgt Merkels Verhalten gegenüber einem jungen Teenager-Mädchen aus Palästina jedoch für Kritik.

Die junge Frau namens Reem sagt, sie habe Ziele wie jeder andere und wolle studieren. Das Leben genießen könne sie aber nicht, vermutlich aus Angst abgeschoben zu werden (derzeit sind lediglich Ausschnitte des Bürger-Talks öffentlich). Es folgen Standard-Antworten wie diese: Deutschland könne nun mal nicht jeden Flüchtling aus dem Libanon oder Afrika aufnehmen.

Stärken und Schwächen von Angela Merkel

„Alternativlos“

Das ist eines der Lieblingswörter, wenn Kanzlerin Angela Merkel andere von ihrer Politik überzeugen möchte. Alternativlos ist derzeit für die CDU auch Merkels achte Wahl zur Parteichefin. Die Christdemokraten können sich momentan nicht vorstellen, wer außer der Physikerin aus der DDR die Partei führen sollte.

Ausdauer

Merkel schreibt sich selbst „kamelartige Fähigkeiten“ zu: Reserven anlegen, dosiert einsetzen. Krank ist sie selten - wenn doch, erfährt man es in der Regel nicht. Anders am Montag. Da war ihr so unwohl, dass sie eine Interview-Aufzeichnung unterbrach. Noch am Abend präsentierte sie sich wieder munter. Wer nicht zäh ist, kann Kanzleramt und Parteivorsitz nicht machen.

Geduld

Merkel kann zuhören - und abwarten. Selten reagiert sie im Affekt. So dauerte es lang, bis sie Russlands Präsident Wladimir Putin offen attackierte.

Uneitel

Anhänger wie Gegner schätzen Merkels Bodenhaftung, ihre unaufgeregte Art. Keine Skandale, keine Eskapaden, keine Diva. Oder wie Wolfgang Schäuble sagt: „Die ist nicht so Hurra-mäßig wie bei Napoleon - aber erfolgreicher.“

Ideologiefrei

Merkel zeigt sich erst einmal für alles offen und denkt nicht in den Grenzen der Unionspolitik.

Kein Redetalent

Merkel kann ein Publikum nicht mitreißen. Öffentlich formuliert sie selten scharf und pointiert.

Erklärungsdefizit

Viele Menschen sagen auch, sie wüssten nicht, was Merkels Botschaft sei. Sie erkläre ihre Politik nicht.

Keine Nachwuchsförderung

Dass Merkel so unangefochten in der CDU ist, liegt auch daran, dass sie Konkurrenten kalt gestellt hat und keine Talente gezielt fördert.

Keine Vision

Kritiker beklagen, dass Merkel keine eigenen Ziele entwerfe, sondern Ideen anderer sammele und dann die Mehrheitsmeinung suche, um nicht zu unterliegen.

Nachtragend

Merkel vergisst nichts. Wer bei ihr einmal in Ungnade fällt, ist abgemeldet. Bei nächst passender Gelegenheit zieht sie Konsequenzen. Vor allem viele Männer sehen darin wieder eine Stärke. „Sie kann Rache kalt genießen“, sagt einer aus der Opposition.

Doch plötzlich hält die Kanzlerin inne. „Och, komm.“ Ein Lächeln – Merkel geht auf das Mädchen zu. „Du hast das doch prima gemacht“, sagt sie zu dem schluchzenden Kind.

„Ich glaube nicht, Frau Bundeskanzlerin, dass es da ums prima machen geht, sondern dass es natürlich eine belastende Situation ist“, wirft der Moderator ein. „Das weiß ich, dass es eine belastende Situation ist“, sagt Merkel. Sie fühlt sich angegriffen, wendet sich wieder Reem zu: „Und deshalb möchte ich sie trotzdem einmal streicheln.“ Sie wolle junge Menschen nicht solche Situationen bringen. „Weil du es ja schwer hast und weil du ganz toll aber dargestellt hast für viele, viele andere, in welche Situation man kommen kann.“

Am Donnerstagmorgen geht das Video viral. Und wird stark kommentiert:

Allerdings zeigen beide Video-Ausschnitte, sowohl bei Youtube als auch beim NDR, nicht die ganze Situation. Tatsächlich spricht Merkel vorher bereits mit Reem über ihr Heimatland, den Libanon, in dem keine bürgerkriegsähnlichen Zustände herrschen würden. Deshalb müssten Asylanträge aus anderen Ländern eher berücksichtigt werden. Zudem ist nicht hundertprozentig sicher, dass Reem und ihre Familie abgeschoben werden.

Das ganze Gespräch mit dem Palästinenser-Mädchen und der Bundeskanzlerin ist im offiziellen Video der Bundesregierung zu sehen. Auf Handelsblatt-Anfrage, wie Angela Merkel ihre Reaktion heute sieht und ob sie sich von der Netz-Gemeinde missverstanden fühle, gab es seitens des Bundespresseamts keine Antwort.

Derweil versuchen einige Twitter-Nutzer, neutral über das Video zu sprechen:

Es sind die Worte der Bundeskanzlerin, die auf die Wage gelegt werden. Mehrere Twitterer werfen ein, dass Merkel es tröstend gemeint, Mitgefühl gezeigt hat. Doch die Häme überwiegt, der Hashtag #merkelstreichelt ist aktuell auf Platz Eins der Trends in Deutschland.

Kommentare (7)

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Herr Ciller Gurcae

16.07.2015, 12:53 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Rene Weiß

16.07.2015, 13:21 Uhr

Was soll sie denn sonst sagen. Ja, kommt alle her. Liebe Einwohner, ach ja, leider hoch mit den Steuern.
Der Bevölkerung wird zu viel zugemutet und zu schnell. Asyl ja, aber wenn man den Nationen in so kurzer Zeit - gefühlt - ihrer Identität raubt, braucht man sich nicht wundern, wenn das rechte Spektrum Zulauf bekommt.

Herr Rene Weiß

16.07.2015, 13:51 Uhr

Alle, die Merkel kritisieren, sollen es mal besser machen. Sollen wir alle Libanesen, Syrer, Irkaer, Iraner, etc. herholen und ihnen ihre "Träume" und "Wünsche" erfüllen? Oder ist es besser, sie zu ermutigen, ihr eigenes Land durch Demokratie und Wirtschaftspolitk aufzubauen? Und es kann jeder einzelne etwas tun, bspw. an im Libanon tätige gemeinnützige Organisationen spenden oder für Mädchen wie Reem Patenschaften übernehmen und Geld überweisen. Von anderen fordern ist einfach. Mich würde interessieren, wer von den Kritikern sich selbst (auch montär) in engagiert. Da hört die Willkommenskultur dann schlagartig auf. Aber auf andere eindreschen...

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