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21.11.2013

09:58 Uhr

Mindestlohn

Die einen entspannen, die anderen bangen

Die großen Discounter-Ketten sehen sich vom geplanten Mindestlohn nicht bedroht. Es ängstigen sich dafür kleine Bäcker, Land- und Gastwirte. Sie sehen die Balance zwischen Lohn und erwirtschafteten Werten gefährdet.

Nach Schätzungen des Hotel- und Gastronomie-Verbandes Dehoga müssten die Preise für Speisen und Getränke mit einem Mindestlohn von 8,50 im Gastgewerbe in einigen Regionen um sieben bis zehn Prozent steigen. dpa

Nach Schätzungen des Hotel- und Gastronomie-Verbandes Dehoga müssten die Preise für Speisen und Getränke mit einem Mindestlohn von 8,50 im Gastgewerbe in einigen Regionen um sieben bis zehn Prozent steigen.

BerlinDer Riss trennt große Handelskonzerne und kleine Betriebe, Ballungsräume und ländliche Regionen, West und Ost. Während die einen dem geplanten gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro gelassen entgegensehen, fürchten die anderen um ihre Existenz und damit um Arbeitsplätze. Wenn die Lohnuntergrenze kommt, dann bitte erst in einigen Jahren, so die Hoffnung von Landwirten oder Taxiunternehmen. Union und SPD hatten sich zu Wochenbeginn auf einen gesetzlichen Mindestlohn verständigt. Höhe und Starttermin sind noch offen.

Von den Plänen sieht sich Discount-Marktführer Aldi nicht betroffen. Aldi Süd zahle selbst geringfügig Beschäftigten einen internen Mindestlohn von elf Euro die Stunde. „Der derzeit diskutierte Mindestlohn von 8,50 Euro hat aus diesem Grund keinen Einfluss auf das Vergütungssystem in unserem Haus“, sagte eine Sprecherin. Aldi Nord verwies darauf, dass eine Verkäuferin im ersten Berufsjahr am Tarifbeispiel Nordrhein-Westfalen 11,08 Euro pro Stunde erhalte.

Die unterschiedlichen Mindestlöhne in Deutschland

Pflegebranche

Knapp 800.000 Pflegekräfte erhalten seit dem 1. August 2011 einen gesetzlichen Mindestlohn. Pflegehilfskräfte in der Alten- und ambulanten Krankenpflege bekommen im Osten 7,75 Euro und im Westen 8,75 Euro.

Wach- und Sicherheitsgewerbe

Für die 170.000 Beschäftigten der Branche beträgt der Mindestlohn in allen Regionen Deutschlands seit Anfang 2013 mindestens 7,50 Euro. Für einzelne Regionen im Osten bedeutete dies eine Lohnerhöhung um bis zu 60 Prozent. Die Verordnung ist bis 31. Dezember 2013 befristet.

Abfallwirtschaft

Ob Straßenreiniger, Sortierkraft, oder Müllwerker: Für 160.000 Beschäftigte der Abfallwirtschaft gilt seit Februar ein Mindestlohn von bundeseinheitlich 8,68 Euro.

Bergbau- und Spezialdienste

Für die etwa 2500 Beschäftigten gilt seit Oktober 2009 ein Mindeststundenlohn. Seit 1. November 2011 werden 11,53 Euro für einfache Tätigkeiten gezahlt, Facharbeiter erhalten 12,81 Euro.

Maler- und Lackierer

Für ungelernte Arbeitnehmer der Branche mit etwa 100.000 Beschäftigten gilt eine Lohnuntergrenze von 9,75 Euro, Gesellen verdienen 12,00 Euro pro Stunde.

Industrielle Großwäschereien

Die etwa 35.000 Beschäftigten erhalten seit April 2012 mindestens 8,00 Euro im Westen und 7,00 Euro im Osten.

Gebäudereiniger

Der Mindestlohn für die rund 700.000 Beschäftigten wurde angehoben. In der Innenreinigung werden seit 2012 nun mindestens 8,82 Euro im Westen (7,00 Euro im Osten) gezahlt, während Fassadenreiniger 11,33 Euro (8,88 Euro) erhalten.

Dachdecker

Die etwa 84.000 Arbeitnehmer bekommen seit Jahresanfang bundeseinheitlich einen Mindestlohn von 11,20 Euro.

Bauhauptgewerbe

Für die etwa 414.500 Beschäftigten im Westen gilt seit dem 01. Juli ein Mindestlohn von 11,05 Euro für Werker und 13,40 Euro für Fachwerker. Die 127.600 Beschäftigten im Osten verdienen einheitlich mindestens 10,00 Euro.

Elektrohandwerk

Betroffen sind etwa 280.000 Arbeitnehmer, die ein Mindestentgelt von 9,90 Euro (8,85 Euro Ost) erhalten.

