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03.05.2016

16:24 Uhr

Migranten in Deutschland

Arm, aber glücklich

VonBarbara Gillmann

Jeder fünfte Bewohner Deutschlands ist Migrant. Im Schnitt sind sie ärmer, ungebildeter und häufiger arbeitslos – aber zufriedener. Welche Schlüsse Migrationsforscher daraus für die Integration von Geflüchteten ziehen.

Die Migranten in Deutschland sind im Schnitt jünger als der Rest der Bevölkerung. Reuters

Migranten in Brandenburg

Die Migranten in Deutschland sind im Schnitt jünger als der Rest der Bevölkerung.

BerlinFast 17 Millionen Menschen in Deutschland sind Migranten, also jeder fünfte. Sie verjüngen Deutschland deutlich, denn im Schnitt sind sie nur gut 35 Jahre alt – und damit zwölf Jahre jünger als Nicht-Migranten. Entsprechend höher ist also auch ihr Anteil in Schule und Ausbildung: In den Grundschulen stellen sie mehr als ein Drittel der Schüler. Das zeigt der jüngste Datenreport des Statistischen Bundesamtes und dreier Institute.

Im Schnitt sind Migranten geringer gebildet, seltener erwerbstätig, sie verdienen weniger und sind vermehrt von Armut bedroht. Bei der Schulbildung wurden zuletzt allerdings deutliche Fortschritte erzielt: Die jüngsten Pisa-Tests der 15-Jährigen fielen vor allem deshalb besser aus als früher, weil die Migranten kräftig aufgeholt haben.

Migranten sind per Definition solche, die – unabhängig von der Nationalität - entweder selbst im Ausland geboren sind oder zumindest ein Elternteil haben, das aus dem Ausland stammt. Mehr als die Hälfte von ihnen sind deutsche Staatsbürger, ein Drittel ist Deutschland geboren.

Zugang für Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt

Schule

Der Schulbesuch ist für Kinder von Asylsuchenden und Geduldeten Pflicht.

Beschäftigung

Für die Aufnahme einer „normalen“ Beschäftigung gilt für alle Asylantragsteller ohne Ausnahme eine Wartefrist von drei Monaten. Danach bedarf es dafür in der Regel einer Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit. Diese ist davon abhängig, ob für einen Arbeitsplatz nicht deutsche Arbeitnehmer oder ihnen gleichgestellte Ausländer zur Verfügung stehen (Vorrangprüfung). Zudem prüft die Agentur, ob der Asylbewerber nicht zu ungünstigeren Konditionen – wie einem niedrigeren Lohn oder einer längeren Arbeitszeit - als sonst üblich beschäftigt werden sollen (Vergleichbarkeitsprüfung). Denn eine Aushöhlung der hier geltenden Arbeitsbedingungen soll es nicht geben.

Anerkannte Flüchtlinge dürfen ohne Vorrangprüfung jede Beschäftigung aufnehmen. Die Vorrangprüfung entfällt ansonsten auch für Asylsuchende und Geduldete nach 15 Monaten Aufenthalt. Verzichtet wird darauf außerdem wenn es um Hochqualifizierte geht, um Tätigkeiten im Bundesfreiwilligendienst oder um Mangelberufe.

Status

Eine zentrale Rolle spielt der Status, den ein Asylbewerber hat. Mit seiner Antragstellung erhält er in Deutschland zunächst eine „Aufenthaltsgestattung“ für die Dauer des Verfahrens. Wird sein Asylantrag anerkannt, wird aus dieser Gestattung eine „Aufenthaltserlaubnis“. Wird der Antrag abgelehnt, müsste der Betroffene eigentlich ausreisen. Stehen dem allerdings wichtige Gründe entgegen, erhält er eine „Duldung“ – der Asylbewerber bleibt aber grundsätzlich ausreisepflichtig.

