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19.07.2016

16:25 Uhr

Minderjährige Flüchtlinge

Mammutaufgabe für Jugendämter und Lehrer

Geflüchtete Kinder und Jugendliche haben bessere Voraussetzungen dafür, sich in Deutschland zu integrieren, als ältere Asylbewerber. Sie kommen jedoch häufig mit schwerem seelischen Gepäck nach Deutschland.

Viele haben Armut erlebt, Bürgerkrieg, Terror oder Vertreibung. dpa

Flüchtlingskinder in Halberstadt

Viele haben Armut erlebt, Bürgerkrieg, Terror oder Vertreibung.

BerlinDie Zahl der Minderjährigen, die ohne Eltern nach Deutschland flüchten, ist in den vergangenen zwei Jahren enorm angestiegen. Die meisten von ihnen kommen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak.

Alleine im ersten Quartal dieses Jahres wurden an den deutschen Grenzen mehr als 3652 unbegleitete Kinder und Jugendliche von der Bundespolizei registriert. Landkreise und kreisfreie Städte hätten im vergangenen Jahr bundesweit etwa 60.000 unbegleitete Minderjährige aufgenommen, berichtet der Deutsche Landkreistag.

Spricht man mit Sozialarbeitern und Ehrenamtlichen, die in der Flüchtlingshilfe aktiv sind, hört man zwei sehr gegensätzliche Aussagen über diese Gruppe.

Asylsuchende in Deutschland

Asylanträge

Die beim Bamf eingegangenen Asylgesuche bilden die einzige gesicherte Zahl. Im Gesamtjahr 2015 waren das 476.649 und damit rund 273.800 oder 135 Prozent mehr als 2014. Die bisherige Rekordzahl liegt 23 Jahre zurück: Unter anderem als Folge der Balkan-Kriege gab es 1992 438.200 Asylanträge.
Hauptherkunftsländer der Antragsteller waren 2015 Syrien (162.510), Albanien (54.762), Kosovo (37.095), Afghanistan (31.902) und Irak (31.379). Nimmt man noch Serbien (26.945) und Mazedonien (14.131) hinzu, kamen rund 133.000 Asylanträge aus vier der sechs Westbalkan-Länder, die 2014 und 2015 zu sicheren Herkunftsländern erklärt wurden.

Easy-Zahlen

Eingereist sind 2015 weitaus mehr Flüchtlinge und Asylbewerber. Das zeigt die Datenbasis zur Erstverteilung von Asylsuchenden (Easy), in der Schutzsuchende registriert werden, um nach einem festgelegten Schlüssel auf die einzelnen Bundesländer verteilt zu werden. Dort wurden laut Innenministerium 2015 rund 1,092 Millionen Zugänge registriert. Darunter waren rund 428.500 Syrer (rund 40 Prozent). Während die Neuzugänge bis November jeden Monat deutlich stiegen, gingen sie im Dezember zurück auf 127.300 nach 206.100 im Vormonat.
Die Easy-Zahl übersteigt die Asylanträge, weil viele Asylsuchende schon vor dem Asylantrag von den Ländern an die Kommunen weitergeleitet werden, da die Kapazitäten der Erstaufnahmeeinrichtungen erschöpft sind. Der formale Asylantrag kann sich daher um Wochen verzögern. Eine unbekannte Zahl der bei Easy Registrierten nutzt Deutschland auch nur als Durchgangsstation etwa auf der Reise nach Skandinavien.

Entschiedene Asylanträge

Das Bundesamt für Migration entscheidet zwar über mehr Anträge als im vorigen Jahr. Doch mit dem raschen Zustrom der Flüchtlinge hält es nicht Schritt. Laut Bilanz für 2015 wurden 282.726 Entscheidungen getroffen, mehr als doppelt so viele wie 2014. Davon erhielten 48,5 Prozent den Flüchtlingsstatus laut Genfer Konvention zuerkannt und dürfen damit in Deutschland bleiben. Davon wiederum wurden 2029 (0,7 Prozent aller Entscheidungen) als Asylberechtigte nach Artikel 16a des Grundgesetzes anerkannt. Von den entschiedenen syrischen Anträgen wurden 95,8 Prozent als Flüchtlinge anerkannt. Für Albaner, Kosovaren und Serben lag die Quote bei null Prozent.

