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14.01.2017

11:03 Uhr

Migranten helfen Migranten

„180-Grad-Wende“ gegen Radikalisierung

In Köln, der Stadt der Silvester-Übergriffe, haben Migranten ein besonderes Hilfsprojekt auf die Beine gestellt: Sie gehen auf junge Männer zu, die in Extremismus oder Kriminalität abdriften könnten.

Mimoun Berrisoun bietet Migranten in Zusammenarbeit mit der Stadt Köln und der Kölner Polizei Coachings zu Konfliktverhalten, Umgang mit Drogen oder Berufsvorbereitung an. dpa

Vertreter der Initiative „180-Grad-Wende“

Mimoun Berrisoun bietet Migranten in Zusammenarbeit mit der Stadt Köln und der Kölner Polizei Coachings zu Konfliktverhalten, Umgang mit Drogen oder Berufsvorbereitung an.

KölnMimoun Berrissoun (30) ist ein Mann, der seine Worte mit Bedacht wählt. Aber an einer Stelle wird er dann doch emotional. „Köln ist eine der schönsten Städte der Welt“, bricht es aus ihm heraus. Mimoun Berrissoun hat marokkanische Wurzeln. Er ist Muslim. Aber vor allem ist er Kölner.

Seit in der vergangenen Silvesternacht erneut mehr als 1.000 Nordafrikaner in Köln auftauchten, fragen dort alle nach dem Warum. Warum schon wieder Köln? Legten die jungen Männer es auf eine Machtprobe an? Ging es ihnen um ein Kräftemessen mit dem Rechtsstaat? Mimoun Berrissoun, Sozialwissenschaftler und Gründer der vielfach ausgezeichneten Initiative „180 Grad Wende“, glaubt nicht an solche Theorien. Er hält die Männer für unpolitisch. Auch mit dem Islam hat es nach seiner Überzeugung nichts zu tun.

„Die Wahrheit ist einfacher: Die wollten an Silvester was erleben, und Köln ist nun mal als Partystadt bekannt.“ Das Polizei-Aufgebot habe die Nordafrikaner nicht schrecken können, meint der Sozialwissenschaftler: „Wer sich übers Mittelmeer bis hierher vorgekämpft hat, oft durch mehrere Länder, der ist ganz andere Sachen gewohnt. Eine kurze Kontrolle macht denen nichts aus. Hauptsache, es passiert was. Hauptsache, es ist mal was los.“

Meinungen zu den Rassismus-Vorwürfen in Köln

Jürgen Mathies, Kölner Polizeipräsident

"Dadurch, dass die Personen vergleichbar aussehen und auch von ihrem Verhalten ähnlich sind, möchten wir nun sehr früh feststellen, was sie hier vorhaben." Er selbst habe dafür eine sehr niedrige Einschreitschwelle vorgegeben. Mathies erklärte: Man habe Informationen gehabt, dass Nordafrikaner erneut Probleme wie im vergangenen Jahr hätten verursachen können. Deswegen sei das präventive Vorgehen der Polizei konsequent und nicht rassistisch motiviert gewesen.

Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen

"Man muss jetzt nicht wieder über Rassismus in der Polizei reden. Und natürlich war es nach den Ereignissen vor einem Jahr angemessen, die Personengruppe, um die es geht, besonders ins Visier zu nehmen", schreibt Palmer auf seiner Facebook-Seite. "Spezifische Antworten auf spezifische Probleme sind kein Rassismus, sondern adäquat." Gleichwohl kritisierte Palmer, dass die Polizeibeamten in den sozialen Netzwerken die Bezeichnung "Nafris" für Nordafrikaner verwendet hatten. "Erstaunlich und falsch finde ich, dass jemand, der für die Polizei twittert, nicht merkt, dass der Begriff in offizieller Kommunikation nichts verloren hat", so Palmer.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP)

„Es ist die Aufgabe der Polizei, Straftaten zu verhindern. Besteht die Gefahr, dass von einer Gruppe von Menschen Straftaten ausgehen könnten, dann muss die Polizei diese Gefahr abwehren“, betonte Radek. Das sei der Polizei in Köln gelungen. Wer der Polizei latenten oder strukturellen Rassismus unterstelle, offenbare entweder gravierende Wissenslücken über die Arbeitsweise der deutschen Polizei oder versuche, das aus Sicht der GdP verhältnismäßige Vorgehen der Einsatzkräfte parteipolitisch zu instrumentalisieren, so der GdP-Vize.

Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär

„Wer die Probleme nicht beim Namen nennen will, der hat aus der Silvesternacht vor einem Jahr gar nichts gelernt“, teilte er in München mit. „Wir dürfen nicht zulassen, dass blauäugige Multikulti-Duselei zum Sicherheitsrisiko für unsere Bevölkerung wird“, sagte Scheuer. Viele Frauen seien der Polizei sehr dankbar für die intensiven Kontrollen.

Jens Spahn, CDU-Präsidiumsmitglied

Einige Leute hätten wohl schon wieder vergessen, was letztes Jahr an Silvester in Köln los gewesen sei, schrieb Spahn auf Twitter. Jetzt diskutierten alle über eine Abkürzung anstatt über das eigentliche Problem, nämlich die sexuellen Übergriffe durch junge Nordafrikaner.

Volker Beck, migrationspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion

"Bevor ich nicht von jeder Seite ihre Version des Vorgangs kenne, will ich mich nicht über das Verhalten der Kölner Polizei äußern", sagte er der Rheinischen Post. "Ich bin grundsätzlich allerdings der Meinung, dass sogenanntes 'racial profiling' - also ein polizeiliches Vorgehen allein aufgrund der tatsächlichen oder vermeintlichen ethnischen Zugehörigkeit, Religion und nationalen Herkunft von Menschen - keine legitime Vorgehensweise der Polizei wäre", sagte der Kölner Grünen-Politiker. Polizeiliche Maßnahmen müssten durch Gefahrenlagen oder das Verhalten einer Person begründet sein, nicht in ihrer Identität, sagte Beck- Alles andere würde gegen die Antirassismus-Konvention der Vereinten Nationen verstoßen.

Johannes Kahrs, SPD-Politiker

Kahrs schreibt auf Twitter: „Die Grünen-Chefin Simone Peter sollte sich bei der Polizei entschuldigen. Dieser Rassismusvorwurf ist peinlich, unanständig und falsch.“

Berrissoun ist kein Schönredner. Er sagt Sätze wie: „Kein anständiger Asylbewerber aus Nordafrika würde an solch einem Abend mit dem Zug nach Köln fahren.“ Oder: „Die Polizei musste durchgreifen, sie hat sehr gute Arbeit gemacht.“ Gleichzeitig betont er: „Es muss etwas geschehen.“ Die aggressiven jungen Nordafrikaner lassen sich nach seinen Erfahrungen in zwei Gruppen einteilen: Zum einen seien da die Berufskriminellen - um die müssten sich Polizei und Justiz kümmern. Zum anderen aber sei da die weitaus größere Gruppe der Mitläufer, die von den Intensivtätern rekrutiert werde. „Das Argument dabei lautet: „Ihr habt hier sowieso keine Perspektive. Euch bleibt gar nichts anderes übrig, als bei uns mitzumachen.““

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