In der Aufenthaltserlaubnis, der Aufenthaltsgestattung oder Duldung ist durch eine Nebenbestimmung von der Ausländerbehörde vermerkt, ob der Betreffende in Deutschland arbeiten darf. Dabei gibt es im Grundsatz drei Kategorien: unbeschränkte Erlaubnis zur Aufnahme einer Arbeit, Beschäftigung nur mit Genehmigung der Ausländerbehörde und Untersagung der Beschäftigung (etwa bei einer kurzfristig drohenden Abschiebung).

Ausbildungsabschluss

Aufenthaltserlaubnis, Aufenthaltsgestattung und Duldung werden nur befristet erteilt. Ist ein Asylbewerber anerkannt oder hat er einen vergleichbaren Schutzstatus, kann er eine Ausbildung ohne große Probleme beginnen und abschließen. Auch bei einer Aufenthaltsgestattung kann er davon ausgehen, seine Lehre ordnungsgemäß abschließen zu können. Doch auch Azubis aus dem Ausland, die lediglich geduldet werden, können - sofern sie vor Vollendung des 21. Lebensjahres die Ausbildung aufgenommen haben – über eine Verlängerungen der Duldung ihre Lehre abschließen. Ausgenommen davon sind allerdings Menschen aus sicheren Herkunftsländer wie den Balkanstaaten.

Weiterbeschäftigung

Nach dem Abschluss einer Ausbildung kann Geduldeten eine befristete Aufenthaltserlaubnis mit der Perspektive eines Daueraufenthalts ermöglicht werden. Voraussetzung ist, dass sie eine ihrem Abschluss entsprechende und für ihren Lebensunterhalt ausreichend bezahlte Stelle finden.

Perspektive

Eine gute Perspektive auf einen langfristigen oder gar dauerhaften Aufenthalt mit entsprechender Berufstätigkeit haben derzeit Menschen aus Ländern wie Syrien, Irak, Iran und Eritrea. Asylbewerbern und Geduldeten aus diesen Ländern werde derzeit „zu einem hohen Anteil ein Schutzstatus zuerkannt“, begründen dies das Bundesinnenministerium und der Handwerksverband ZDH in einer gemeinsamen Informationsschrift vom November.

Der über 400 Seiten starke Bericht hat auch das Ziel, in der aktuellen Flüchtlingsdebatte Fakten zu liefern. So fordert er, leichtere Zugänge für Bildungsangebote zu schaffen. Denn je besser qualifiziert die Menschen sind, umso seltener sind sie erwerbslos. 2014 waren 65 Prozent der 15- bis 64-Jährigen mit Migrationshintergrund erwerbstätig – elf Prozent weniger als in der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund.

Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), forderte bei der Präsentation der Studie Konsequenzen aus der Erfahrung älterer Zuwanderer. Für die aktuelle Situation Geflüchteter müsse gelernt werden, „was wir anders und richtiger machen können“.

Heinrich Alt, Ex-Vorstand der Bundesanstalt für Arbeit, forderte eine Beschleunigung der bürokratischen Abläufe. „Wir müssen diese elend langen Asylverfahren verkürzen. Auf eine Zeit von maximal drei Monaten“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. „Ein bis zwei Jahre warten - das ist Elend pur. Das hält Menschen von Arbeit ab, erzeugt Frust, Schwarzarbeit und Kleinkriminalität.“.´

Kommentare (1)

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Frau Annette Bollmohr

04.05.2016, 11:09 Uhr

(Anmerkung vorab: Gut dass Sie schreiben "im Schnitt". Trifft also nicht auf jeden zu, aber eben doch mehr auf Migranten als auf Nicht-Migranten.)

Und jetzt weiter: Glücklichsein ist ja wohl so ziemlich das Wichtigste überhaupt.

Würde es sich da nicht für uns alle sehr lohnen, herauszufinden zu versuchen, was genau dieses Gefühl der Zufriedenheit ausmacht?

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