Nicht entschiedene Anträge

Die Zahl der noch nicht entschiedenen Anträge stieg bis Ende 2015 auf 364.664. Hinzu kommt eine nicht bezifferbare Zahl von Flüchtlingen, die bereits registriert sind, deren Asylantrag aber noch nicht erfasst wurde. Der Antragsrückstau ist eines der größten Probleme. Das Bamf hat daher für 2016 4000 weitere Stellen bewilligt bekommen, wodurch die Mitarbeiterzahl auf etwa 7300 steigt. Bamf-Chef Frank-Jürgen Weise, der auch Chef der Bundesagentur für Arbeit ist, zeigte sich am Dienstag zuversichtlich, dass die 4000 neuen Beschäftigten „im besten Fall bis Mitte des Jahres qualifiziert im Einsatz“ seien.

Verfahrensdauer

Als ersten Erfolg werten das Bamf und das Innenministerium, dass sich die Verfahrensdauer für Syrer verkürzt hat. Sie stieg nach Angaben des Innenministeriums von 3,5 Monaten (Januar 2015) zunächst auf 4,3 Monate (Juni), sank bis Dezember aber auf 2,5 Monate. Für Antragssteller, die seit Jahresbeginn 2016 eingereist sind, könnte es wieder länger dauern: Für sie gilt wieder die Einzelfallprüfung mit persönlicher Anhörung durch den sogenannten Entscheider.

Erstens: Die Kinder und Jugendlichen haben bessere Voraussetzungen dafür, sich in der deutschen Gesellschaft zurechtzufinden als ältere Asylbewerber. Denn sie werden intensiver betreut und lernen oft schneller Deutsch. Die Polizei schaltet immer das Jugendamt ein. Die Minderjährigen erhalten einen Vormund, werden in Jugendhilfeeinrichtungen, betreuten Wohngruppen oder bei Pflegefamilien untergebracht.

Zweitens: Die unbegleiteten Minderjährigen kommen oft mit schwerem seelischen Gepäck. Viele haben Armut erlebt, Bürgerkrieg, Terror oder Vertreibung. Auch die Fluchterfahrungen wirken oft lange nach.

Wenn die erste Anspannung gewichen ist, erzählen sie von prügelnden Polizisten in Bulgarien, kenternden Schlepperbooten und Stunden im dunklen Container – eingesperrt mit Dutzenden Erwachsenen. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband forderte Anfang des Monates mehr Unterstützung bei der Schulung von Lehrern, in deren Klassen viele traumatisierte Flüchtlingskinder sitzen.

Auf vielen Jugendlichen lastet zudem ein immenser Druck, weil sie von ihren Familien mit einem konkreten „Auftrag“ nach Deutschland geschickt wurden. Bei den Syrern geht es vor allem darum, den Familiennachzug für Eltern und Geschwister zu organisieren.

Die Minderjährigen aus Afrika und Afghanistan sollen eher arbeiten und Geld schicken. Wenn sie in Deutschland ankommen und dann feststellen müssen, dass sie diese Erwartungen nicht erfüllen können, geraten sie nach Angaben von Sozialarbeitern oft in große seelische Nöte.

Der Kulturschock sei besonders für afghanische Jugendliche aus ländlichen Gebieten anfangs groß, berichtet ein Dozent, der in München Sozialarbeiter, Ehrenamtliche und Lehrer für den Umgang mit Flüchtlingen schult. Er sagt: „Sie kennen es nicht, dass Frauen in der Öffentlichkeit zu sehen sind. Auf einmal steht eine Lehrerin vor ihnen, und das ist schwierig.“ Für Flüchtlinge aus Syrien sei das dagegen Normalität.

Von

dpa

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