Gerüstbau

Für die rund 30.000 Gerüstbauer in Deutschland gibt es seit dem 01. August einen bundesweiten Mindestlohn. Erstmals wurde eine untere Lohngrenze von 9,50 Euro in Ost und West vereinbart.

Berufliche Weiterbildung

Auch rund 23.000 Angestellte, die als Lehrer, Sozialpädagogen oder Handwerksmeister Jugendliche aus- und Arbeitslose weiterbilden, bekommen einen Mindestlohn. Er liegt je nach Tätigkeit bei mindestens 12,60 Euro im Westen und bei 11,25 im Osten.

Briefdienstleistungen

In weiteren Branchen ist ein Mindestlohn rechtlich möglich, aber nicht in Kraft. Betroffen ist zum Beispiel die Branche Briefdienstleistungen: Für Briefzusteller war 2009 ein Mindestlohn von 9,80 Euro festgelegt worden. Das Bundesverwaltungsgericht hat den Mindestlohn aber im Januar 2010 gekippt, da er rechtswidrig zustandegekommen sei.

Forstliche Dienstleister

Für diese Branche liegen Mindestlohntarifverträge vor, die noch nicht für allgemeinverbindlich erklärt wurden. Vereinbart sind 10,52 pro Stunde.

Steinmetze und Steinmaurer

Auch im Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk gibt es Mindestlohntarifverträge. Vereinbart wurde ein Mindestlohn von 9,75 bis 11,00 Euro pro Stunde.

Abbruch- und Abwrackgewerbe

Hier galt bis Ende 2008 ein Mindestlohn von 9,10 Euro bis 11,96 Euro. Ausführliche Informationen zur Allgemeinverbindlichkeit und geltenden Mindestlöhnen bietet das Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Die Metro Group betonte, es gebe im Großhandel mit Sachsen und Sachsen-Anhalt nur noch zwei Tarifgebiete, in denen der unterste tarifliche Lohn derzeit nicht über 8,50 Euro liege. „Somit erhalten die Mitarbeiter für ihre Arbeit Löhne, die in aller Regel höher sind als der geforderte gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro“, sagte ein Sprecher.

Die Bäckerei-Kette Kamps erklärte, sie halte sich an den Tarifvertrag für Bäckereien. Dessen unterste Stufe sehe einen Lohn von 8,50 Euro vor. Dies gelte jedoch nur für die 440 Mitarbeiter am Hauptsitz in Schwalmtal bei Mönchengladbach. In den als Franchise-Unternehmen geführten Bäckereien könnte das anders aussehen. In den Musterverträgen für Mitarbeiter gebe man zwar einen Stundenlohn von 8,50 Euro vor, allerdings müssen sich die Franchise-Partner nicht daran halten.

Auch die Gastronomie in Nordrhein-Westfalen fürchtet die 8,50 Euro nicht. Eine Tarifvereinbarung sichere Beschäftigten von der Spülhilfe bis zur Kellnerin bereits jetzt mindestens 8,50 Euro die Stunde zu, sagte Thorsten Hellwig vom nordrhein-westfälischen Hotel und Gaststättenverband (Dehoga). „Wir haben jedoch ein grundsätzliches Problem mit einem flächendeckenden Mindestlohn – insbesondere dann, wenn die Politik ihn festlegt.“ Regionale Begebenheiten erforderten regionale Löhne.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

21.11.2013, 10:43 Uhr

Naja, was haben denn alle erwartet - daß es den Mindestlohn zum Nulltarif gibt?
Daß die Arbeitgeber die Mehrkosten, wenn irgendwie möglich, auf die Preise umlegen war doch wohl klar.

Wenn der Mindestlohn denn gewollt wird werden wir ihn auch alle mitbezahlen müssen, ist ja auch irgendwo gerechtfertigt...

Blutsauger-SPD

21.11.2013, 11:28 Uhr

Tja, blöd gelaufen, ne?

Die FDP wurde abgestraft, weil sie:
- weniger Staat wollte
- weniger Steuern wollte

Nun habt ihr die Blutsauger in der Regierung und nun wird Kasse gemacht. Richtig so, dass der typische SPD-Wähler, als der KLEINE Mann ordentlich zur Kasse gebeten wird.

Die Welt ist einfach mega gerecht.

Ich_kritisch

21.11.2013, 11:33 Uhr

Da werden die Taxi-Fahrten halt teurer - bei den Taxis seh ich nu wirklich kein Problem.

und Obst- und Gemüse-Bauern müssen halt in der Region verkaufen. Der Verbraucher ist ohne weiteres bereit mehr für das Zeug zu bezahlen - wenn er denn weiss wo es her kommt.

Schwierig wird es für die, die ihre Anbauprodukte an die großen Lebensmittelfabriken verkaufen. Iglo und Apetito etc. Die werden dann auf dem Weltmarkt den billigen Schund kaufen - wir bekommen dafür dann vielleicht frische gute Produkte aus Deutschland. statt Spargel - Erdbeeren und Wirsing aus Übersee.

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